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Engadin-Skimarathon: Dieser 63-Jährige hält noch mit den Profis mit

Der 63-Jährige, der am Engadiner mit den Profis mithält

Am Engadin Skimarathon nehmen am Sonntag tausende Hobby-Langläufer teil. Wir haben drei herausgepickt, die in ihren Alterskategorien besonders beeindrucken. Was braucht es, um bis ins Pensionsalter so fit und schnell zu bleiben?
07.03.2026, 09:0107.03.2026, 09:01
Ralf Streule / CH Media

Christoph Appius

63 Jahre alt aus Wattwil SG

Manch ein Engadiner-Kenner hat beim Blick auf die Rangliste schon daran gezweifelt, ob dieser Eintrag stimmen kann. Christoph Appius, mit Jahrgang 1962, platziert sich am Skimarathon auch heute noch regelmässig zwischen dem 100. und 150. Rang, früher gings sogar noch weiter nach vorn.

Als sei er ohne Konkurrenz unterwegs: Christoph Appius am Engadiner vor dem Schloss Crap da Sass in Surlej.
Bild: Sportograf.com

In diesen Gefilden des langen Engadiner-Felds laufen Nachwuchs-Kaderläufer, äusserst ambitionierte Hobbyläufer im besten Sportleralter oder Profiläuferinnen. Aber ein 63-Jähriger? Wer mit Appius spricht, merkt: Er hält es irgendwie für ganz normal, auch als Frührentner noch im vordersten Pulk mitzulaufen.

Er sei zwar ein ehrgeiziger und begeisterter Sportler, der sehr gerne draussen sei, sagt der Wattwiler: Im Sommer joggt er gerne oder sitzt auf dem Velo, im Winter findet man ihn auf der nahen Thur-Loipe. Und doch sei er, der im Rechnungswesen einer Toggenburger Firma arbeitete und Vater von vier Kindern ist, meist nicht öfter als drei bis vier Mal in der Woche zum Trainieren gekommen. Nun, als Frühpensionierter, liege oft noch ein zusätzliches Training pro Woche drin.

«Wenn du da noch mithalten kannst, kommt's gut.»

Er sei vor 30 Jahren per Zufall zum Engadiner-Läufer geworden, sagt Appius. Auf die Sprünge geholfen habe ihm Rolf Klee, der Vater von Weltcup-Läufer Beda Klee. Die beiden sind als Anfänger an den Start des Skimarathons gegangen, «eigentlich eine Schnapsidee». Dann besuchten die beiden Langlaufkurse, die Begeisterung wurde grösser. Doch wie schaffte er es so weit nach vorn? Das scheint Appius selbst ein Rätsel zu sein. Der Engadiner sei einfach sein Rennen. Dank sauberer Technik könne er auf den Flächen in der Gruppe lange mithalten.

Was er weniger mag am Skimarathon, ist die Hektik rund um den Start. Viel lieber hat er, wenn sich die Gruppen gebildet haben. Nach wenigen Kilometern entscheidet sich für ihn jeweils bereits, ob der Lauf für ihn ein guter oder ein ausgezeichneter wird. In Sils, bei einer sehr kurzen, fast vernachlässigbaren Steigung, bilde sich meist ein Loch zwischen den 150 ersten Läufern und jenen dahinter. «Wenn du da noch mithalten kannst, kommt's gut», sagt Appius. Wer den Anschluss hier jedoch verliert, muss damit rechnen, dass bis am Ende des Rennens einige Minuten an Rückstand dazukommen werden. 1 Stunde und 32 Minuten, so lautet Appius' Bestzeit.

Ausgefeilte Trainingspläne und Krafttraining gehören nicht zum Programm beim 63-Jährigen. «Ich gehe einfach langlaufen.» Dabei laufe er aber stets zügig, «rumgurken» wolle er im Training nicht.

Christoph Appius.
Bild: privat

Als Höhepunkt nennt er den Lauf, als er 50 Jahre alt wurde. Die ganze Familie war da, alle vier Kinder liefen ebenfalls mit. Und gefeiert wurde am Abend nach dem Lauf in Celerina mit vielen Freunden. Das Schöne am Engadiner sei ohnehin das «Drumherum», «der Tag ist jedes Mal ein Erlebnis». In Erinnerung bleibe auch jenes Rennen, als er erstmals unter die ersten Hundert lief. «Das kam sehr überraschend für mich.»

