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Aufstand der Hockey-Klubs gegen den grössten Medienkonzern im Land

Eismeister Zaugg

Aufstand der Hockey-Klubs gegen den grössten Medienkonzern im Land

Mit Qualitäts-Journalismus die Leserschaft zu erregen, ist noch recht einfach. Hingegen ist es ein historisches Kunststück, mit Qualitäts-Journalismus eine ganze Sportart gegen sich aufzubringen. Die National League probt den Aufstand gegen die TX Group, den grössten Medienkonzern im Land.
21.09.2024, 13:1028.09.2024, 13:15
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Die höchste Eishockey-Liga hat sich mit einem Schreiben an die Kommandobrücke des «Tagi»-Konzerns gewandt und fordert die sofortige Wiederaufnahme der Print-Berichterstattung.

Die börsenkotierte TX Group AG (nachfolgend «Tagi»-Gruppe genannt) ist schon lange viel mehr als «nur» die Herausgeberin des Zürcher «Tages-Anzeigers». Zum national operierenden Medienkonzern gehören inzwischen Titel wie die «SonntagsZeitung», die «Berner Zeitung», der «Bund», der «Berner Oberländer», das «Thuner Tagblatt», das «Langenthaler Tagblatt», die «Basler Zeitung», der «Landbote», der «Zürcher Unterländer», die «Zürichsee-Zeitung» und im Welschland «Le Matin Dimanche», «24 heures» und die «Tribune de Genève».

Nun hat die «Tagi»-Gruppe eine ganze Sportart gegen sich aufgebracht. Der Hintergrund: Mit einem massiven Stellenabbau auch in den Redaktionen (voraussichtlich mehr als 50 Arbeitsplätze für Chronistinnen und Chronisten) und einer Konzept- und Strategieänderung investiert die «Tagi»-Gruppe nach eigenen Angaben in den weiteren Ausbau des Qualitäts-Journalismus. Also in die Verbesserung des journalistischen Angebotes.

Diese Qualitäts-Steigerung besteht unter anderem darin, dass in den Zeitungen keine Matchberichte mehr über die Spiele in der höchsten Liga erscheinen. Zum gefühlt ersten Mal seit der Erfindung des Buchdruckes (um 1440) steht über das Spiel vom Vorabend nichts mehr in der Zeitung. Das ist vor allem (aber nicht nur) im Bernbiet ein medialer Kulturschock. Der SC Bern und die SCL Tigers haben hier einen noch viel höheren emotionalen, kulturellen, politischen und sportlichen Stellenwert als die ZSC Lions im urbanen Zürich. Steht am nächsten Tag nichts in der Zeitung, dann ist das fast so wie ein Gebet ohne Amen (man möge den Vergleich nicht als blasphemisch empfinden).

Die TX Group begründet ihren Entscheid mit Veränderungen im Druckzentrum. Diese würden zu früheren Abschlusszeiten führen.

Die Frage geht also an SCB-Manager Marc Lüthi, den wortmächtigsten und streitbarsten Hockey-General der Liga: Unternehmen Sie etwas gegen diesen medialen Kulturschock? Oder nehmen Sie das einfach hin? Er sagt, sonst meistens gut gelaunt, ungewöhnlich knurrig: «Wir motzen» (= meckern, Unzufriedenheit ausdrücken).

Motzen? Wie denn? Mit Lautsprecher-Durchsagen im SCB-Tempel? Mit Spruchbändern? «Nehmen Sie zur Kenntnis: Wir motzen.»

Die bittere Wahrheit jenseits der hockeypolitischen Korrektheit
Unter dem Bild versteckt sich Marc Lüthi 🙃🤔
SCB-Manager Marc Lüth.bild: zvg

Und siehe da, Marc Lüthi hat Wort gehalten und tatsächlich gemotzt. Aber nicht nur er. Soeben hat Denis Vaucher als Geschäftsführer der National League im Namen der 14 Klubs einen geharnischten Brief an die Frauen und Männer auf der Kommandobrücke der «Tagi»-Gruppe geschickt. An Verleger Pietro Supino, an die Geschäftsführerin Jessica Peppe-Schulz, an die «Tages-Anzeiger»-Chefredaktorin Raphaela Birrer und an den publizistischen Leiter Simon Bärtschi, der nach aussen den Stellenabbau und die Konzept- und Strategieänderung tapfer und standhaft als Investition in den Qualitäts-Journalismus zu vertreten hat.

Im Brief wird in höflicher Form die Besorgnis über die sofortige Beendigung der aktuellen Matchberichterstattung rund um die National-League-Meisterschaft in den Printausgaben zum Ausdruck gebracht. Unter anderem heisst es:

«Sie tun dies nach einer Saison, in der die National League mit über 3 Millionen verkauften Tickets einen Zuschauerrekord verzeichnen konnte und sich einer ungebrochenen Beliebtheit erfreut. Sie tun dies, obwohl Sie mit Clubs wie u. a. den ZSC Lions oder dem SC Bern grosse Publikumsmagnete in ihrem direkten Verbreitungsgebiet wissen. Sie merken, wir können diesen Entscheid in keiner Weise nachvollziehen. Es handelt sich um eine Hiobsbotschaft nicht nur für die National League und ihre Klubs in den betroffenen Regionen, sondern fürs gesamte Eishockey und alle damit verbundenen Anstrengungen im Nachwuchs und im Frauen-Hockey.»

Das Schreiben endet mit einer als Bitte formulierten klaren Forderung: «Wir bitten Sie, diesen Entscheid im Interesse aller Betroffenen nochmals zu überdenken und die Print-Berichterstattung über die National League per sofort wieder aufzunehmen.»

Um es hockeytechnisch auszudrücken: Die Liga hat gegen den grössten Medienkonzern im Land sozusagen eine «Coaches Challenge» angenommen. Nun wird sich zeigen, ob der Entscheid zurückgenommen wird oder alles so bleibt, wie es nun neuerdings der Ausbau des Qualitäts-Journalismus mit sich bringt. Affaire à suivre.

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65 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MikeT
21.09.2024 14:21registriert Januar 2016
Es dämmert auch den scheinbar allwissenden Hockeymanagern, dass dieser coole Sport zunehmend nur noch in den Stadien stattfindet. Die TV Rechte hat man selber von der mit Abstand grössten Plattform entfernt, der Printbereich folgt jetzt auch nur den Gesetzen des Marktes. Alles sehr unerfreulich mit vielen Verlierern.
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Paia87
21.09.2024 14:07registriert Februar 2014
Irgendwie unterhaltsam…
Das grosse Murren, wenn ihnen eine Plattform entzogen wird. Aber als die neuen Medien/TV Verträge anstanden, entzog man der SL ebenso die Plattform, waren ja aber nur die Kleinen. Etwa ähnlich wie das Theater um Postfinance und dem Frauenhockey. Ich warte auf den Moment, wenn der Sport mal wieder im Vordergrund steht…
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egemek
21.09.2024 13:24registriert Mai 2016
Ob es die Berichte in den Print-Ausgaben noch braucht, darüber kann man tatsächlich diskutieren. Aber wenn es auch online keine Berichte mehr gibt, wäre das schade.

Gehöre geographisch eher zu CHmedia und ich habe schon oft festgestellt, dass der halbe Sportteil meiner Lokalzeitung auch auf watson oder sonst wo online zu finden ist. Was nicht verwunderlich ist, da beides zum gleichen Konzern gehört.
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