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«Fall Holden»: Weshalb Eismeister Zaugg den HCD-Trainer verteidigt

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Die Auseinandersetzung zwischen Josh Holden und Tomas Jurco sorgte für Diskussionen.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Fussball säuselt, Hockey rockt – weshalb der Eismeister HCD-Coach Holden verteidigt

Während des Spengler-Cup-Finals ging HCD-Trainer Josh Holden auf seinen Spieler Tomas Jurco los. Der Eismeister verteidigte Holden in der Folge, was bei Ex-Fussballer und Sportpsychologe Ruedi Zahner auf Unverständnis stiess. Ein Schlagabtausch.
10.01.2024, 15:1810.01.2024, 15:49
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Die Szene schlug hohe Wellen. Nach Ende des ersten Drittels vom Spengler-Cup-Final zwischen dem HC Davos und Dynamo Pardubice wurde Tomas Jurco von den Gastgebern von seinem Trainer Josh Holden gepackt, gerüttelt und angeschrien. Der slowakische Stürmer solle trotz der 1:0-Führung des HCD aktiv bleiben, forderte Holden. Dies sorgte gar in Nordamerika für Kritik.

Anders sah dies Eismeister Zaugg. Er verteidigte Holden und schrieb:

«Wer gegen den Tabellenführer der tschechischen Meisterschaft 1:0 in Führung liegt, darf keine Sekunde passiv spielen. Tut es ein Spieler doch, regt sich der Trainer zu Recht auf und korrigiert. Das ist besser, als den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen und dann krachend unterzugehen. Ein guter Coach spürt seine Spieler. Vorbeugen ist besser als heilen.»

Aus diesem Grund bekam er nun Post von dem Ex-Fussballer und heutigen Sportpsychologen Ruedi Zahner. Dieser erlaubte dem Eismeister ausdrücklich, das Schreiben zu veröffentlichen.

Der offene Brief von Ruedi Zahner

Lieber Klaus

Ich traute meinen Augen nicht. Im Finale des diesjährigen Spengler Cups stürmt HCD-Trainer Josh Holden wie eine Furie zu seinem Spieler Tomas Jurco. Er packt ihn am Leibchenkragen, zieht ihn nach hinten und schreit ihn an! Jurco macht das, was jeder von uns machen würde, wenn er von hinten angegriffen wird: Er versucht sich mit einer schwungvollen Armbewegung aus dem Griff zu befreien – zum Glück für alle trifft er Holden nicht.

Ich traute meinen Ohren nicht: Nach dem grossartigen Sieg gab es ein Interview vom Schweizer Fernsehen SRF mit Josh Holden. Über den unkontrollierten körperlichen Angriff wird kein Wort verloren!

Zur Person
Ruedi Zahner (67) ist der Bruder von ZSC-Manager Peter Zahner (62) und ein ehemaliger Fussballprofi in defensiven Rollen (Verteidigung und Mittelfeld), Fussballtrainer und Teammanager. 1982 stieg er mit Aarau in die NLA auf und gewann 1985 den Cup, und als Assistent von Rolf Fringer feierte er 1993 mit dem FC Aarau den Meistertitel.

Er schloss in Aarau die Wirtschaftsmittelschule ab und studierte in den USA Sportpsychologie. Er arbeitet heute erfolgreich als Mentor und Coach mit Führungspersönlichkeiten im Spitzensport, insbesondere mit Trainern. Über seine Tätigkeiten informiert er auch auf seiner Homepage.
Der Sportliche Leiter Ruedi Zahner vom FC Aarau posiert beim Medien Foto Termin vom 6.Juli 2006 im Bruegglifeld in Aarau dem Fotografen. (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Ruedi Zahner arbeitete zwischenzeitlich auch als Trainer und als Sportchef beim FC Aarau. Bild: KEYSTONE

Und dann war ich total gespannt auf deine Kolumne «Eismeister Zaugg».

Ich traute meinen Augen nicht: Gerade du, Klaus, bist ja bekannt für Klartext reden, im Fussball würde man in deinem Fall von einem bissigen Hund reden: direkt, klar, schonungslos.

