Heikle Fragen und Operetten-Hockey, das Mut für die WM macht
Nein, die Schweizer sind noch nicht in WM-Form. Aber das müssen sie erst in einer Woche sein. Trotzdem: Ein Sieg gegen Finnland ist immer eine Erfolgsmeldung. Gratis gibt es gegen diesen Titanen des Welthockeys keine Siege.
Klar, auch die Finnen sind noch nicht in WM-Form. Sie warten auf mindestens vier Verstärkungen aus der NHL und die Spieler der Playoff-Finalisten waren nicht dabei. Alle vier Treffer erzielten Spieler aus unserer National League. Ein Drittel des Teams dürfte bis zur WM noch ausgetauscht werden. Die logische Folge: Operetten-Hockey mit Selbstvertrauen – so lässt sich die unterhaltsame Partie in einem praktisch leeren Stadion am ehesten einordnen.
Typisches Hockey von zwei Teams, die auf der Suche nach der idealen Zusammenstellung und Automatismen sind. Unsere NHL-Titanen Roman Josi, Timo Meier, Nico Hischier und Nino Niederreiter mahnten ein wenig an Diesel-Motoren: Sie kamen noch nicht ganz auf Touren, aber jedem ist klar, dass sie auf Touren kommen und ihr immenses Potenzial umsetzen werden. Nur Pius Suter hat bereits flinke WM-Beine. Mit den NHL-Spielern entwickeln die Schweizer viel mehr offensive Dynamik, wirken selbstsicherer und lassen sich durch vermeidbare Gegentreffer nicht erschüttern.
Die Schweizer treten hier in Ängelholm praktisch mit dem WM-Team an. Noch zwei Zuzüge aus der NHL (Janis Moser und Philipp Kuraschev) werden erwartet, sind aber noch nicht bestätigt. Das bedeutet, dass unserem WM-Team voraussichtlich von allem Anfang an alle NHL-Verstärkungen zur Verfügung stehen. Was die Stilsicherheit erhöhen wird. Offen ist, ob sich Sven Andrighetto, der mit der Mannschaft trainiert und in Ängelholm noch eingesetzt werden soll, von seiner Gehirnerschütterung so gut erholt hat, dass er die WM bestreiten kann.
Für Nationaltrainer Jan Cadieux stehen heikle Entscheidungen an: Die interessanteste: Schillerfalter Théo Rochette, immerhin im Februar schon 24 geworden und noch nie in einem WM- oder Olympia-Team, erzielte gegen die Finnen zwei Treffer, den zweiten sogar in Unterzahl und war auch in der Penalty-Ausmarchung bei seinem Versuch auffallend cool und erfolgreich. Er harmonierte mit Denis Malgin bestens.
Ist er am Ende mit seinem Talent, seiner Schlauheit und seiner Unberechenbarkeit doch unverzichtbar und für internationales Hockey nicht zu weich? Kann es sich Jan Cadieux leisten, auf den besten Torschützen der Qualifikation mit Schweizer Pass zu verzichten? Interessant ist dieser Personalentscheid auch deshalb, weil bei einer Nomination von Rochette wohl einer der weniger talentierten, hart arbeitenden Läufer und Fräser aus dem dritten oder vierten Block über die Klinge springen müsste. Es ist ein Entscheid für eine Prise Kunst und Schlauheit gegen ein gerütteltes Mass an Intensität und Biss im Forechecking.
Um eine Antwort auf eine andere Frage zu finden, hat Jan Cadieux noch etwas mehr Zeit. Definitiv muss er erst vor dem WM-Viertelfinal entscheiden. Der Chronist geht davon aus, dass die Schweizer den Viertelfinal auch mit spielerischen und taktischen Hosenknöpfen erreichen werden.
Aber dann ist die alles entscheidende Frage: Leonardo Genoni oder Reto Berra? Genoni war gegen die Finnen ein guter, aber kein grosser Goalie und er ist noch weit von der Form der letzten WM entfernt, als er der beste Torhüter und MVP des Turniers war. Er ist zurzeit nicht in der Verfassung, um in einem WM-Viertelfinal den Sieg zu stehlen. Wird am Ende doch Reto Berra unsere Nummer 1, der mit dem besten Hockey seiner Karriere Gottéron zum ersten Titel gehext hat? Die Vergangenheit sagt: Wenn es darauf ankommt, ist auf Genoni, den dreifachen WM-Silberhelden, nach wie vor Verlass. Die Gegenwart mahnt: Der Titan Berra kann in der Playoff-Finalform auch ein WM-Finalgoalie sein.
Jan Cadieux bleiben bis zur WM die zwei Partien am Samstag gegen Schweden (16 Uhr) und am Sonntag gegen Tschechien (12 Uhr), um Antworten zu finden. Die Torhüterfrage kann er notfalls auch erst im Laufe der sieben WM-Vorrundenspiele klären. Aber von Vorteil wäre es halt schon, wenn er bereits beim WM-Start eine klare Vorstellung hätte, wer die Nummer 1 ist.
Aber halt: Ist da nicht auch noch Sandro Aeschlimann, der soeben den HCD in den ersten Final seit 2015 gehext hat? Ja, er ist zurzeit die Nummer 3 im Nationalteam und eigentlich besser in Form als Genoni. Aber er hat einen Makel, der nichts mit seinem Talent zu tun hat: Er hatte bisher noch nie das Glück, das aus einem sehr guten einen grossen Goalie macht. Auch deshalb ist der HCD nicht Meister geworden.
Am Sonntagabend fliegen die Schweizer nach Hause. Am Montag und am Dienstag bekommen sie einen Kurzurlaub und dürfen noch einmal nach Hause gehen. Am Mittwoch ist Einrücken für die WM in Zürich mit dem ersten Spiel am Freitag, dem 15. Mai, gegen die USA. Die Final-Revanche für 2025.
