Jan Cadieux – ein perfekter «Anti-Fischer»
Ein Nationaltrainer kann nur dann aus dem Schatten von Patrick Fischer treten, wenn er nicht der nächste Fischer sein will. Sondern etwas ganz anderes. Ein authentischer «Anti-Fischer».
Der letzte offizielle Medienauftritt von Jan Cadieux (46) vor dem Turnier am letzten Mittwoch stimmt zuversichtlich. Patrick Fischer (50) hätte bei dieser Gelegenheit noch einmal vom grossen Ziel WM-Titel gesprochen. Wie es seine Art ist. Mit kühnen Worten, emotionalen Bildern, ansteckendem Optimismus. Seit seinem Amtsantritt im Herbst 2015 hat er den «Urknall» ausgelöst, der unsere Hockey-Mentalität verändert hat. Die Schweizer sind vom gleichen Selbstvertrauen beseelt wie die Amerikaner oder die Kanadier. Aus den tapferen Aussenseitern sind ernsthafte Anwärter auf Gold geworden.
Die drei Finalteilnahmen von 2018, 2024 und 2025 sind keine Zufälle. Sie sind das Ergebnis dieses kulturellen Wandels. Anders als beim ersten WM-Final von 2013 (1:5 gegen Schweden) unter Sean Simpson waren die Schweizer unter Patrick Fischer nahe am goldenen Triumph. 2018 scheitern sie gegen Schweden in der Penalty-Entscheidung. 2024 besiegelt erst ein Treffer ins leere Tor in der letzten Minute die Niederlage gegen Tschechien (0:2). 2025 lebt der Traum gegen die USA bis in die Verlängerung (0:1).
Es fehlte dreimal nicht mehr viel. Vielleicht der letzte Atemzug Gelassenheit in den entscheidenden Momenten. Und genau hier beginnt die Zeit von Jan Cadieux.
Der neue Nationaltrainer bleibt beim letzten Medienauftritt vor dem Turnier bei jener nüchternen Rhetorik, die seiner Persönlichkeit entspricht. Keine grossen Sätze. Keine pathetischen Versprechen. Vor dem WM-Start spricht er von Konzentration auf die Dinge, die man kontrollieren könne. Von Entwicklung von Spiel zu Spiel. Von täglicher Arbeit.
Das klingt unspektakulär. Aber vielleicht liegt gerade darin die Kraft. Denn Jan Cadieux übernimmt keine Mannschaft voller Zweifel. Er übernimmt eine Generation, die auch dank seines Vorgängers weiss, dass sie die Besten besiegen kann. Seine Spieler müssen nicht mehr lernen, vom grossen Ziel zu träumen und zu reden. Sie müssen «nur» noch lernen, den Traum zu Ende zu spielen.
Das taktische Fundament bleibt ohnehin bestehen. Das System wird nicht verändert. Die Mannschaft wird nicht durch eine neue Spielweise verunsichert. Der Glaube an die Mission WM-Titel ist längst verankert. Jan Cadieux muss lediglich dafür sorgen, dass die Maschine im entscheidenden Moment noch präziser läuft.
Und dafür ist er der ideale Mann. Denn er wirkt wie ein Trainer aus einer anderen hockeyphilosophischen Jahreszeit. Weniger Sonne auf der Bühne. Mehr Licht im Maschinenraum. Wo Patrick Fischer inspirierte, analysiert Cadieux. Wo Fischer emotionalisierte, strukturiert Cadieux. Wo Fischer Energie erzeugte, schafft Cadieux Ordnung. Er ist der stille Ingenieur des Erfolges. Einer, der keine Parolen braucht, weil seine Autorität aus Präzision entsteht. Aus Vorbereitung. Aus Konsequenz. Aus Glaubwürdigkeit. Mit Servette hat er Meisterschaft und Champions League gewonnen. Nicht mit Glamour. Sondern mit akribischer Arbeit. Mit Detailversessenheit. Mit jener Leidenschaft für kleine Korrekturen, die grosse Trainer auszeichnet.
Jede grosse Ära braucht irgendwann einen neuen Tonfall. Einen anderen Rhythmus. Eine Prise weniger Pathos. Mehr innere Ruhe. Darum ist ausgerechnet ein «Anti-Fischer» der ideale Nachfolger. Ein WM-Team, das dreimal so nahe am goldenen Gipfel stand, braucht nicht nochmals eine Revolution. Sondern Verfeinerung. Nicht mehr zusätzliche Energie. Sondern Kontrolle über die Energie. Jetzt ist der richtige Moment für einen Trainer wie Jan Cadieux. Zumal in der Kabine so viele starke Persönlichkeiten, so viele Leitwölfe sitzen wie vielleicht noch nie.
Und vielleicht liegt gerade darin die leise Ironie dieser WM. Dass der Weg zum grössten Triumph der Schweizer Hockeygeschichte nicht über noch grössere Worte führt. Sondern über mehr Stille. Über Präzision. Über Geduld. Über Gelassenheit.
Die Ausgangslage ist 2026 sogar eine einmalige: Die Balance zwischen der Aufbruchstimmung, die Patrick Fischer entfacht hat, und dem Pragmatismus seines Nachfolgers Jan Cadieux wird vielleicht nie mehr so gut sein wie in den nächsten Tagen in Zürich.
Es gibt viele Gründe für ein Scheitern. Der durch besondere Umstände erzwungene Kommandowechsel an der Bande wird keiner dieser Gründe sein.
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