«Wer Ajoie nicht schlägt, ist das Play-In nicht wert» – stimmt das immer noch?
Wer als Trainer auch nach drei Niederlagen gegen Ajoie nicht infrage gestellt wird, sitzt wahrlich fest im Sattel. Manchmal führt bereits eine einzige Pleite zur Amtsenthebung. Diese Saison bedeutete das 0:4 in Pruntrut am 20. September den Anfang vom Ende für SCB-Trainer Jussi Tapola und am 16. Januar war nach dem 2:4 gegen Ajoie klar, dass sich die Amtszeit von Zugs Michael Liniger dem Ende zuneigt.
Die Position von Trainer Thierry Paterlini ist hingegen nach der dritten Saison-Pleite gegen Ajoie nicht im Geringsten erschüttert. Das ist die erfreuliche Nachricht für ihn und die SCL Tigers. Wir können sogar sagen: Gegen Ajoie verloren, na und?
Mit einem «na und?» tut Langnaus Trainer die bittere Verlängerungs-Pleite (2:3) natürlich nicht ab. «Das ist eine extrem unnötige Niederlage. Ich bin hässig.» Hat er getobt? «Fragen Sie die Spieler…» Die Frage erübrigt sich.
Haben die Langnauer also versagt? Ja, natürlich. Zumindest im Abschluss. Das Torschussverhältnis aus den drei letzten Partien gegen Ajoie beträgt 111:66 – und daraus resultieren drei Niederlagen: 1:2, 2:3 nach Penaltys und nun am Freitag 2:3 in der Verlängerung. Der Held ist dreimal Torhüter Damiano Ciaccio mit 95,12, 97,62 und 96,43 Prozent Fangquote. Werte, vor denen sich selbst einer wie Leonardo Genoni verneigt so tief er es vermag.
Es ist Brauch geworden, stets die Verlierer gegen Ajoie zu schmähen. Gerade dieses 3:2 nach Verlängerung ist mehr Ajoies Qualitäten als Langnaus Versagen geschuldet. Ja, es ist ein Spiel für ein Lehrvideo zu Handen der Trainerausbildung. Ajoie bestätigt in dieser Partie die ewigen Wahrheiten unseres Hockeys: Drei Voraussetzungen ermöglichen meistens den Sieg.
Erstens: Ein schier unüberwindlicher Goalie, der sein bestes Hockey spielt. Zweitens: Ausländer, die zu den besten der Liga gehören. Drittens: Brave, tapfere Schweizer, die sich darauf konzentrieren, so wenig Fehler wie möglich zu machen. Das ist seit Anbeginn der Zeiten die heilige Hockey-Dreifaltigkeit, die in jeder Partie mit etwas Beistand der Hockeygötter zum Sieg reichen kann.
Zum Goalie: Damiano Ciaccio wird im Februar 37 und hat noch keinen Vertrag für die nächste Saison. Er hätte eigentlich die Postur zum klassischen, ruhigen Blocker nach modernsten Stilvorlagen (191 cm/89 kg). Aber er hält sich an keine der gängigen Stilschulen. Für ihn gilt die Ehrenbezeichnung «Warrior». Wörtlich übersetzt «Krieger». So nennen die Nordamerikaner im Hockey einen unbeugsamen Kämpfer. Und genau das ist Damiano Ciaccio, bei Gottéron ausgebildet, einst 2013 mit Langnau abgestiegen und 2015 wieder aufgestiegen.
Weil er sich an keine Stilvorlage hält, ist er für die Stürmer unberechenbar. An einem guten Abend – und gegen Langnau hat er eigentlich immer gute Abende – erwischt er den Puck immer irgendwie doch noch. Mit dem Schoner oder mit dem Stock oder mit dem Fanghandschuh. Weil er sich beharrlich weigert, sich geschlagen zu geben. So ist er diese Saison der Vater aller drei Siege gegen die Emmentaler geworden.
