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Auf dem Weg zum nächsten SCB-Titel – Teil 2

SCB Cheftrainer Jussi Tapola reagiert im Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem SC Bern am Dienstag, 31. Oktober 2023, in der Swiss Life Arena in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Le ...
Cheftrainer Jussi Tapola bei einem Eishockeyspiel zwischen dem SCB und den ZSC Lions.Bild: keystone
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Am Ende dieser Entwicklung müsste eigentlich der nächste SCB-Titel stehen – Teil II

06.01.2024, 08:2506.01.2024, 13:36
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Gegen Langnau machte der SCB aus einem 0:3 und 1:4 einen 5:4-Penaltysieg. Das war Teil I der Entwicklung zum nächsten Titel. Nun folgte zwei Tage später Teil II: Die Berner stoppten die mächtige Hockey-Maschine der ZSC Lions und siegten erneut nach Penaltys (3:2).

Philip Wüthrich weiss nun definitiv, dass er nächste Saison nicht die Nummer 1 wird. Für die ZSC Lions ist es eine ärgerliche Niederlage. Aber letztlich nur ein kaum spürbares Holpern über eine Bodenwelle auf dem Weg Richtung Playoffs. Die Mannschaft hat ihren Stil und ihre Identität. Bis zu den Playoffs geht es lediglich darum, das Räderwerk im spielerischen Maschinenraum zu justieren, die Form zu halten und dafür zu sorgen, dass die Energietanks im März gut gefüllt sind. Die ZSC Lions sind Titelfavorit Nummer 1.

Für den SCB hat die Partie gegen die ZSC Lions eine ganz andere Bedeutung. Die Berner sind nach etwas mehr als drei Jahren antiautoritärem Larifari-Betrieb und hoch entwickelter Ausreden-Kultur auf dem langen Weg zurück zur wahren Identität. Der neue Trainer Jussi Tapola nennt seine Mission «Make the SCB great again». Dazu gehören der Wiederaufbau einer kompromisslosen Leistungskultur, Selbstvertrauen, Stilsicherheit, wenn es nicht so läuft, wie es laufen sollte und die Rückkehr zum einfachen, geradlinigen, intensiven Spiel. Partie für Partie arbeitet der SCB unter seinem charismatischen finnischen Bandengeneral an seiner Identität, die er 2020 nach der Entlassung von Kari Jalonen verloren hat.

Anders als die Liga-Titanen ZSC Lions, Zug, Servette oder Gottéron sucht der SCB im Januar und Februar nicht bloss nach seiner Form für die Playoffs. Er sucht seine verlorene Identität. Sie entsteht nicht durch Werbesprüche und Ausreden. Sie muss auf dem Eis in jedem Training und jedem Spiel erarbeitet und gelebt werden. Die Fortschritte sind oben auf der Resultatanzeige auf dem Videowürfel ablesbar. Inklusive Vorbereitung hatte der SCB diese Saison unter Jussi Tapola gegen die ZSC Lions 1:6, 1:4 und 0:5 verloren. Und gerät nun bereits nach vier Minuten gegen den formstarken Tabellenführer 0:1 in Rückstand.

Aber es gelingt den Bernern spätestens ab Spielmitte, diese grosse, mächtige und in guten Phasen unerbittliche Hockeymaschine zum Stehen zu bringen. Die zweiten 30 Minuten gegen den Titelkandidaten sind die bisher besten unter Jussi Tapola. Sie bringen die Rückkehr zum intensiven, direkten und rauen Hockey, das zur SCB-DNA gehört.

Die ZSC Lions werden nicht eingelullt. Sie werden von den erstaunlich starken, selbstsicheren Bernern gebremst und schliesslich nach sechs Auswärtssiegen in Serie erstmals auf fremdem Eis wieder besiegt. Der wichtigste Einzelspieler ist der schwedische Torhüter Adam Reideborn. Jedes Team braucht einen grossen Torhüter. Erst recht eines, das in einer Entwicklungsphase steckt wie der SCB. Ganz nebenbei: Philip Wüthrich wird nächste Saison im Kampf um die Nummer 1 gegen Adam Reideborn nicht den Hauch einer Chance haben.

Die neue Stilsicherheit unter Jussi Tapola, die es zwei Tage vorher gegen Langnau erlaubte, aus einem 0:3 und 1:4 einen Penalty-Sieg zu machen (5:4), wird nun gegen die Zürcher kombiniert mit Wucht, Härte, taktischer Disziplin und Leidenschaft. Am Ende steht erneut ein Penalty-Sieg. Im 20. Versuch führt Benjamin Baumgartner die Entscheidung herbei. 14 Penalty-Ausmarchungen hatte der SCB in Serie verloren, und nun gewinnt er zweimal hintereinander die Penalty-Entscheidung: Der Fluch ist überwunden. Auch das ein Zeichen von Stilsicherheit und neuem Selbstvertrauen.

