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Marwin Hitz, Yann Sommer und Roman Bürki während der Vorbereitung auf das England-Spiel. Bild: KEYSTONE

Vor dem Spiel gegen England

Warum Diego Benaglios Rücktritt das Goalie-Trio der Schweizer Nati noch stärker macht

Der überraschende Abgang von Diego Benaglio hat in der Schweizer Nati eine Goalie-Rochade in Gang gesetzt. An deren Ende ist die Position noch besser besetzt als je zuvor. Eine Analyse der Ausgangslage vor dem EM-Auftakt gegen England.

03.09.14, 09:33 03.09.14, 10:40

Vor zwei Wochen hat Diego Benaglio die Fussball-Schweiz in eine Schockstarre versetzt. Rücktritt! Sein 61. Länderspiel gegen Vizeweltmeister Argentinien wird nachträglich zum unerwarteten Schlusspunkt einer grossen Nati-Karriere. Statt die Schweiz am Tag nach seinem 31. Geburtstag im St.Jakob-Park gegen England in die neue EM-Kampagne zu führen, will sich der Wolfsburg-Keeper künftig auf seine Klubkarriere und die Familie konzentrieren. 

Aus und vorbei: Diego Benaglio will sich nicht mehr für die Nati in den Dreck werfen. Bild: KEYSTONE

Petkovic auf dem falschen Fuss erwischt

Diese Nachricht traf Vladimir Petkovic wie ein unerwarteter Nierenschlag. Ottmar Hitzfelds Nachfolger hatte drei Wochen zuvor als eine seiner ersten Amtshandlungen klargestellt, dass Vize-Captain Benaglio weiterhin seine «klare Nummer 1» sein werde. Offenbar hatte Petkovic keine Ahnung von den Plänen seiner vermeintlichen Stammkraft, ansonsten hätte er die Thematik bis zur endgültigen Entscheidung wohl diskret umschifft, statt sich derart in die Offensive zu wagen.

«Das ist eine schlechte Nachricht zu einem schlechten Zeitpunkt.»

Vladimir Petkovic

Entsprechend zerknirscht gab sich der neue Chef, nachdem er von Benaglio – immerhin als Erster – vor vollendete Tatsachen gestellt worden war: «Das ist eine schlechte Nachricht zu einem schlechten Zeitpunkt. Aber wir müssen diesen Entscheid respektieren. Diego ist erfahren genug, um zu wissen, dass er damit viel Verantwortung übernimmt. Für mich gilt es nun, sofort vorwärts zu schauen.»

Vladimir Petkovic hat sich nach Benaglios Hiobsbotschaft sofort nach vorne orientiert. Bild: KEYSTONE

Sommer strahlt wie ein Marienkäfer

Das hat geklappt. Sechs Tage vor dem Spiel gegen England tritt Yann Sommer nach der dritten Trainingseinheit unter Petkovic erstmals als designierter Stammkeeper der Nationalmannschaft vor die Medien. Was dann passiert, ist einer jener magischen Momente, die im sonst so kalkulierten Fussballgeschäft bei Interviews unsäglich selten sind.

Es sind nicht die Sätze, welche der 25-Jährige den Journalisten in die Mikrofone und Notizblöcke diktiert – die sind nämlich wenig überraschend: «Es erfüllt mich mit viel Stolz, mein Land zu vertreten. Ich will für die Schweiz ein guter Goalie sein, wie es Diego Benaglio gewesen ist. Sein Abgang ist für die Mannschaft ein Verlust, denn er ist eine grosse Persönlichkeit und war eine wichtige Leaderfigur. Wir müssen uns ranhalten, um das zu kompensieren.»

«Wir müssen uns ranhalten, um Diego Benaglios Abgang zu kompensieren.»

Yann Sommer

Es ist vielmehr die Art und Weise, wie Yann Sommer sich optisch verwandelt, wenn er von den für ihn anstehenden Herausforderungen spricht. Auf einmal ist er nicht mehr nur der coole Hund, der mit seiner Kaltschnäuzigkeit Stürmer aus halb Europa an den Rand der Verzweiflung bringt. Sommers Augen funkeln. Er strahlt derart spitzbübisch über beide Backen, dass es fast schon ansteckend ist.

Yann Sommer geniesst seine unverhoffte Beförderung in vollen Zügen. Bild: freshfocus

Man glaubt ihm in diesem Moment ohne zu zögern, dass mit der Nomination als Nummer 1 im Schweizer Kasten ein echter Kindheitstraum in Erfüllung geht. Sommer grinst wieder und bestätigt das: «Ich habe als Vierjähriger mit dem Fussball angefangen. Der Gedanke an die Nati kam dann bald einmal.» Auch der Druck, der auf ihm lastet, macht ihm keine Sorgen: «Den habe ich bei Gladbach auch, daran habe ich mich gewöhnt. Die haben viel Geld für einen Schweizer Goalie ausgegeben, das muss ich sofort mit guten Leistungen rechtfertigen.»

«Druck habe ich bei Gladbach auch, daran habe ich mich gewöhnt.»

Yann Sommer

Ein Nachfolger auf Augenhöhe

Rein sportlich muss sich Yann Sommer nicht vor Vergleichen mit Diego Benaglio fürchten. Objektiv betrachtet, hat er auf Klubebene während der letzten drei Saisons – vor allem auf internationalem Parkett – sogar für mehr Furore gesorgt. Mit dem Millionentransfer zu Gladbach hat der fleischgewordene Penaltykiller sich nun endgültig auf eine Ebene mit seinem Vorgänger gehievt. 

