Gottéron oder wenn Männer zu sehr wollen
Erneut ist der Torhüter der Held. HCD-Goalie Sandro Aeschlimann stoppt in Fribourg alle Pucks. Er ist ein strahlender Held. Gottérons Reto Berra lässt nur einen Puck rein. Auch er ein Held. Aber ein tragischer. Wer in einem Playoff-Heimspiel nur einen Treffer zulässt und 94,74 Prozent der Pucks pariert, ist doch auch ein Held und in 99,99 Prozent ein Sieger. Oder? Ja, bei jeder anderen Mannschaft der Welt. Aber nicht bei Gottéron.
Vier Finalspiele, vier Auswärtssiege. Das hat es noch nicht gegeben (drei im Final 1999 zwischen Ambri und Lugano war bisher das Maximum). Und dabei steht eine Frage im Zentrum: Wie kann es sein, dass Gottéron zweimal in Davos oben gewinnt, aber zweimal auf eigenem Eis verliert?
Ein erster Grund: HCD-Goalie Sandro Aeschlimann pariert als «Herr über den Zufall» fast alle Pucks. So sehr es vor seinem Kasten zeitweise drunter und drüber geht und dem Zufall durch abprallende, verspringende und tanzende Pucks Tür und Tor offen steht, so überlegen Gottéron im zweiten Heimspiel ist (36:19 Torschüsse) – der Mann im HCD-Kasten meisterte alle Situationen.
Gottéron droht am Erwartungsdruck zu zerbrechen
Die Niederlage zeichnet sich früh ab und schleicht ins Spiel wie ein leiser Schatten, der sich nicht mehr vertreiben lässt. Reto Berra lässt den ersten Puck ins Netz rauschen. Julian Parrée trifft zum 0:1 (5. Min.). Warum bleibt es dabei? Es ist die Frage, die die Menschen auf dem Heimweg begleitet, leise und hartnäckig.
Die Antwort ist einfach: Gottéron droht am immensen Erwartungsdruck zu zerbrechen. Eine Stadt vibriert. Ein so hoher Erwartungsdruck ist im Teamsport selten. Und so nimmt der Tag eine andere Wendung als erhofft. Am Ende gleicht die Stimmung einer Hochzeit, die mit grösster Sorgfalt vorbereitet worden ist, die Braut dann doch nicht erscheint und die Tanzmusikanten irgendwo im Stau steckengeblieben sind. Ein Fest ohne Höhepunkt, ein Versprechen ohne Erfüllung.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Spiele auf diesem Niveau zwischen zwei hockeytechnisch praktisch gleichwertigen Teams werden nicht nur mit den Füssen und Händen, sie werden auch im Kopf entschieden. Die Aufregung rund um diese Partie, in der Stadt, im Alltag der Spieler ist zu gross. Aus einem Heimvorteil wird ein Heimnachteil. Wo Leichtigkeit sein müsste, entsteht Schwere. Wo Instinkt regieren sollte, tritt das Denken an seine Stelle. Für die Spieler ist es nahezu unmöglich, die Balance zwischen Lockerheit und Biss zu finden.
Erlösender Torjubel bleibt aus
An Disziplin, Willen, Leidenschaft und Mut mangelt es nicht. Aber dem Gegner eben auch nicht. Immer wieder brandet ein tausendfaches «Ahhhh» und «Ohhhh» von den Rängen. Kollektives Aufatmen, geteiltes Hoffen. Und doch bleibt der erlösende Torjubel versagt. Die entscheidende Prise Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Kreativität fehlt, die ein Spiel plötzlich öffnen kann. Das Drama lässt sich auf einen Satz reduzieren: wenn Männer zu sehr wollen. Wer zu sehr will, verkrampft. Wer verkrampft, verliert den Fluss. Aus Bewegung wird Mühe, aus Spiel wird Arbeit. Die Stöcke werden fester gehalten, zu fest, die Pässe einen Augenblick zu spät gespielt, die Entscheidungen um einen Gedanken zu viel verzögert.
Was sich gut daran zeigt, dass selbst Lucas Wallmark und Julien Sprunger am Freitag kein Zaubertrick gelungen ist: Ihre Treffer am Mittwoch in Davos oben zum 2:2 und in der Verlängerung zum 3:2 waren das Produkt von Lockerheit. Sie lupften, zwickten den Puck scheinbar locker hoch ins Netz. Der Stock als Zauberstab.
Auf eigenem Eis sind ihre Stöcke nur noch Werkzeuge, schon fast Brechstangen ohne Magie. Selten hat ein Team aus 36 Torschüssen so wenig klare Chancen gemacht wie Gottéron am Freitagabend. Es hilft nichts, dass Gottérons Coach Roger Rönnberg Reto Berra durch einen sechsten Feldspieler ersetzt (2:22 vor Schluss) und gar sechs Stürmer aufs Eis schickt. Sandro Aeschlimann lässt sich nicht mehr bezwingen.
Faszinierendster Final unserer Playoff-Geschichte
Der Final steht 2:2. Nur zwei kümmerliche, beinahe banale Schritte trennen Gottéron vom ersten Titel, ja von der sportlichen Unsterblichkeit. Aber Roger Rönnbergs Gegner ist nicht nur der HC Davos. Er hat einen Gegner, gegen den eine noch so sorgfältige Vorbereitung und schlaue Taktik nicht helfen. Die Sehnsucht nach dem ersten Titel, nur zwei Siege entfernt, ist wie ein Versprechen, das schon zu lange nicht eingelöst worden ist. Nicht einmal Slawa Bykow und Andrej Chomutow, zwei der besten Spieler der Welt, waren einst dazu in der Lage. Versprechen, die Jahrzehnte überdauern, werden irgendwann zu Forderungen – unerbittlich, ungnädig. Eine Geschichte, genährt von verpassten Chancen, von vier verlorenen Finals, von einer melancholischen Treue eines Publikums, das gelernt hat, zu lieben, ohne je belohnt zu werden. Das alles ist gerade bei Heimspielen eine bleierne Last. Fast ein Fluch. Trainer Roger Rönnberg ist ohne Schuld.
So steht Gottéron in diesem Final bei Heimspielen nicht als freies Team auf dem Eis, sondern als Gefangener der eigenen Geschichte. Und irgendwo zwischen diesen beiden Polen – zwischen der Sehnsucht nach Erlösung und der Angst vor dem erneuten Scheitern – entscheidet sich, ob diese Mannschaft nun Geschichte schreiben oder von ihr erdrückt werden wird.
Das macht diesen Final zum faszinierendsten unserer Playoff-Geschichte.
PS. Wenn Gottéron in der letzten Saison mit Reto Berra (wechselt auf nächste Saison zu Kloten) nicht Meister wird, dann nie mehr. Punkt.
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