Trainer, Jungstars und ein Schweizer – deshalb träumt Schalke wieder von der Bundesliga
Seit 2020 lief bei Schalke 04 wenig bis gar nichts zusammen. Nach einer historisch schlechten Saison (nur 16 Punkte aus 34 Spielen) folgte der erste Abstieg seit 30 Jahren. Zwar gelang 2022 der sofortige Wiederaufstieg, aber nach einer katastrophalen Hinrunde ging es 2023 erneut in die 2. Bundesliga.
Zunächst war das Ziel klar: Der erneute Aufstieg sollte folgen – aber es wurde alles noch schlimmer. Zweimal konnten die Knappen den Abstieg in die dritte Liga nur ganz knapp verhindern. Aufgrund der hohen Schulden wäre bei einem weiteren Abstieg sogar die Vereinsexistenz in Gefahr gewesen, da der S04 wohl keine Lizenz erhalten hätte.
Mit einem Unbekannten zurück auf die Erfolgsspur
Seit dem letzten Abstieg im Mai 2023 wurden mit Thomas Reis, Karel Geraerts und Kees van Wonderen bereits drei Trainer bei den «Knappen» entlassen. Keiner schaffte es, länger als ein Jahr im Amt zu bleiben. Nach der letzten Saison, in welcher der Gang in die Relegation nur wegen drei Punkten verhindert werden konnte, folgte mal wieder ein grosser Umbruch. So wurde Frank Baumann als neuer Sportvorstand ins Boot geholt. Der 51-Jährige ging beim Trainerposten direkt ein hohes Risiko ein.
Mit Miron Muslic entschied sich Baumann für einen Trainer, der in Deutschland bisher eher unbekannt war. Der 43-Jährige stieg in der letzten Saison mit Plymouth Argyle in die englische dritte Liga ab. Allerdings übernahm Muslic erst in der Rückrunde und konnte im FA Cup einen grossen Prestigesieg gegen Liverpool feiern. Zuvor war der gebürtige Bosnier in Österreich und bei Cercle Brügge als Trainer aktiv.
Sogar das Schlusslicht schiesst mehr Tore
Gross war daher die Verwunderung in Gelsenkirchen, dass ein unbeschriebenes Blatt neuerdings an der Seitenlinie stehen wird. Es wurde allerdings schnell klar, dass die Verantwortlichen mit Muslic ein goldenes Händchen hatten. Seine Handschrift war früh zu erkennen und diese scheint perfekt zu funktionieren. Mit einem aggressiven Gegenpressing und schnellem Umschaltspiel festigte Muslic die Verteidigung, welche in der gesamten Hinrunde nur zehn Gegentreffer zuliess und klar die beste der zweiten Liga ist. Die heimische Veltins-Arena wurde zur Festung: Nur ein Spiel in der Hinrunde verlor man zu Hause.
Offensiv ist die Schalker Spielweise zwar nicht die attraktivste (22 Tore in 17 Spielen) – sogar Schlusslicht Dynamo Dresden hat mehr Tore erzielt. Selten hat das Sprichwort «Der Angriff gewinnt Spiele, die Verteidigung gewinnt Titel» besser gepasst als in der bisherigen Saison bei den Schalkern. Auf Ballbesitz setzt der S04 praktisch gar nicht. Kein Team in der gesamten Liga hält den Ball weniger oft in den eigenen Reihen.
Die grösste, aber auch die schönste Herausforderung
Die meisten Schalker möchten ihrem Trainer am liebsten schon jetzt eine Statue bauen. Auch Muslic schwärmt von seiner Arbeitsstelle im Ruhrpott. Vor dem Rückrundenstart erklärte er im Interview mit RTL: «Ich habe schon schöne Erfolge gefeiert, wie den Sieg gegen Liverpool. Alles sehr cool, aber die Unterschrift bei Schalke sprengt alles.» Mit ähnlichen Aussagen hat sich Muslic bereits in der Hinrunde in die Herzen der Fans gesprochen.
Muslic war sich durchaus bewusst, wie schwierig die Aufgabe nach den letzten Saisons sein würde. «Mir wurde rasch klar, wie gross diese Herausforderung ist, aber vielleicht ist es die schönste Herausforderung im deutschen Fussball. Ich hatte keine Angst, das zu machen.»
Auch ein Schweizer ist mittendrin
Natürlich ist nicht nur der Trainer für den plötzlichen Turnaround verantwortlich, sondern auch die richtigen Transfers und die Entwicklung einzelner Spieler. Ein perfektes Beispiel dafür ist der Schweizer Adrian Gantenbein.