Man hätte deshalb durchaus schon früher über einen Wechsel im Nati-Tor diskutieren können – wären da nicht Benaglios unvergessliche Heldentaten wie beim WM-Sieg 2010 über Spanien und die eiserne Fussballregel gewesen, dass ein Stammkeeper nicht ohne triftigen Grund abserviert wird.

Als Nachfolger von ter Stegen steht Yann Sommer bei Borussia Mönchengladbach unter besonderer Beobachtung.  Bild: Schueler/freshfocus

Viel Respekt und noch mehr Konkurrenz

Wenn Sommer also Benaglio als Nummer 1 ohne Qualitätsverlust ersetzen kann, dann gilt es sich als nächstes mit dem Ersatzgoalie der Nati zu befassen. Diese Rolle besetzt neu Roman Bürki. Während Sommer sich bis zur WM als teamorientierte und bescheidene Nummer 2 gegeben hat, sieht sich der Neo-Freiburger in der neuen Konstellation viel eher als ernsthafte Herausforderung. 

«Wir spielen jetzt beide in der Bundesliga und ich werde versuchen mich aufzudrängen.»

Roman Bürki

Bürki und Sommer schätzen und respektieren sich, aber für die Nummer 2 ist klar: «Das ist am Anfang jetzt sicher so aufgeteilt, dass Yann starten wird. Das ist aus meiner Sicht normal, da er schon mehr Erfahrung gesammelt hat. Aber wir spielen jetzt beide in der Bundesliga und ich werde versuchen mich aufzudrängen, so dass die Entscheidung immer schwieriger wird.»

Roman Bürki will Vladimir Petkovic die Entscheidung für Sommer immer schwieriger machen. Bild: KEYSTONE

Foletti ist der glücklichste Goalietrainer der Welt

Der Ex-Hopper meint es ernst – und dieser Druck könnte Yann Sommer zu Höchstleistungen anspornen. Dazu passt die Rolle des ambitionierten Herausforderers mit reellen Chancen mit Sicherheit besser zum ehrgeizigen Bürki, als diejenige der undankbaren Nummer 3, die er an der WM bekleidet hat. 

Dort darf sich neu Marwin Hitz in den Dienst der Mannschaft stellen. Und der 26-jährige Nati-Neuling ist mit dieser Aufgabe vorerst hochzufrieden: «Es geht hier nicht um mich, es geht um den Erfolg des Teams. Dazu möchte ich meinen Teil beitragen.» Eine ähnliche Rolle hat er bei Wolfsburg im Klub vor dem Wechsel zu Augsburg auch schon perfekt ausgefüllt.

Es sieht hier nicht so aus, aber Patrick Foletti hat mit der Nati eine Menge Spass. Bild: KEYSTONE

Den Stammgoalie ebenbürtig ersetzt, einen hungrigen Konkurrenten zum Ersatzgoalie befördert und einen dritten Keeper mit einem Aufgebot für seine guten Leistungen in der Bundesliga belohnt. Das Fazit ist eindeutig: Das Goalie-Trio der Schweizer Nati ist nach Benaglios Rücktritt noch stärker geworden. Vladimir Petkovic hat seinen ersten Rückschlag vor der Feuertaufe gegen England gut verkraftet. Das freut auch Patrick Foletti: «Einer ist weg, einer ist neu – die Qualität bleibt hoch. Ich bin der glücklichste Goalietrainer der Welt.»



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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • swissda 03.09.2014 11:00
    Highlight Für mich eine falsche Entscheidung. Ich schätze Bürki nach wie vor stärker ein als Sommer. Beides sind Leaderfiguren und auf der Linie sind sie sich ebenbürtig. Beim 1:1 ist Sommer vielleicht leicht besser. Dafür kommt er niemals an die Strafraumbeherrschung von Bürki heran.
    Aber so oder so: Beides sind gute Torhüter und werden Benaglio mindestens gleich gut vertreten.
    2 7 Melden
    • Dario Lüdi (1) 03.09.2014 11:28
      Highlight Wirklich? Ich finde es falsch, einen international erfahrenen und erfolgreichen Torwart hinter einen Super League Goalie zu stellen. Zudem ist Sommer auch fussballerisch sehr stark und kann sich besser am Spielaufbau beteiligen.
      7 1 Melden
    • swissda 03.09.2014 14:26
      Highlight @Dario: Dass sich international beide durchsetzen können, beweisen sie gerade in der Bundesliga. Aber klar, hier hat Sommer sicher Vorteile. Diesen aber eine zu grosse Bedeutung zuzusprechen, wäre falsch. Und: Fussballspielen können beide ausgezeichnet und ich gehe sogar so weit, dass Bürki aufgrund seines offensiveren Auftretens sogar noch besser ist.
      1 3 Melden
    • Dario Lüdi 03.09.2014 17:15
      Highlight Bist Du ein Hopper?
      3 1 Melden

Herr und Frau Mötzli, können wir uns nicht einfach mal freuen?!

Die Schweiz schlägt Serbien hochdramatisch 2:1. Schlagzeilen machen aber die Doppeladler beim Jubel von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri. Die Gesten waren unüberlegt und unnötig. Aber auch verständlich für Spieler, bei denen sich so viel um Identität und Zugehörigkeit dreht.

Als sich Xherdan Shaqiri nach seinem 2:1 in der 90. Minute gegen Serbien dazu entschied, seine Hände zum Doppeladler zu formen, da wurde er innert Sekunden vom Helden zum Deppen. 

Zumindest für ganz viele Schweizer Fans. Die Freude über den Sieg wurde schnell gedämpft. Dürfen sich Schweizer da überhaupt noch freuen? Das war doch Hochverrat!

Zum Glück, so muss man fast sagen, haben Shaqiri und Xhaka mit dem Doppeladler für einen kleinen Skandal gesorgt. Sonst, man stelle sich vor, hätten …

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