Deshalb missbrauchte SRF das Vertrauen von Patrick Fischer und lieferte ihn ans Messer
Vor über vier Jahren fälschte Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer ein Corona-Impfzertifikat, um an die Olympischen Spiele 2022 in Peking zu reisen. Ein Jahr später wurde er wegen Urkundenfälschung verurteilt und mit einer Busse über 40'000 Franken belegt, wie aus einem Strafbefehl hervorgeht. Ausgelöst hatten Fischers Geständnis Recherchen von SRF.
Wobei man die Rolle des öffentlich-rechtlichen TV-Senders kritisch sehen kann: Fischer stellte sich vor der Eishockey-WM in Zürich und Freiburg (ab dem 15. Mai) für Dreharbeiten zur Verfügung. In deren Rahmen geriet er ins vertrauensselige Plaudern und erzählte einem SRF-Journalisten, dass er wegen einer Fälschung eines Covid-Zertifikates verurteilt worden sei.
Strafbefehl längst nicht mehr öffentlich
SRF schreibt auf Anfrage von CH Media, man habe den Strafbefehl im Rahmen der Recherche von der Luzerner Staatsanwaltschaft erhalten. Dazu muss man wissen: Sind Strafbefehle rechtskräftig, können sie nur während 30 Tagen öffentlich eingesehen werden.
Der Strafbefehl gegen Fischer, der auch CH Media vorliegt, ist auf den 21. Juli 2023 datiert. Heisst konkret: SRF musste die Herausgabe aktiv und via Öffentlichkeitsprinzip erwirken. Dieses verpflichtet Behörden per Gesetz, Medien Dokumente für Recherchezwecke zugänglich zu machen.
Das legt den Schluss nahe: Das Schweizer Fernsehen hat Patrick Fischers Vertrauen im Rahmen der Dreharbeiten ausgenutzt und die Information dafür verwendet, die Straftat (Urkundenfälschung) öffentlich zu machen.
Darf man das?
Welche Rolle spielten Sports Awards?
Die Antwort ist nicht eindeutig und hängt auch von den Abmachungen zwischen SRF und Fischer sowie dem Kontext ab. Dazu will sich der TV-Sender nicht äussern. Entscheidend ist dabei, ob Fischer «off the record» gesprochen, die Information explizit als nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, gegeben hat. Eine Publikation wäre in diesem Fall nur dann zulässig, wenn ein «überwiegendes öffentliches Interesse» daran besteht.
Diesen Standpunkt vertritt SRF. Es schreibt auf Anfrage: «Es handelt sich um eine rechtskräftig festgestellte Straftat, die eine Person in öffentlicher Funktion begangen hat.» Das habe man nicht verschweigen können.
Wobei der Zeitpunkt der Publikation Fragen aufwirft. Wie Recherchen von CH Media zeigen, hatte SRF schon seit mehreren Wochen Kenntnis vom Strafbefehl. Und damit vor den Sports Awards vom 29. März, in deren Rahmen Fischer als Trainer des Jahres 2025 gekürt wurde. Die Ergebnisse der Wahl in dieser Kategorie lagen schon seit Anfang Jahr vor.
Fischer Griff SRF-Sendung vor
SRF dementiert, dass dies eine Rolle gespielt hat und schreibt: «Es wurde nicht bewusst zugewartet.» Damit bis nach der Eishockey-WM zu warten, sei ebenfalls keine Option gewesen. «Das hätte bedeutet, eine relevante Information für die Öffentlichkeit zurückzuhalten», argumentiert SRF.
Auf die Frage, seit wann man Kenntnis vom Strafbefehl hatte, geht der Sender nicht ein. SRF wollte den Beitrag am Mittwoch wohl im Rahmen der Sendung «Rundschau» ausstrahlen und konfrontierte Fischer und den Eishockeyerband am Montagvormittag mit den Dokumenten. Fischer ging daraufhin selber an die Öffentlichkeit und griff dem SRF-Beitrag damit vor.
Fischer war bereits vorbestraft
In seiner Stellungnahme sagt Fischer: «Bis auf diesen Vorfall habe ich mich immer ans geltende Recht gehalten.» Auch das ist falsch, wie Recherchen offenbaren: Fischer wurde im März 2020 zu einer bedingten Geldstrafe in Höhe von 11'000 Franken verurteilt. Diese wurde 2023 widerrufen, «weil der Beschuldigte während der Probezeit erneut straffällig geworden ist und ihm daher keine günstige Prognose gestellt werden kann». Dabei handelte es sich um eine Geschwindigkeitsübertretung, wie der Verband sagt.
Ob der Beitrag, während dessen Dreharbeiten sich Fischer äusserte, ausgestrahlt wird, ist fraglich. SRF äussert sich zum Termin nicht konkret und schreibt dazu nur: «Wir sind aktuell an weiteren Recherchen.» Heisst wohl: Man möchte den Fall wohl weiter ausschlachten.
Am Ende geht es nicht nur um Patrick Fischers Fehlverhalten. Die Affäre rückt auch die Methoden des Schweizer Fernsehens in den Fokus: Fischer vertraute dem Sender – und bezahlt dafür nun den Preis. (riz/aargauerzeitung.ch)

