Magisches Gottéron: Den Titel gewinnen und die Seele verlieren?
Gottéron-Mafia? Ein Wort, zu scharf geschliffen für das, was es zu beschreiben sucht. Und doch blitzt darin ein Körnchen Wahrheit: Der HC Fribourg-Gottéron ist mehr als ein Klub. Er ist ein Familienunternehmen im besten, im legalen Sinn, das alle Gesellschaftsschichten eines ganzen Kantons vereinigt. Und heute Abend wartet diese Familie nicht einfach auf ein Spiel – sie wartet auf ein Ereignis von kultureller, von historischer Tragweite. Auf das 7. Finalspiel, das Gottéron, der Familie, der Stadt, dem Kanton in Davos oben den ersten Meistertitel einbringen kann.
Wobei: Es geht nicht einfach um einen Titel. Es geht um das Selbstverständnis eines ganzen Kantons. Kein anderes Sportunternehmen in der Schweiz – abgesehen vielleicht vom HC Ajoie für den Kanton Jura – löst so tiefe Wellen der Begeisterung, der Hoffnung, des Bangens in allen Gesellschafschichten aus wie der HC Fribourg-Gottéron. Ob die ZSC Lions oder Kloten Meister werden, ist vielen Zürcherinnen und Zürchern herzlich egal, ob der SC Bern oder Biel um den Titel spielen, interessiert bei weitem nicht das ganze Bernbiet. Das Schicksal der Lakers beschäftigt die Sportfans im Kanton St. Gallen kaum. Nicht einmal der EV Zug vermag seinen steinreichen Zwergkanton nur annähernd so zu mobilisieren, aufzuwühlen.
Denn dieser Hockeyklub, benannt nach dem kleinen Flüsschen im Gottéron-Tal mit dem Wappentier des Drachens aus eben diesem Tal, gegründet 1938, verbindet an der kulturellen Schnittstelle des Landes («Röstigraben») die welsche, aus dem Burgund ererbte Kultur und die alemannische von jenseits der Saane. Verbindet den katholischen und den reformierten Glauben. Verbindet das urbane Zentrum Fribourg mit den voralpinen und alpinen Landschaften. Verbindet Vergangenheit – Fribourg/Freiburg ist eine der besterhaltenen mittelalterlichen Städte unseres Landes – mit der Dynamik des modernen Sportes.
Es gibt eine wunderbare, alte Beschreibung der ganz besonderen Wesensart:
Und der Fixstern an diesem Himmel ist Gottéron. Dieser Klub ist der emotionale Kraftort eines ganzen Kantons. Sozial, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Konkurrenzlos. Keine andere Sportart hat auch nur annährend die gleiche Strahlkraft. Am 7. März 2023, im zweitletzten Qualifikationsspiel gegen Lugano (1:2), war die Arena zum bisher letzten Mal nicht ausverkauft. Seither sind für mehr als 100 Spiele alle Tickets verkauft worden. Aktuell 9372 an der Zahl.
Gewöhnliche Begeisterung nährt sich aus Siegen. Nur bei Gottéron ist es anders: Hier ist Begeisterung mit Melancholie und Sehnsucht aufgeladen und das gibt dieser Begeisterung eine ganz besondere Tiefe. Es gibt keine Modefans, die nur herbeieilen, weil es was zu feiern gibt. Das ist so, weil Gottéron die Meisterschaft noch nie gewonnen hat. Nicht einmal in den 1990er-Jahren, als mit Slawa Bykow und Andrej Chomutow zwei der damals besten Stürmer der Welt für beispiellose offensive Flugjahre sorgten.
Bis heute ist der Final viermal verloren worden. In einer Welt, die auf Ruhm und Titel fixiert ist, haben gemeinsam erlittene Niederlagen einen eigenen Wert. Einen grösseren als vergänglicher sportlicher Ruhm, als ein Titel, der jedes Jahr vergeben wird.
Ohne dieses Versprechen, das noch nie eingelöst worden ist und gerade deshalb seine Kraft nicht verloren hat? Ein Klub wie viele andere. Erfolgreich, aber entzaubert. Die Geschichte wäre zu Ende erzählt. Und nichts ist gefährlicher für einen Traditionsklub als eine Geschichte ohne Fortsetzung. Wir sind noch nie Meister geworden, also sind wir. Das ist keine Kapitulation. Sondern ein trotziges, fast schon philosophisches Manifest.
Dieses alljährlich wiederkehrende Bangen und Hoffen, diese unstillbare Sehnsucht nach dem meisterlichen Ruhm seit dem Aufstieg in die höchste Liga im Frühjahr 1980 hält einen Kreislauf im Gange, der sich nicht erschöpft, weil er nie zum Abschluss kommt. Andere, gewöhnliche Klubs feiern Titel und müssen danach neue Geschichten erfinden. Gottéron aber lebt von einer einzigen, die sich wie von selbst immer wieder neu schreibt.
Vielleicht ist es gerade diese ewige Unvollendung, die diesen Klub so widerstandsfähig gegen die Launen des Sports und der finanziellen Not macht: Gottéron wäre in einem anderen Kanton schon mehrmals dem Konkurs anheimgefallen. Hier helfen alle, die ganze Familie eben: Staatliche, halbstaatliche und private Unternehmen, Kantonalbank, Elektrizitätswerk, Behörden, Politiker, Proletarier, Erzkapitalisten und heute gehört Gottéron zu den wirtschaftlich stabilsten Sportunternehmen im Land. Auch deshalb ist Gottéron der einzige Klub, der noch nie aus der höchsten Liga abgestiegen ist.
Vielleicht wird der meisterliche Traum heute in Erfüllung gehen. Aber dann wird sich eine andere Frage stellen: Hat Gottéron endlich einen Titel gewonnen, aber die Seele verloren?
Und auf einmal wäre die Frage: Hurra, wir sind Meister. Aber was machen wir nun?
Die Magie wäre auf jeden Fall dahin.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
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Er ist
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