In diesem Jahr bestreitet Appius seinen 30. Skimarathon. Es sei es das Ziel, wieder in die ersten 200 zu laufen. Wie lange er das noch könne, werde sich weisen. «Einfacher wird's nicht, sich da vorn zu halten», sagt er und lacht. Nervosität verspüre er dennoch nie vor den Rennen. Denn auch sollte der Lauf nicht so aufgehen wie gewünscht: «Montag wird es sowieso.»

Anni Kraft

77 Jahre aus Andwil SG

Als wir Anni Kraft am Telefon erreichen, ist sie gerade von einer wichtigen Erledigung zurückgekehrt. Sie hat für den Engadiner den fixfertig präparierten Ski abgeholt. Im Appenzellerland kennt sie eine gute Adresse eines Mannes, der in seinem Leben schon hunderte Weltcup-Ski präpariert hat. Das tönt ziemlich ambitioniert, oder, Anni Kraft?

Anni Kraft auf den letzten Kilometern des Engadiners.
Bild: Sportograf.com

Nein, nein, als ambitioniert bezeichne sie sich nicht, sagt die 77-Jährige. Wie zum Beweis weiss sie keine Antwort auf die Frage nach ihrer Bestzeit und ihrem Bestrang am Skimarathon. «Und eine Sportuhr habe ich noch nie getragen, ich trainiere nach Gefühl.» Aber: Ein guter Ski helfe, einen schönen Tag noch schöner zu machen.

Seit knapp 30 Jahren ist die Andwilerin am Skimarathon dabei, auch am kommenden Sonntag wieder. Fast immer läuft sie die gut 42 Kilometer in unter drei Stunden. Das bringt ihr in der Regel den ersten Platz ein in ihrer Alterskategorie, welche jeweils fünf Jahrgänge zusammenfasst. «Isch wohr?», sagt sie, darauf aufmerksam gemacht. «Ich habe einfach wahnsinnig Freude am Engadiner.»

«Mehr als zehn Minuten am Stück langlaufen ging am Anfang nicht.»

Mit dem Langlaufen hat sie erst mit etwa 50 Jahren begonnen. Als begeisterte Skifahrerin habe sie damals gedacht, es sei leicht, auf die Loipe zu wechseln. Was sich dann doch als anspruchsvoller herausgestellt habe. «Mehr als zehn Minuten am Stück langlaufen ging am Anfang nicht.» Vier Nachmittagskurse in einer Woche hätten damals aber die Basis gelegt – und schon hatte sie sich zu einer Engadiner-Teilnahme überreden lassen. Der erste Lauf ging «ordeli gut». Und so war ihr Fieber geweckt.

Das Engadin war bereits damals so etwas wie das zweite Zuhause gewesen, ein Wohnwagen steht inzwischen ganzjährig auf dem Morteratsch-Campingplatz bei Pontresina. Und so schafft sie es regelmässig auf die Loipe, auch in Jahren, in denen im Unterland wenig Schnee liegt. Auch Langlaufferien in Finnland kamen dazu, und immer wieder Langlaufkurse. «Ich mache es mit der Technik», sagt sie.

Anni Kraft
Bild: privat

«Immer dranbleiben», sagt sie, auf die Frage nach dem Geheimnis des Fitseins im Alter. Bis heute seien der Vitaparcours und das Wandern grosse Hobbys geblieben. Wichtig sei auch, dankbar zu sein, dass man noch regelmässig Sport betreiben könne. Sie weiss, dass es auch anders sein kann. Ihr Mann kann krankheitsbedingt nicht mehr am Lauf teilnehmen. Das Engadiner-Wochenende bleibt aber weiter ein Familienanlass, der Sohn läuft oft ebenfalls mit.

Sie treibe sehr gerne Sport, auch ohne Engadiner würde sie dies tun, sagt Anni Kraft. Und doch sei der Lauf während des ganzen Jahres ein Trainingsmotivator im Hinterkopf.

Ihr Ziel für dieses Jahr sei es, etwas besser zu laufen als 2025, als sie nicht richtig auf Touren gekommen war. Vor allem aber: «Den Lauf ohne Sturz zu beenden.» Es wäre ihr erster Sturz an einem Engadiner.

