Hockeyfestspiele wie ein Rockkonzert
Diese Hockey-Festspiele gegen Deutschland sind ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg zu höheren Zielen: Mit der Demütigung der Deutschen – es war eine Demütigung! – sind die Voraussetzungen gegeben, die Vorrunde auf dem ersten oder zweiten Platz zu beenden. Das ist im Hinblick auf den Viertelfinal wichtig. Weil die Schweizer dann gegen den dritten oder vierten der anderen Gruppe antreten dürfen.
Ein wenig – oder zumindest ein wenig – mahnt die Ausgangslage an die Szene während einer Werbepause im ersten Drittel: Elegant und ohne sichtbare Kraftanstrengung legt Schwingerkönig Christian Stucki das muntere WM-Maskottchen Cooley in einer kurzen Showeinlage zum Gaudi des Publikums auf den Rücken.
Die Schweizer haben zweimal gewonnen (3:1 USA, 4:2 Lettland), die Deutschen zweimal verloren (1:3 Finnland, 0:2 Lettland). Da kann eigentlich nichts schiefgehen. Kommt dazu: Es rockt in Zürich auf den Rängen, wie es noch nie bei einem Spiel unseres Nationalteams gegen Deutschland gerockt hat. Es ist angerichtet für Hockey-Festspiele – und es werden Hockey-Festspiele mit dem Lärm eines Rockkonzertes.
Auf dem Eis ist es vorerst noch eine mühselige Angelegenheit. Die Schweizer suchen noch die Abstimmung ihrer überlegenen spielerischen Mittel. Die Deutschen vermeiden den offenen Schlagabtausch, verteidigen zäh und kontern schlau. Leonardo Genoni muss auf der Hut sein: Die Deutschen werden ihm kurz vor Schluss den zwölften WM-Shutout verwehren. Es fehlt ihm nach wie vor ein Spiel ohne Gegentreffer zur Rekordmarke von Jiri Holecek. Aber das ist nur das statistische Haar in der Suppe eines rauschenden Hockeyabends.
In der ersten Phase hilft eine Qualität den Schweizern, die im Laufe dieses Turniers noch wichtig sein wird: Geduld. Sie machen nicht den Fehler, die Entscheidung mit der Brechstange zu suchen. Sie spielen zügig, aber ohne Hast, darauf vertrauend, dass Tempo, Technik und Intelligenz – kurzum: die spielerische Magie – die Differenz machen werden. Obwohl jetzt erstmals bei einer WM Berlins meisterlicher Titan Jonas Stettmer (196 cm/101 kg) das Tor hütet. Nicht mehr NHL-Lottergoalie Philip Grubauer (in den ersten zwei Partien weniger als 90 Prozent Fangquote). Jonas Stettmer pariert erst einmal alles. Aber er wird nicht einmal eine halbe Stunde lang ein Held sein.
Es wird nämlich tatsächlich bald so einfach wie der kurze Showkampf von Christian Stucki gegen Cooley. Drei Treffer in knapp vier Minuten (zwischen 25:56 und 29:29 Minuten) durch Denis Malgin, Sven Andrighetto und Christoph Bertschy offenbaren einen Klassenunterschied.
Noch nie haben die Schweizer gegen Deutschland in so kurzer Zeit drei Treffer mit dieser Selbstverständlichkeit, Sicherheit und Eleganz zelebriert. Ja, auf diesem Niveau haben eigentlich nur die einst so überlegenen Sowjets in den 1970er- und 1980er-Jahren gegnerische Verteidigungen ausgespielt.
Das historisch klare Resultat ist nicht in erster Linie das Resultat eines wilden Sturmlaufes. Sondern einer Kontrolle des Spiels durch Intelligenz und Geduld und einer bemerkenswerten Ausgeglichenheit über vier Linien. Die Balance zwischen den Spielern aus der National League und der NHL stimmt. Die Statistik (30:17 Torschüsse) dokumentiert die Dominanz. Zum besten Spieler der Schweizer wird Roman Josi gewählt. Der Mann, der wie kein anderer Ebbe und Flut des Spiels zu kontrollieren vermag.
Das 1:0 ist bereits die Entscheidung. In Unterzahl. Eine magische Kombination mit Nico Hischier, einem der besten Defensivstürmer der Welt, und Denis Malgin, dem elegantesten Stürmer ausserhalb der NHL. Dieses 1:0 nimmt den Deutschen den Mut, das 2:0 die Zuversicht und das 3:0 den Glauben. Dann löst sich noch vor der zweiten Pause mit dem 4:0 das letzte Restchen Selbstvertrauen auf und das 5:0 beendet die allerletzten Hoffnungen. Das 6:0 hat dann nur noch Bedeutung für die Statistik und der Riese Jonas Stettmer darf für sich in Anspruch nehmen, mindestens vier oder fünf weitere Treffer verhindert zu haben.
Zuletzt sind die Deutschen von den Schweizern am 26. Februar 1937 in der Finalrunde der WM in London mit 6:0 so gedemütigt worden. Damals holten die Schweizer WM-Bronze.
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