Die Rückkehr zum kompromisslosen Stil personifiziert ein 35-jähriger Veteran. Marco Maurer ist bei Servettes Trainer Jan Cadieux in Ungnade gefallen und verteidigt nun bereits seit neun Partien für den SCB. Der kräftige, schlaue Abräumer (189 cm/97 kg) bringt das physische Element aufs Eis, das dem SCB in den vergangenen drei Jahren zu oft fehlte und Jussi Tapola fordert. Der finnische Schillerfalter Julius Honka musste gehen (nach Genf), und ein rauer Abräumer ist aus Genf gekommen: Nichts illustriert den Kulturwandel beim SCB besser als diese Transfers. Marco Maurer ist in Genf mit einer stark finnisch geprägten Mannschaft im letzten Frühjahr Meister geworden. Den SCB-Stil bringt er auf den Punkt: «Es ist wie eine Kombination aus finnischem Hockey und NHL.» Finnische Defensivorganisation, aber bissiger gespielt und mit Härte gewürzt. Finnisches Hockey mit Schmirgelpapier. Das kommt der SCB-Identität nahe.

Der SCB befindet sich in der interessantesten Entwicklungsphase seit dem letzten Titel von 2019. Niederlagen begleiten diesen Prozess. Aber der SCB wird nicht mehr an den Resultaten gegen Aussenseiter gemessen. Siege wie soeben gegen die ZSC Lions haben stärkere Aussagekraft über die tatsächliche Verfassung als Aussetzer gegen Ajoie.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer hatten in Bern schon immer ein feines Gespür für den Zustand der Mannschaft. Der Rückgang der Stadionauslastung von 95,65 Prozent (16'290 Fans pro Partie) in der Meistersaison 2018/19 auf nur noch 86,60 Prozent Auslastung (14'750 Fans) in der letzten Saison ist nicht in erster Linie den enttäuschenden Resultaten geschuldet. Sondern vielmehr dem «Verrat» an der SCB-Identität, dem spielerischen Irrweg zu seelenlosem skandinavischem Rechenschieberhockey.

Gegen die ZSC Lions ist in der zweiten Spielhälfte zum gefühlt ersten Mal seit drei Jahren der Funke von der Mannschaft aufs Publikum übergesprungen. Endlich wieder echte Stimmung und nicht bloss ein wenig Lärm in der grössten Arena Europas. Der SCB ist noch kein Meisterkandidat. Aber wieder gut genug für eine Playoff-Überraschung.

PS: Der SCB konnte gegen die ZSC Lions nur drei ausländische Feldspieler einsetzen (Dominik Kahun, Corban Knight, Jona Luoto). Was, wenn wieder fünf ausländische Spieler zur Verfügung stehen? Der dritte Teil der Entwicklung, an deren Ende eigentlich der nächste SCB-Titel stehen sollte, kann erst nächste Saison umgesetzt werden: mit fünf guten bis sehr guten ausländischen Feldspielern.

  • Stürmer
  • Verteidiger
  • Torhüter
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Nation Flag

Aktuelle
Note

  • 7

    Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.

  • 6-7

    Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.

  • 5-6

    Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.

  • 4-5

    Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.

  • 3-4

    Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.

  • Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.

5,2

09.22

5,2

09.23

5,2

01.24

Punkte

Goals/Assists

Spiele

Strafminuten

  • Er ist

  • Er kann

  • Erwarte

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    18 Kommentare
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    Zanzibar
    06.01.2024 10:20registriert Dezember 2015
    Wüthrich wurde vor 2 Jahren von Zaugg zum besten Spieler der gesamten National League gekürt und heute ist er maximal eine Nummer 2 ohne jede Perspektive.
    Übrigens: Was wurde aus der Rangliste der besten Spieler? Die haben wir immer in den letzten Tagen im Dezember erhalten.
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    Oli78
    06.01.2024 11:18registriert Januar 2023
    Als Freund des Eishockey‘ - über alle Teams hinweg - sowie als jahrelanger watson-Leser muss man schon langsam aber sicher die Berichterstattung des Eismeister hinterfragen…
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    Buceador
    06.01.2024 14:44registriert März 2019
    Liga-Titan Gottéron- danke für den Lacher. Bei allem Respekt- in Fribourg macht man vieles richtig aber bei Null (0!) gewonnenen Titeln von einem Titan zu sprechen ist scho etwas mutig 😅
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