Zu den Ausländern: Julius Nättinen, Jonathan Hazen, Philip-Michael Devos und Frederik Gauthier haben diese Saison alle Tore gegen die Langnauer erzielt. Zu den viel zu wenig gewürdigten Kuriositäten dieser Saison gehört die Qualität der Ausländer Ajoies. Ausgerechnet der Klub mit dem kleinsten Budget hinter den sieben Jurabergen hat, über sechs Positionen gesehen, bessere Ausländer als der SCB, Ambri, die Lakers, Kloten und Biel.
Zu den Schweizern: Ajoies Schweizer haben bisher bloss 36 Tore erzielt. Mit Abstand am wenigsten aller Teams der Liga. Aber wenn sie sich darauf konzentrieren, möglichst keine Fehler zu machen, das Spiel einfach und risikolos zu halten, mutig, tapfer und diszipliniert sind, dann reicht es, wenn die Ausländer die Tore machen.
Trainer Greg Ireland (60) ist schon weit in der Welt herumgekommen. Der Kanadier war unter anderem Cheftrainer in der zweitklassigen AHL und der drittklassigen ECHL, in der höchsten Liga in Deutschland, in China, in Italien und 2018 führte er Lugano bis ins 7. letzte Finalspiel gegen die ZSC Lions. Er kam in der vergangenen Spielezeit für Christian Wohlwend nach Ajoie und eigentlich ist er der perfekte Bandengeneral für ein Team mit wenig Talent: Er predigt die ganz einfachen Dinge des Spiels: Harte Arbeit, Mut und Disziplin. Und er versteht es, ein Team mit wenig Talent zu ordnen. Von kreativen spielerischen Schneckentänzen hält er nichts.
Wenn nun an einem Abend alles passt – der Torhüter hext, die Ausländer treffen, die Schweizer sind tapfer, mutig und diszipliniert – dann kann Ajoie jedes Team besiegen. Erst recht die Langnauer, gegen die Ajoie inzwischen fast eine ausgeglichene Bilanz aufweist: 12 Siege und 13 Niederlagen seit dem Wiederaufstieg.
Thierry Paterlini sagt, diese Partie hätte sein Team einfach gewinnen müssen. Das Chancenplus sei erdrückend gewesen. Aber die Reife und Klasse fehle, um ein solches Spiel nach einer 2:0-Führung zu gewinnen. Das ist alles richtig. Aber diese Saison hatten schon der SCB, Zug, die ZSC Lions, Ambri, Genf und Kloten nicht die Reife und Klasse, um Ajoie zu bodigen.
Ja, es stimmt: die sieben Punkte, die Langnau gegen Ajoie verloren hat, können am Ende das Play-In kosten. Mit diesen sieben Punkten auf dem Konto wären die Emmentaler gar im Rennen um die direkte Playoff-Qualifikation. Ja, der Spruch: «Wer Ajoie nicht schlägt, ist das Play-In nicht wärt» hat schon seine Berechtigung, ist aber bei Lichte besehen eine Respektlosigkeit sondergleichen. Es ist Zeit, Siege gegen Ajoie nicht mehr als Selbstverständlichkeit und Niederlagen nicht mehr als Schmach zu bezeichnen. Und den Spruch abzuändern: «Wer sogar Ajoie schlägt, ist wahrlich das Play-In wert.»
Langnau hat gegen das ewige Schlusslicht soeben nicht zwei Punkte verschenkt. Ajoie hat Langnau mit einem nahezu perfekten Spiel zwei Punkte entrissen, abgerungen, abgetrotzt. Die drei Treffer sind zwingend und eiskalt herausgespielt worden. Torhüter Martin Neckar war chancenlos. Ajoie ist zu rühmen und Langnau nicht zu schmähen.
Ajoie hat seit dem Aufstieg viermal hintereinander den letzten Platz belegt und alle Playouts verloren. Es ist Zeit, das Undenkbare zu denken: Ajoie gewinnt zum ersten Mal die Playouts. Das wird der Fall sein, wenn Ambri nicht mehr vom 13. Platz wegkommen sollte.
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