Über der Motor-Revolution thront die Frage: Ist das noch die Formel 1?
Am Freitag beginnt das erste Rennwochenende der neuen Formel-1-Saison. Die Boliden, die in Melbourne über den Asphalt brettern werden, werden kaum noch etwas mit jenen zu tun haben, die im Dezember in Abu Dhabi letztmals zum Einsatz gekommen sind. Die Königsdisziplin des Motorsports hat eine echte Revolution hinter sich.
Am stärksten von den neuen Regularien betroffen ist der Motor. Neu kommen 470 der 1000 PS aus einem Elektroantrieb, der Verbrennungsmotor läuft mit nachhaltigem Kraftstoff. Das übergeordnete Ziel der 2022 beschlossenen Regelreform ist die Klimaneutralität bis 2030, die sich die Formel 1 auf die Fahne geschrieben hat.
Bei den neuen Motoren gibt es nun drei Modi: Boost, Overtake und Recharge.
- Boost-Modus: Durch diesen kann jeder Fahrer während einer Runde kurzzeitig 470 zusätzliche PS abrufen.
- Overtake-Modus: Diese vorübergehende Zusatzleistung ist speziell für Überholmanöver vorgesehen und ersetzt das bisherige System DRS. Der Modus darf ebenfalls nur dann eingesetzt werden, wenn der Rückstand auf den Vordermann an einem definierten Streckenpunkt weniger als eine Sekunde beträgt.
- Recharge-Modus: Hier geht es darum, Energie zurückzugewinnen. Dies funktioniert durchs Bremsen oder vom Gas gehen am Ende einer langen Geraden.
Für die Fahrer bedeutet das also auch: Sie müssen die Energie besser einteilen, können weniger stark ans Limit gehen. Das missfällt einigen Stars der Formel 1. Allen voran Max Verstappen, der nach den ersten Testfahrten sagte: «Es macht nicht viel Spass, diese Autos zu fahren. Es fühlt sich mehr an wie Formel E auf Steroiden.» Routinier Fernando Alonso bezeichnete das Energiemanagement und den dazu nötigen Fahrstil als «etwas nervig» und fügte an: «Als Fahrer will man immer zu 100 Prozent fahren.» In Lewis Hamilton übte auch ein dritter Weltmeister Kritik: «Wir sind aktuell langsamer als die Formel 2.»
Es stellt sich also die Frage: Wie viel Formel 1 steckt noch in den neuen Autos? Für Verstappen ist klar: «Das ist der Formel 1 nicht würdig. Wir sind nur noch damit beschäftigt, zu sparen und zu managen.» Dabei solle die Königsdisziplin des Motorsports «für möglichst schnelles Fahren stehen, und das tun wir derzeit nicht», polterte der 28-jährige Niederländer und fügte ausserdem an: «Wenn es dabei nicht um Politik gegangen wäre, würden die Regeln ganz anders aussehen.» Für den viermaligen Weltmeister im Red Bull ist demnach der Zeitgeist schuld an der Revolution seines Sports, dem er trotz anhaltender Gerüchte über Rücktrittsgedanken noch lange erhalten bleiben wolle.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Undurchsichtigkeit des neuen Reglements. «Kein Fan wird es verstehen. Es ist lächerlich komplex», sagte Lewis Hamilton nach den ersten Tests, «man braucht einen Uni-Abschluss, um alles zu verstehen.» Für Fans könnte es dadurch noch schwieriger zu erkennen sein, weshalb ein Fahrer einen anderen nun überholen konnte. Lag es am besseren Motor, den frischeren Reifen, dem Ladestand der Batterie, am Boost – oder doch dem Fahrer?
Gerade zu Beginn könnten die Unterschiede zwischen den Teams noch frappierend sein. Mercedes fand ein Schlupfloch, damit der Motor auf legale Weise einen Vorteil bringt. Bis Ende Mai muss der deutsche Rennstall seinen Antrieb aber umbauen, der Trick wird verboten. Ferrari ist dafür bisher am besten beim Start, der ebenfalls komplizierter wird. Bei den Tests in Bahrain blieben einige Autos stehen, andere fuhren extrem langsam los.
Zu Beginn dürfte die neue Formel 1 also einige Kinderkrankheiten mit sich bringen. Besonders dramatisch scheint dies bei Aston Martin zu sein. Weil der Honda-Motor starke Probleme hat, soll sich der englische Rennstall gar überlegt haben, ganz auf den Grossen Preis von Australien am Wochenende zu verzichten. Diese Option wurde aus PR-Gründen aber verworfen – nun sei das Ziel, wenigstens einige Runden in Melbourne zu absolvieren.
Trotz der ganzen Kritik gibt es aber auch positive Wortmeldungen. So freut sich Mercedes-Teamchef Toto Wolff auf «deutlich mehr Überholmanöver – und zwar an Stellen, an denen man sie nicht erwarten würde». Durch die grosse Revolution käme neben den schnellsten Autos und den besten Fahrern «eine zusätzliche Dimension von intelligentem Fahren hinzu».
Formel-1-CEO Stefano Domenicali erklärte zudem, dass es völlig normal sei, dass so grosse Umwälzungen Zeit brauchen würden. Ausserdem kündigte der Italiener Gesprächsbereitschaft an: «Wenn etwas nicht so ist, wie wir es uns wünschen, dann gebietet es die Glaubwürdigkeit unseres Sports, dass wir uns mit Verantwortlichen, Technikern und der FIA zusammensetzen können, um Lösungen zu finden.»
Die Revolution der Formel 1 hat also erst gerade begonnen.