Und jetzt war ich baff: Das war halt so ein netter Bericht, nicht mehr und nicht weniger. Und ich frage mich: Warum wird dieser körperliche Angriff stillschweigend akzeptiert? Für mich ist dieser Angriff ein absolutes No-Go. Und das Schlimme: Ganz viele Trainer, und nicht nur Trainer, denken: «Holden hat alles richtig gemacht, so funktioniert Leadership, so kann auch ich erfolgreich sein.» Schlimm, aber wahr!

Warum akzeptieren wir so einen körperlichen Angriff stillschweigend?

  • Habt ihr Journalisten einen Maulkorb bekommen vom HC Davos?
  • Oder heiligt der Erfolg alle Mittel nach dem Motto «Gewonnen – Schwamm drüber, alles ist gut»?
  • Oder ist es ein zu heikles Thema, weil ich ja dann auch ein Stück weit mit meinen eigenen Aggressionen und meiner eigenen Wut konfrontiert werde? Und darüber reden respektive schreiben – ohh la la, das lass ich lieber sein!
Davos' Tomas Jurco celebrate with the trophy after winning the final game between Switzerland's HC Davos and HC Dynamo Pardubice, at the 95th Spengler Cup ice hockey tournament in Davos, Swi ...
Trotz des Zwischenfalls war die Freude nach dem Gewinn des Spengler Cups auch bei Tomas Jurco gross.Bild: keystone

Fakt ist: Aggression ist eine archetypische Kraft in uns. Ein Feuer, das uns nach vorne bringt, uns und alle Anderen begeistert. Auf der anderen Seite kann Aggression in Form von Wut zerstören. Gerade du als NHL-Kenner weisst, dass ein Coach nach so einem unkontrollierten Wutausbruch mit körperlichem Angriff sofort entlassen wird, weil die Stars das nicht mit sich machen lassen. Sie fordern Respekt.

Und das wissen Hochkaräter wie Klopp, Guardiola, Streich und Co. Sie üben sich ständig darin, dieses Feuer in sich zu temperieren und so diese Energie zu nutzen, für sich und ihre Leute.

Das ist die grosse Kunst. Das ist «Leadership a step ahead!»

Herzlichst

Ruedi

Und so antwortet der Eismeister

Lieber Ruedi

Besten Dank für deine Anmerkungen zur «Causa Holden». Deine Einschätzung überrascht mich nicht. Weil deine sportliche DNA durch eine langjährige und erfolgreiche Praxis als Spieler, Trainer und Mentalcoach im Fussball geprägt ist.

Aber Fussball unterscheidet sich manchmal fundamental in der Art und Weise, wie Führung gelebt und praktiziert wird. Um es auf den Punkt zu bringen: Fussballtrainer säuseln, Hockeytrainer rocken.

Manchester City's head coach Pep Guardiola looks on prior the English FA Cup third round soccer match between Manchester City and Huddersfield Town, at the Etihad stadium in Manchester, England,  ...
Der säuselnde Pep Guardiola.Bild: keystone

Eishockey ist ein raues Spiel, das im Rahmen der Reglemente Gewalt in einem im Quadrat höheren Masse als im Fussball erlaubt: Einschüchterung durch Körperangriffe (Checks), die Möglichkeit, den Gegenspieler mit einem wuchtigen Körperangriff von der Scheibe zu trennen und zudem auch die Chance, mit Härte (also mit Körperangriffen) das Momentum eines Spiels zu ändern. Die Sitten sind rauer, und zugleich gibt es ein höheres Mass an Fairness als im Fussball: Hockey ist ehrlicher, direkter als Fussball. Im Hockey wird gebüsst, wer eine Schwalbe macht, auch wenn es die Schiedsrichter übersehen haben, und keiner simuliert irgendetwas.

Eishockey wird von Männern in einer ritterähnlichen Ausrüstung und nicht in kurzen Hosen gespielt und ist ungleich intensiver als Fussball. Die Spieler kehren nach Einsätzen von rund einer Minute auf die Bank zurück, um wieder Atem zu holen, und der Coach kann sie direkt beeinflussen. Der Coach hat also im Hockey während des Spiels eine aktivere und dadurch wichtigere Rolle als im Fussball.