Im Sommer 2024 wechselte der rechte Aussenverteidiger von Winterthur nach Gelsenkirchen und brachte in seiner ersten Saison in Königsblau keinen Fuss vor den anderen. Er wurde bereits als Transferflop abgestempelt. Dies war Muslic aber egal: Er setzte vom ersten Spieltag an auf Gantenbein, der dies mit starken Leistungen dankte. Sinnbildlich dafür war seine Rettungstat beim Auswärtsspiel in Bielefeld, als er im Vollsprint den Ball von der Linie klärte.
In Bielefeld sorgte ein weiterer Bekannter aus der Super League für Schlagzeilen. Nach einem Zweikampf reagierte Ex-FCZ-Profi Nikola Katic blitzschnell, als er sah, dass sein Gegenspieler Joel Grodowski bewusstlos auf dem Boden lag und brachte ihn sofort in die stabile Seitenlage.
Auch sportlich ist der Bosnier einer der Schlüsselspieler und kämpfte sich bereits am ersten Spieltag mit einem Kopfballtor gegen Hertha BSC in die Herzen der Fans. Im selben Spiel verletzte sich Katic kurz vor Schluss am Kopf und kehrte auf den Platz zurück – obwohl der verantwortliche Teamarzt dagegen war. Kurz darauf kassierte der benommene Katic nach einem Handspiel die Gelb-Rote Karte und wurde von den Fans mit Applaus verabschiedet.
Mit Innenverteidiger Hasan Kurucay und Soufiane El-Faouzi schlugen zwei weitere Neuzugänge voll ein und haben einen grossen Anteil daran, dass die Schalker nach der Hinrunde an der Spitze stehen. Positiv für den Klub ist zudem, dass die Spieler aus der «Knappenschmiede» überzeugen. Der 20-Jährige Vitalie Becker, der eigentlich verliehen werden sollte, auf Wunsch von Muslic aber blieb, wurde nur in einem Ligaspiel wegen einer Gelbsperre nicht eingesetzt. Ein weiterer Name, den vor der Saison kaum einer auf dem Zettel hatte, ist Mertcan Ayhan, der nach der Verletzung von Timo Becker in die Mannschaft kam und nun kaum mehr aus der Startformation der Schalker wegzudenken ist. Der gebürtige Gelsenkirchener wurde bereits im Winter mit verschiedenen Top-Teams in Verbindung gebracht.
Karius erlebt einen zweiten Frühling
Eine Problemstelle der Schalker in den letzten Jahren war auch die Goalieposition. Es gab kaum eine Saison, in der es zu keinem Wechsel im Tor kam. Bereits im letzten Winter wurde mit Loris Karius ein grosser Name verpflichtet. Der 32-jährige Deutsche kam seit seinem tragischen Auftritt im Champions-League-Final 2018 nie mehr in Form. Vor seinem Wechsel absolvierte Karius in vier Jahren nur zwei Pflichtspiele für Newcastle.
Karius erklärte erst kürzlich in einem Interview mit Welt, dass er kurz davor war, seine Handschuhe an den Nagel zu hängen: «Hätte Schalke nicht angefragt, hätte ich wahrscheinlich sogar meine Karriere beendet.» Nun ist Karius der Torhüter mit den wenigsten Gegentoren und einer der Teamleader.
Folgt nun der Aufstieg?
Zum Auftakt der Rückrunde trifft der S04 auf Hertha (Samstag, 20.30 Uhr). Auch die alte Dame ist nach einem verhaltenen Saisonstart wieder besser unterwegs und hat ebenfalls noch Hoffnungen auf den Aufstieg.
Wobei bei Schalke nach den letzten Jahren kaum jemand das Wort «Aufstieg» in den Mund nehmen möchte. «Wir schauen nur von Tag zu Tag und von Spiel zu Spiel. Was in fünf oder sechs Monaten passieren wird, weiss ich nicht – und es interessiert mich aktuell nicht», sagte Katic noch in dieser Woche gegenüber der Zeitung «Welt». «Über den Aufstieg denke ich erst am letzten Spieltag nach, nicht eher. Ich weiss, das ist langweilig, was ich erzähle. Das tut mir auch leid.»
«Die nächsten fünf Monate werden die intensivsten für uns alle hier, aber wir freuen uns auf jeden Tag», sagt Muslic mit Blick auf die Rückrunde. «Es ist eine Challenge und eine Herausforderung. Doch es ist auch ein unglaubliches Privileg.»
Der Vorsprung auf den dritten Platz beträgt vor dem Rückrundenstart bloss vier Punkte. Im letzten Spiel des Jahres gab es eine knappe 1:2-Niederlage beim Kellerteam Eintracht Braunschweig. Knapp sind sonst meist die Siege der Knappen. Neun der zwölf Dreier, die eingefahren wurden, endeten mit einem Tor Differenz. Passend zum Motto: «Der Angriff gewinnt Spiele, die Verteidigung gewinnt Titel.»
