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Eismeister Zaugg: Wie Kevin Fiala zu einem der weltbesten Stürmer reifte

Switzerland's Kevin Fiala in action during the warm up at the Ice Hockey World Championship group A preliminary round match between Switzerland and Czech Republic in Prag at the O2 Arena, Czech R ...
Kevin Fiala gehört zu den besten Offensivspielern der Welt.Bild: keystone
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Kevin Fiala – launisches Genie, Rebell und jetzt Weltstar

Kevin Fiala (27) ist einer der besten Stürmer der Welt und feierte am Montag mit den Schweizern in Prag einen märchenhaften WM-Einstand. Er hat seine Leistungsgrenze noch nicht erreicht.
15.05.2024, 04:2415.05.2024, 14:03
klaus zaugg, prag
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Eigentlich ist Uzwil die heimliche Sporthauptstadt der Schweiz. Zumindest gibt es eine wunderbare Geschichte – vielleicht wahr, vielleicht gut erfunden –, die zu diesem Schluss führt: Ivan Bencic und Jan Fiala stürmen Ende der 1980er-Jahre für den legendären EHC Uzwil, Stammklub u. a. von Mathias Seger, Andy Thon und des Leuenberger-Clans (Hugo, Sven und Lars Leuenberger). Nach einem durchzogenen NLB-Spiel sitzen sie zusammen beim Bier und versprechen sich gegenseitig: «Also unsere Kinder sollen es einmal im Sport weiter bringen als wir.»

Die beiden schweizerisch-tschechoslowakischen Doppelbürger sind zwar keine Nasenbohrer. Ivan Bencic bringt es in der damaligen NLB bei Chur, Herisau, Wetzikon, Ajoie und Uzwil immerhin auf etwas mehr als 100 Spiele und gar auf 31 Einsätze mit Olten in der höchsten Liga. Jan Fialas Karriere verläuft ähnlich: Gut 100 NLB-Spiele mit Lyss, Ajoie und Uzwil plus 29 Auftritte auf der grossen Bühne mit Lugano.

Belinda Bencic, of Switzerland, returns a shot to Zhu Lin, of China, during the third round of the U.S. Open tennis championships, Friday, Sept. 1, 2023, in New York. (AP Photo/Charles Krupa)
Stammt aus demselben Ostschweizer Örtchen wie Kevin Fiala: Tennis-Olympiasiegerin Belinda Bencic.Bild: keystone

Das Versprechen, das sie sich einst bei einem Bier gegeben haben, haben sie aufs Vortrefflichste erfüllt. Ihre Kinder haben es wahrlich weiter gebracht als die Väter. Sie sind Weltstars in ihrem Sport. Belinda Bencic ist Olympiasiegerin im Tennis und Kevin Fiala zählt zu den besten und bestverdienenden Eishockey-Stürmern der Welt. Soeben hat er die Schweiz in Prag mit einem Tor (zum 1:0) und einem verwerteten Penalty zu einem grandiosen Penalty-Sieg gegen Tschechien (2:1) geführt.

Er war am gleichen Tag um 13.30 Uhr aus Los Angeles kommend in Prag eingetroffen. Kevin Fiala ist bei den Los Angeles Kings einer der besten NHL-Stürmer. Die doch nüchterne NZZ hat ihn einmal geradezu überschwänglich beschrieben: «Er lebt in Kalifornien in einer Glitzerwelt, ein Sonnyboy wie aus dem Katalog für Musterschwiegersöhne und Unterwäschemodels geschnitten: muskulös, gutaussehend, auf der Sonnenseite des Lebens stehend. Sehr vermögend und selbstverständlich in einem mondänen Haus am Wasser logierend.»

Die Los Angeles Kings – sie gelten als Hollywood-Club des Hockeys – haben Kevin Fiala im Sommer 2022 mit einem Siebenjahresvertrag im Gesamtwert von 55,125 Millionen Dollar brutto verpflichtet. Es ist der Lohn für die Saison des Lebens: 85 Skorerpunkte in 82 Partien lässt sich der tschechisch-schweizerische Doppelbürger 2021/22 für die Minnesota Wild gutschreiben.

