Es geht nicht um die boshafte Frage, ob HCD-Trainer Josh Holden einen Wintermantel braucht. Er benötigt jetzt schon einen. Die Temperaturen sinken in Davos oben in der Nacht auf nur noch 2 Grad. Aber die Frage ist, ob es sich bei diesem 0:7 tatsächlich nur um einen «Betriebsunfall» handelt.
Rolf Schlapbach ist in Langnau seit gut 40 Jahren Medienverantwortlicher. Auch vor der Partie gegen den HC Davos waltet er umsichtig seines Amtes und verteilt den Chronistinnen und Chronisten ein Blatt mit der Teamaufstellung. Früher erstellt in Handschrift. Heute ist es ein Computer-Ausdruck.
Zu Gast ist ein langjähriger Kenner der helvetischen Hockey-Szene, auch schon seit gut 40 Jahren dabei. Er studiert die HCD-Teamaufstellung und sagt:
Wie bitte? Ein Freispiel gegen den Rekordmeister und aktuellen Spengler Cup-Sieger?
Potz Donner! Ein hartes Urteil! Aber nach 3:15 Minuten steht es schon 2:0. Nach 40 Minuten wird Luca Hollenstein durch Sandro Aeschlimann ersetzt. Er hat sechs Tore kassiert. Mit der miserablen Fangquote von 76,00 Prozent. Gut ist eine Fangquote ab 90 Prozent.
Wie wir das auch drehen und wenden: Der langjährige Kenner, der an diesem Abend nach Langnau gereist ist, hat recht. Langnau hatte ein Freispiel. Punkt.
0:7 in Langnau. Was für eine Schmach! Trainer Josh Holden wird toben. Er war als Spieler ein Feuerkopf. 1066 Strafminuten in 652 NL-Spielen. Wahrscheinlich wird er die Kabinentüre schletzen, dass es den Ilfis-Tempel in den Grundfesten erschüttert. Es könnte sehr wohl sein, dass die HCD-Kabinentüre erst nach einer guten Stunde oder gar erst nach Mitternacht geöffnet wird.
Aber Josh Holden tobt nicht. Er bittet den Chronisten freundlich um ein wenig Geduld. Er werde gleich Red und Antwort stehen. Und siehe da: Er verschwindet nur kurz in der Kabine und kommt gleich wieder. Nach weniger als fünf Minuten. Keine Türe wird zugeknallt. Niemand flucht. Kein lautes Wort ist zu vernehmen. Es ist nachgerade windstill im Kabinengang.
Josh Holden, was war los mit dem HCD?
«Hm, haben Sie eine Erklärung?»
Tja, der Chronist ist nicht Coach, versteht von der Sache wenig und erwidert trotzdem: Erstens sei der Goalie miserabel gewesen und zweitens hätten die HCD-Fünferblocks auf dem Eis nie richtig funktioniert und eine Einheit gebildet. Das mit der fehlenden Einheit sieht der HCD-Trainer auch so. Das mit dem Goalie ganz und gar nicht. Darüber später mehr.
Wie wird seine Reaktion auf diese 0:7-Schmach sein? Wird er am nächsten Tag doch noch toben? Oder gar ein Straftraining anordnen? Nichts davon kündigt der eingebürgerte Kanadier an.
Welche Schlüsse? Das werde sich zeigen.
Es wird wohl auch am nächsten Tag in Davos windstill sein.
Er gibt zu, dass dem Spiel seiner Mannschaft die Intensität gefehlt habe. Die Bereitschaft zu kämpfen. Der unbedingte Siegeswille. «Das wird in einer so ausgeglichenen Liga bestraft.» Aber sein Vertrauen in die Mannschaft ist keineswegs erschüttert. «Es sind gute Jungs.» Und hat für das Versagen eine Erklärung:
Was war mit Andres Ambühl los?
«Warum fragen Sie?»
Nun, es ist nicht seine Art, einen Gegenspieler so über den Haufen zu fahren, dass er von den Schiedsrichtern unter die Dusche geschickt wird. Andres Ambühl hat Oskars Lapinskis auf offenem Eis so wuchtig umgefahren und ihn dabei am Kopf getroffen, dass er mit einem Restausschluss bestraft worden ist.
Josh Holden sagt, da sei keine böse Absicht im Spiel gewesen.
Der Optimist stimmt zu und sagt: Ja, so muss es gewesen sein. Andres Ambühl ist einer der fairsten Spieler unserer Hockey-Historie und ja wahrlich kein Hitzkopf. Der Pessimist gibt zu bedenken: Andres Ambühl ist auch ein leidenschaftlicher Kämpfer. Es könnte halt schon sein, dass Frustration bei dieser Aktion eine Rolle gespielt haben könnte.
Aber reden wir noch einmal über die Goalies. Frage an den HCD-Trainer: Warum haben Sie Luca Hollenstein ins Tor gestellt? Und nicht Sandro Aeschlimann? «Wir haben einen klaren Plan.» Und führt weiter aus:
Also eigentlich theoretisch zwei gleichwertige letzte Männer, die beim Saisonstart beide eine Chance bekommen. So zumindest versteht es der Chronist und kommt zum Schluss: Dann hat ja dieses Spiel doch etwas gebracht.
Die Erkenntnis, wer ganz klar die Nummer 1 ist und wer sicher nicht zur Nummer 1 taugt.
Das lässt Josh Holden so nicht stehen:
Okay, es wäre unfair, Luca Hollenstein mit einer Fangquote von 76,00 Prozent als «Lottergoalie» zu bezeichnen. Also tun wir es nicht. Obwohl vier der sechs Treffer nicht unhaltbar waren. Aber bei seinem ersten Saisonspiel in Lugano (2:4-Niederlage) hat er immerhin 91,67 Prozent der Schüsse gehalten.