Das Verhalten von Josh Holden geht nicht über ein im Hockey akzeptiertes Mass hinaus: Der HCD spielt um den Sieg im Spengler Cup, der für den Klub (und damit für den Trainer) eine immense Bedeutung hat. Der Coach, der seine Spieler «spürt», reagiert sofort und richtig, als einer seiner wichtigsten und bestbezahlten Spieler zu passiv unterwegs ist. Passivität ist im Hockey eine «Todsünde». Also reagiert er sofort und – wie im TV ersichtlich – heftig.

Und nun kommen wir zum entscheidenden Punkt: Josh Holden respektiert Tomas Jurco. Er beleidigt ihn weder verbal noch mit einer verächtlichen Geste – auch das beweisen die TV-Bilder. Er ermahnt ihn lediglich, aktiv zu sein und unterstreicht seine Forderung, indem er ihn an den Schultern packt. Hätte Josh Holden allerdings in dieser Situation seinen Spieler verbal beleidigt – dann hätte er den Respekt verloren und dann wäre es ein fataler Fehler gewesen, der für ihn Folgen gehabt hätte.

Der «Fall Holden» mag gerade durch die TV-Bilder des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aufsehenerregend sein. Aber im Hockey ist er nicht sooo aussergewöhnlich. Meisterliche Coaches haben im Kabinengang schon Chronisten am Kragen gepackt und heftiger geschüttelt als im «Fall Holden». Allerdings nicht wegen zu passiver Schreibweise.

watson-Eismeister Klaus Zaugg im Gespräch mit Marc Lüthi vom SC Bern.
Ob SCB-CEO Marc Lüthi den Eismeister schon einmal gepackt und geschüttelt hat?Bild: Freshfocus

Es war also kein «unkontrollierter Wutausbruch mit körperlichem Angriff» (so deine Einschätzung). Es war im Rahmen der Hockey-Kultur die heftige, aber richtige Reaktion des Coaches in einer heiklen Spielphase in einer der wichtigsten Partien der Saison.

Zu deinen drei Fragen: Soviel mir bekannt ist, hat noch nie jemand vom HCD einen Maulkorb bekommen. Der Chronist hat so nett über den «Fall Holden» geschrieben, weil es keinen Grund gab, böse oder boshaft zu sein. Warum unser aller SRF den Fall nicht thematisiert hat, entzieht sich meiner Kenntnis, hat aber ganz sicher nichts mit einem «Maulkorb» zu tun.

Der Erfolg hat tatsächlich die Mittel geheiligt. Der HCD gewann das Spiel und den Spengler Cup. Aber es waren eben nicht unheilige Mittel.

Auf welcher Seite stehst du?

Du fragst: Ist es ein zu heikles Thema, weil ich ja dann auch ein Stück weit mit meinen eigenen Aggressionen und meiner eigenen Wut konfrontiert werde? Hier machst Du eine wohl eher für die Fussball-Kultur gedachte tiefenpsychologische Analyse. Denn wie bereits erwähnt: Fussball säuselt, Hockey rockt.

Nüt für Unguet

Klaus

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quelle: keystone / ennio leanza
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67 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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19_Invictus_21
10.01.2024 15:44registriert Oktober 2015
Ob Ruedi den Brief auch verfasst hätte, wenn die Aktion Crawford ausgegangen wäre?

Wie auch immer. Das Thema lässt sich doch in etwa so zusammenfassen:
Haben Holden und Jurco überreagiert? - Gut möglich
Waren Emotionen schon im Vorfeld im Spiel, welche die TV-Bilder nicht eingefangen haben? - Vermutlich
Wird die Sache medial von einer Mücke zu einem Elefanten gemacht? -Definitiv
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MacB
10.01.2024 15:35registriert Oktober 2015
100% Team Zaugg.

P.S. Jetzt schon das Zitat des Jahres 2024: "Meisterliche Coaches haben im Kabinengang schon Chronisten am Kragen gepackt und heftiger geschüttelt als im «Fall Holden». Allerdings nicht wegen zu passiver Schreibweise."
-->
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Schlaf
10.01.2024 15:44registriert Oktober 2019
Ich dachte immer, Auseinandersetzungen werden im Hockey mit den Fäusten, auf dem Eis ausgetragen😅.

Das war doch nur ein Wachrütteln eines abtrünnigen, nach Russland gehenden Spielers, der aber für seinen Lohn noch vollen Einsatz zeigen sollte.
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67
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