Los Angeles Kings left wing Kevin Fiala (22) warms up before the team's NHL hockey game against the Nashville Predators, Wednesday, Jan. 31, 2024, in Nashville, Tenn. (AP Photo/George Walker IV)
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Auch bei L.A. ist Fiala einer der zuverlässigsten Punkteproduzenten.Bild: keystone

Es ist der Durchbruch zum perfekten Zeitpunkt: Der Vertrag in Minnesota ist ausgelaufen. Der Wechsel vom kalten Minnesota ins sonnige Kalifornien ist kein Zufall. Bevor Minnesota ihn im Sommer abgibt, hat Kevin Fiala ein Mitspracherecht bei der Wahl des nächsten Arbeitgebers. Er sagte damals der NZZ, der kalifornische Lebensentwurf habe beim Entscheid auch eine Rolle gespielt: «Ich verbringe meine Sommer in Zürich und gehe jeden Tag ins Wasser, bei der Chinawiese oder am Letten. Jetzt habe ich das Meer vor der Türe, was will man mehr?»

2014 bestreitet Kevin Fiala im selben Jahr die U18-, die U20- und die richtige Weltmeisterschaft in Minsk. Als weltweit erst dritter Spieler. Wenn es um den Einsatz im Nationalteam geht, sagt er nie ab. Prag ist inklusive Junioren-Titelkämpfe bereits seine 9. WM. Die Partie gegen Tschechien am Montag war bereits sein 35. WM-Spiel für die Schweiz (24 Punkte).

Sein Talent steht nie zur Debatte und doch muss er einen langen Weg gehen: Er gilt als selbstverliebt, an der Grenze zur Hybris. Als James Dean des Hockeys. «Manchmal muss man ihn schütteln und aus seiner Kevin-Fiala-Welt herausholen», sagte vor ein paar Jahren einer, der ihn gut kennt. Und Nationaltrainer Patrick Fischer hat einst der NZZ gesagt:

«Kevin musste emotional intelligenter werden. Er kann sehr impulsiv sein, mit Emotionen in alle Richtungen. Er war oft schnell frustriert, weil er sich selbst stark unter Druck setzt. Das hat ihn gebremst, ihm fehlte die Konstanz. Aber er ist reifer geworden und hat gezeigt, was für ein unglaublicher Spieler er ist.»

Es sind nie die schlechtesten Früchte, woran die Wespen nagen. Mit 14 wechselt er von Uzwil zu den Junioren der ZSC Lions und mit 16 nach Schweden. Der ehemalige SCB-Stürmer Andreas Johansson kennt ihn aus seiner Tätigkeit beim schwedischen Erstligisten HV71. Er attestierte ihm bereits im Juniorenalter ein Potenzial «hoch wie der Himmel». Sagte aber auch: «Er muss noch viel lernen. Vor allem mental. Es dauert eine Weile, erwachsen zu werden.»

Switzerland's forward Kevin Fiala, left, talks with Patrick Fischer, head coach of Switzerland national ice hockey team, during a Switzerland team training session at the IIHF 2023 World Champion ...
Nati-Coach Patrick Fischer attestiert Fiala einen erfolgreichen Reifeprozess.Bild: keystone

Nach seinem Wechsel in die NHL ist er noch immer ein wenig Rebell. Als er 2015 zu Beginn seiner NHL-Karriere von Nashville in die AHL geschickt wird und dort elf Spiele lang nicht trifft, lässt er sich zu einer Obszönität hinreissen und wird für zwei Spiele gesperrt. Kevin Fiala ist damals jung, wild, ungeduldig; seine Leistungsschwankungen sind berüchtigt. «Meine Hochs waren sehr hoch und die Tiefs sehr tief» – wird Kevin Fiala später im Blick zurück sagen.

Inzwischen wisse er, wie die Dinge laufen. «Da verliert man nicht mehr so schnell die Nerven.» Inzwischen hat er sich im 10. Jahr in Nordamerika etabliert (mehr als 500 Spiele und 450 Punkte) und auch bei den Kings zweimal nacheinander mehr als 70 Punkte gebucht. Statistisch hat bis heute nur Roman Josi diese Sphären erreicht. Kevin Fiala ist ruhiger, reifer geworden und hat sogar die Kunst der Meditation entdeckt.

Das Leben meint es gut mit dem einstigen Rebellen. Er hat seine langjährige schwedische Freundin Jessica Ljung geheiratet und ist soeben Vater von Tochter Masie-Mae geworden. Eine Parallele zu Belinda Bencic: Sie macht gerade Babypause.

Viele Kenner gehen davon aus, dass Kevin Fiala seine Leistungsgrenze noch nicht erreicht hat. Und eigentlich ist seine Karriere noch unvollendet: noch kein Stanley Cup. Noch kein WM-Titel. 2018 verpasst er in der Finalverlängerung gegen Schweden eine goldene Chance. Hätte er sie verwertet, wäre er mit der Schweiz Weltmeister geworden.

Was nicht ist, kann noch werden. Bereits in Prag.

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