Blick ins Engadiner-Archiv:

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Blick ins Archiv: Der Engadin Skimarathon
Zum 50. Mal findet der Engadin Skimarathon am 11. März 2018 statt. Er ist die mit Abstand grösste Langlauf-Veranstaltung der Schweiz.
quelle: keystone / str
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Stefan Süess

67 Jahre alt aus Schönenberg an der Thur TG

Es muss Anfang der 1970er-Jahre gewesen sein, als sich Stefan Süess mit dem Langlauffieber ansteckte. Er war Oberstufenschüler in Waldkirch, sein Lehrer brachte von J&S-Kursen Langlaufwissen mit in den Turnunterricht. «Das faszinierte mich sehr», sagt Süess. «Wir liefen unsere ersten Langlaufrunden am Tannenberg, spurten unseren Weg aber noch selbst», sagt Süess. Die Loipe am Tannenberg in Waldkirch gab es erst später.

Stefan Süess nahm 1979 erstmals am Engadiner teil.
Bild: Sportograf.com

Mit dem Skiklub Waldkirch reiste Süess im Jahr 1979 erstmals an den Engadiner. Der heute 67-Jährige hat dort den ganzen Wandel des Sports miterlebt: zunächst die reinen Klassisch-Rennen, dann die Übergangsjahre mit dem Siitonen-Schritt - dem Schlittschuhschritt aus der Loipe heraus –, dann 1987 der erste offizielle «Skating-Engadiner».

Süess wurde Möbelschreiner, später Projektleiter in einem Fensterbaubetrieb, er wechselte auf die andere Seite der Kantonsgrenze nach Schönenberg an der Thur (TG), er gründete eine Familie. Doch der Engadiner blieb eine Konstante: Seit seinem Debüt 1979 ist Süess praktisch in jedem Jahr dabei, zum 41. Mal wird er am Sonntag in Maloja am Start stehen. «Nur drei oder vier Jahre lang machte ich Pause, als die Kinder klein waren.»

«Es wird schon langsam knackig, da vorne noch mitzuhalten.»

Früh übertrug er seine Leidenschaft auf die ganze Familie, auf die Frau und die drei Kinder – ein Sohn und eine Tochter haben ebenfalls mehrere Engadiner-Starts hinter sich. Mit der Tochter absolvierte Stefan Süess auch schon den Wasa-Lauf in Schweden. Und der Sohn kommt ihm am Engadiner langsam näher.

Der beste Rang von Stefan Süess lässt sich leicht merken: 111. wurde er einmal, knapp über eineinhalb Stunden war er da unterwegs. Über sehr viele Jahre war der Schönenberger der schnellste Thurgauer, erst seit einigen Jahren macht die jüngere Generation Druck. «Es wird schon langsam knackig, da vorne noch mitzuhalten und den Anschluss an die Gruppen zu halten», sagt er. Noch hält er sich aber unter den besten 400, was ihm im Folgejahr weiterhin locker einen Start gleichzeitig mit den Profis garantiert.

Stefan Süess
Bild: privat

Wie schafft er es, auch mit bald 70 noch so mitlaufen zu können? Auch er erwähnt die Technik. «Viele Kollegen, die mitmachen, sind mindestens so fit wie ich, landen aber meist weiter hinten.» Zudem habe er als leidenschaftlicher Skifahrer die hohen Tempi gerne bei Abfahrten wie im Stazerwald, und er könne auf der Fläche technisch sauber in der Gruppe mitgleiten. Und: Er sei fast täglich sportlich unterwegs in der Natur. Im Winter oft auf der Loipe in Rietbad oder in Schwellbrunn. Oder in Trainingswochen, zum Beispiel zwischen Weihnachten und Neujahr in Pontresina. Im Sommer mag er Bergläufe und Biketouren. Wie viel Kilometer er zurücklegt, weiss er aber nicht. «Ich trainiere ohne GPS-Uhr.»

Die Faszination des Engadiners habe für ihn nie nachgelassen. «Auch die Hektik und die Masse beim Start haben mir nie etwas ausgemacht. Im Gegenteil: Das liegt mir und gehört dazu. Ich bin ein guter Starter.»

Sein Tipp an alle, die auch nach der Pension noch schnell langlaufen wollen: «Viel langsam trainieren. Und immer wieder an der Technik feilen. Du darfst nie das Gefühl haben, das Thema sei ausgereizt.» Vor einem Jahr habe er beim ehemaligen Weltcupläufer Curdin Perl einen Kurs gemacht. Und abermals viel gelernt.

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