Eine Frage bleibt noch: Josh Holden war als Spieler ein Feuer- und Hitzkopf. Wie kann es sein, dass er nun nach einem 0:7 in Langnau – 0:7 in Langnau! – so ruhig und gelassen bleibt? Nimmt er sich einfach ganz fest zusammen oder ist er tatsächlich so entspannt?
Und begründet seine Gelassenheit: «Wir haben einen klaren Plan.» Nervosität käme nur dann auf, wenn er keinen klaren Plan hätte.
Ein 0:7 bringt den HCD-Trainer also nicht aus der Spur und seine Pläne nicht durcheinander.
Der freundliche Optimist fasst den Abend in einem Satz zusammen: Es war ein HCD-Betriebsunfall. Der boshafte Optimist schiebt nach: Oder doch mehr? Time will tell.
Für Langnau ist dieses 7:0 die definitive Bestätigung des richtigen Kurses. Ein Blick zurück ist aufschlussreich. Am 22. September 2023 sind die SCL Tigers nach dem 4. Saisonspiel auf den letzten Platz zurückgefallen. Mit einem Torverhältnis von 6:21. Die Startbilanz ist miserabel: Zum Auftakt zwar ein 2:1 n.V. gegen Servette. Aber dann folgten ein 3:7 in Lausanne, ein 1:6 auf eigenem Eis gegen den HCD und dann gar ein 0:7 in Bern.
Im Rückblick erkennen wir: Im September 2023 wird der «Ilfis-Jalonen» geboren. Trainer Thierry Paterlini erkennt, dass er mit den Langnauern nur eine Chance hat, wenn es ihm gelingt, in geduldiger, beharrlicher Arbeit ein Defensiv-System einzufuchsen. Er hat das Glück, dass ihn Sportchef Pascal Müller dabei bedingungslos unterstützt und ihm sogar als ultimativer Vertrauensbeweis noch im September 2023 den Vertrag vorzeitig um ein Jahr verlängert.
Nun sind die SCL Tigers ein taktisch erstaunlich solides Team geworden. So wie beim HCD die Fünferblocks keine Einheit sind, so funktionieren die fünf Langnauer auf dem Eis schon fast mit der Präzision eines Uhrwerkes. Sie schliessen die Räume in der neutralen Zone, lassen den Gegenspieler wenig Zeit und Raum. Aber sie schalten blitzschnell auf Offensive um, wenn sich dazu die Gelegenheit bietet. Hochklassiges «Schablonen-Hockey» mit dem Primat der Defensive. Nach dem finnischen Muster des legendären SCB-Meistertrainers Kari Jalonen.
Thierry Paterlini als «Ilfis-Jalonen». Von solchen Wortspielen hält er nichts. Aber er bestätigt diese taktische Ausrichtung seit dem debakulösen Auftakt der letzten Saison.
Die Frage ist nun, wie weit die taktisch gereiften Langnauer kommen werden. Vor einem Jahr haben sie fünf der ersten sechs Spiele verloren. Diesen miserablen Start konnten sie nie mehr korrigieren und kamen am Ende nicht über Rang 11 hinaus.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
Er ist
Er kann
Erwarte
Gegen den HCD ist das perfekte Spiel gelungen. Zum ersten Mal seit dem 17. November 2015 gewinnen die SCL Tigers ein Heimspiel mit 7 Toren Differenz. Damals bodigten sie Biel ebenfalls 7:0 und kamen am Ende doch nicht über den zweitletzten Platz hinaus – vor Biel. An der Bande stand Benoit Laporte und von den Helden dieser Partie ist kein einziger mehr dabei.
Die taktische Rechnung der Langnauer geht dann auf, wenn es gelingt, sogleich in Führung zu gehen. Das war beim 4:2 gegen Gottéron so (1:0 nach 7 Minuten) und nun erst recht gegen den HCD (2:0 nach weniger als 4 Minuten). Aber gegen den SCB und in Zug ist es nicht mehr gelungen, das Spiel nach einem 0:1-Rückstand zu drehen.
Der HCD kann am Samstag in Zug und am Sonntag gegen die Lakers den dienstäglichen «Betriebsunfall» korrigieren. Die Langnauer unterziehen ihre taktischen Schablonen am Freitag in Zürich einem Stresstest und am Samstag kommt Ajoie nach Langnau. Auch das könnte ein Stresstest werden. Time will tell.
P.S. Langnaus Topskorer Saku Mäenalanen ist bei einem Duell an der Bande in ein «Sandwich» zwischen seinem Verteidiger Claudio Cadonau (95 Kilo) und HCD-Verteidiger Klas Dahlbeck (93 kg) geraten. Mit blutiger Nase verschwand er noch im ersten Drittel in der Kabine und kehrte nicht mehr zurück. Ob sich der Finne eine Gehirnerschütterung zugezogen hat, wird sich im Laufe dieser Woche zeigen.
- SCRJ - Ajoie - 8 Tore in 1:27 zu quetschen ist schon hohe Kunst
- SCL - HCD - Den Check von Ambühl, der zur 5+20 geführt hat zeigt man nicht, aber wie er in die Garderobe läuft schon?
Das Konzept ist wohl weiterhin, möglichst viel im Studio sich selbst präsentieren, wen interessiert schon das Spiel..
Das Resultat jedoch nur auf den Goalie abzuschieben ist definitiv falsch. Zudem hätten die meisten Coaches nach einem so frühen 2:0 wohl entweder ein Time-Out genommen oder mit einem Goaliewechsel versucht einen Input ans Team zu geben. Holden hat Hollenstein jedoch noch 36 weitere Minuten im Regen stehen lassen.