Beeinträchtigt der Fall Fischer unsere WM-Chancen? Nein!
Patrick Fischer hat die Schweiz dreimal in den WM-Final geführt, zuletzt zweimal hintereinander. Wahrlich, eine Lichtgestalt unseres Hockeys. Nicht ersetzbar. Ist es dann nicht eine gar steile These, zu behaupten, seine Auswechslung (für ihn übernimmt ab sofort sein Assistent Jan Cadieux) werde null Einfluss auf die Leistungen der Schweizer bei der WM haben? Eines ist doch klar: Wenn Jan Cadieux bereits im Viertelfinal scheitern sollte, dann ist die Ausrede schon parat: Die Unruhe durch den Fall Fischer hat uns um den WM-Titel gebracht! Mit Patrick Fischer wären wir mindestens wieder in den Final gekommen! Und die Position von Jan Cadieux wird bereits hinterfragt werden.
Scheitern gehört zum Sport. Und es ist möglich, dass Jan Cadieux bei seiner ersten WM nicht über den Viertelfinal hinauskommen wird. Man kann diese ewige Wahrheit nicht oft genug betonen: Eishockey ist ein unberechenbares Spiel auf rutschiger Unterlage.
Aber der fliegende Wechsel von Patrick Fischer zu Jan Cadieux wird nicht die Ursache einer allfälligen Enttäuschung sein. Weil Eishockey zu Recht als letzter echter Teamsport bezeichnet wird. Die Kabine ist in diesem harten Spiel der rauen Kerle ein Kraftort sondergleichen. Was eigentlich zur Argumentation führen müsste: Wenn mit Patrick Fischer der Hexenmeister der Kabinenmagie fehlt, dann ist nichts mehr so, wie es war.
Aber auch das stimmt so kurzfristig nicht. Das Wetter in der Kabine macht bei unserer Nationalmannschaft nicht nur der Cheftrainer. Im schmucklosen Raum im Bauch des Stadions sitzen bei unserer Nationalmannschaft Leitwölfe, die mit ihrem Charisma unter ihresgleichen eine noch stärkere Ausstrahlung haben als Patrick Fischer, als jeder Trainer: Roman Josi und Nino Niederreiter, Recken mit der Erfahrung als mehr als tausend Spielen in der nordamerikanischen National League, der härtesten Liga der Welt. Nico Hischier, Captain und Leitwolf in New Jersey, sein Teamkollege Jonas Siegenthaler, ein Haudegen und Abräumer der sich in der NHL gegen die besten Spieler der Welt behauptet. Timo Meier, auch aus New Jersey, einer der wuchtigsten Powerstürmer der Welt. Und alle sind sie mehrfache Millionäre. Von medialem Theaterdonner lassen sie sich nicht im Geringsten beirren.
Zu Patrick Fischers Erfolgsgeheimnis gehört, dass er diese Titanen des Welteishockeys um sich zu scharen vermochte. Für die Ehre der Schweiz wollen sie sowieso alle spielen. Und erst recht, weil ihr Kumpel «Fischi» Jahr für Jahr dafür gesorgt hat, dass es einfach Spass macht, mit ihm zur WM zu fahren und unter sich zu sein. Kabinenromantik im besten Wortsinn. Sozusagen eine sportliche Saison-Schlussparty.
Die Prognose wagt der Chronist: Die Grundstimmung wird wegen der Absetzung von Patrick Fischer nicht eine negative sein und auch die Verbandsgeneräle, denen noch jede Kalberei zuzutrauen ist, werden die Stimmung nicht beeinträchtigen. Vielmehr wird das Motto lauten: «So, jetzt gehen wir erst recht noch einmal für Fischi!»
Der neue Nationaltrainer Jan Cadieux ist zwar in seinem Wesen und Wirken so ziemlich das Gegenstück zu Patrick Fischer: Fast schüchtern, introvertiert, ganz auf seine Arbeit konzentriert, ja in seine Arbeit verbissen. Ein Unterschied wie zwischen Feuer und Wasser. Aber trotzdem kein Spassverderber. Alle mögen und respektieren ihn, auch die Titanen aus der NHL. Er ist der perfekte Nachfolger von Patrick Fischer. Weil er in seiner Art authentisch ist und nicht eine Sekunde lang versuchen wird, seinen Vorgänger zu imitieren. Jeder, der wie Patrick Fischer sein möchte, würde sich lächerlich machen.
Jan Cadieux ist nicht der nächste Fischer. Er ist der erste Cadieux. Wenn er mit der Mannschaft die Erwartungen bei der WM nicht erfüllen kann, dann liegt es eben an den Unabwägbarkeiten dieses Spiels: ein Fehlgriff des Torhüters da, ein versprungener Puck dort.
Alles spricht dafür, dass die Schweizer die erste WM ohne Patrick Fischer noch rocken werden. Mittelfristig ist die Sache eine etwas andere: Das «goldene Zeitalter» mit gleich mehreren Talenten von Weltformat neigt sich dem Ende zu. Die Konstellation mit Spielern wie Roman Josi, Nino Niederreiter, Janis Moser, Nico Hischier, Timo Meier, Jonas Siegenthaler, Kevin Fiala oder Philipp Kurashev in der gleichen Generation und dazu der «Jahrhundert-Goalie» Leonardo Genoni wird es so erst einmal nicht mehr geben. Eine Zeit, in der es sich der Nationaltrainer leisten kann, Lian Bichsel nicht aufzubieten wird so schnell nicht mehr kommen.
Aber auf zur WM, zum Auftaktspiel gegen die USA am 15. Mai in Zürich. Carpe Diem («Lebe den Tag.»)
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