FCB-Präsident David Degen spricht über die enttäuschende Saison und Wunschlösung Sommer
Lange Interviews wollte David Degen in den vergangenen Monaten keine geben. Diverse Anfragen wurden abgelehnt, der Präsident des FC Basel zog sich gewissermassen aus der Öffentlichkeit zurück. Dies trotz schwieriger Phase inklusive Trainerwechsel. Statt mit den klassischen Medien zu sprechen, hat er sich nun im hauseigenen Podcast eine Stunde und 45 Minuten lang geäussert – mit dem Blick-Fussballchef als speziellem Gast.
In diesem Podcast spricht Degen über ...
... die Entwicklung der Mannschaft, seit Stephan Lichtsteiner Coach ist:
«Man hat gegen Servette gewisse Veränderungen und Ansätze gesehen. Aber gerade die erste Halbzeit war nicht, was wir und auch Stephan Lichtsteiner sehen wollen. Das 0:3 in St. Gallen ausserdem war ein Spiel, das uns als FC Basel nicht passieren darf. Ein solches Spiel pro Saison kann man akzeptieren oder schlucken. Aber wir hatten mehrere solche Spiele: auswärts in Salzburg, in Lugano, in Lausanne... Das waren alles inakzeptable Leistungen, die nichts mit Qualität zu tun haben, sondern mit Mentalität und Werten. Diesbezüglich machen wir als Klub keine Kompromisse. Wir sind ein Klub mit ultra grossen Ansprüchen und diesen werden wir in dieser Saison nicht gerecht. Wir müssen die Saison nun noch würdig abschliessen und den dritten Platz anpeilen. Es ist ein kleiner Aufwärtstrend da und ich hoffe, dadurch passiert in der Mannschaft etwas.»
... den Trainerwechsel:
«Wir hatten uns ein bisschen in die Winterpause gerettet. Da muss man keinen Hehl daraus machen. Dann haben wir uns überlegt, den Trainer in der Winterpause zu wechseln, es aber nicht getan. Nach dem Salzburg-Spiel aber mussten wir reagieren. Und es gab auch aus der Mannschaft Stimmen, die einen Wechsel wollten. Man kann im Nachhinein immer diskutieren und philosophieren über den Zeitpunkt. Aber ich rechne Stephan an, dass er sich die Challenge zugetraut hat, mit drei der wichtigsten Spiele vor der Brust zu übernehmen. Das zeigt seinen Charakter und wo er als Trainer hin will. Natürlich ist er jung und macht Fehler. Aber er darf auch Fehler machen. Die Frage ist: Welche Fehler darf er machen? Kommunikativ ist ihm bewusst, dass er sich verbessern muss. Aber ich muss auch eine Lanze brechen für ihn: Seit wir den Klub übernommen haben, ist er, glaube ich, der erste Trainer, der kompromisslos ist und vor niemandem Halt macht. Es geht nur um Leistung und Erfolg. Wir glauben zu 100 Prozent an ihn.»
... das desolate 0:3 in St. Gallen:
«Wäre ich nicht in einer Loge eingeladen gewesen, wäre ich vielleicht in der Halbzeit nach Hause gegangen. Ich habe mir jedoch überlegt, in die Kabine zu gehen in der Pause, habe es dann aber nicht getan. Dieses Spiel aber war katastrophal. Wir hätten uns nicht beschweren dürfen, wenn es 0:6 ausgegangen wäre. Ich möchte keine Mannschaft sehen, die sich so aufgibt. Das darf uns nicht passieren und tut mir leid für Steph. Da bist du als Trainer auf eine gewisse Art machtlos.»
... die Qualität der Mannschaft:
«Wenn man in einem Spiel wie jenem in St. Gallen die Mentalität nicht auf den Rasen bringt, ist das vielleicht auch eine Qualitätsfrage. Ich habe lange darüber nachgedacht. Gegen eine Niederlage muss man sich auch stemmen. Man sieht aber, dass in der Struktur der Mannschaft etwas nicht gut ist. Wir sind nicht zu 100 Prozent ein Team, unsere Zahnräder greifen nicht ineinander. Jeder, der etwas anderes sagt, lügt sich an. Thun ist auch Erster, weil sie ein Team sind.»
... die Planung der neuen Saison:
«Wir sind seit einem Monat dran, die neue Saison zu planen. Es wird viele Wechsel geben, denn wir möchten wieder mit einem neuen Gesicht angreifen. Wir müssen selbstkritisch sein. Denn wir haben wahrscheinlich Fehler bei der Zusammensetzung des Staffs gemacht. Wir haben auch Fehler beim Kader gemacht, das fliegt uns jetzt um die Ohren. Diese Fehler müssen wir hart analysieren und schauen, dass wir im Sommer alles korrigieren, um durchstarten zu können. Solange ich in diesem Klub etwas zu sagen habe, werden wir aber nicht einfach etwas machen, damit wir es gemacht haben. Wir müssen mit jedem Franken richtig umgehen. Wir können nur ausgeben, was wir einnehmen. Finanzielle Stabilität ist das höchste Credo.»
... die Super League:
«Die Schweizer Liga ist eine Ausbildungsliga, in welcher sich die grossen Ligen bedienen. Sie kann eine sehr gute Ausbildungsliga sein. Wir als FCB leben von jungen Talenten, die wir ausbilden und weiterverkaufen. Aber ausbilden und Titel gewinnen gleichzeitig, und dazu noch offensiven, attraktiven Fussball zu spielen, ist die grösste Herausforderung.»
... die Veränderungen im Scouting:
«Wir sind nicht dort, wo wir sein wollen. Daher werden drei neue, international erfahrene Scouts dazu kommen. Es wird ausserdem neu einen technischen Direktor geben, der an Daniel Stucki rapportiert. Dieser Direktor wird dafür verantwortlich sein, dass die Strukturen besser werden. Wir müssen aktiver und schneller auf dem ganzen Weltmarkt sein. Und in der Schweiz müssen wir jeden Zwölfjährigen kennen, da gibt es keine Diskussion.»
... die Resultate der Umstrukturierung im Nachwuchs:
«Man sieht Ansätze einer Entwicklung. Timo Jankowski, unser neuer Nachwuchschef, hat vieles reformiert. Wir trainieren wieder viel mehr im Nachwuchs, gehen vermehrt wieder an internationale Turniere. Ausserdem ziehen wir die Jungen früher hoch. In jedem Jahrgang spielen Jungs, die eigentlich noch zu jung wären. Man kann sich beispielsweise unsere U21 anschauen. Da sind Spieler mit 2009er-Jahrgang dabei. In der ersten Mannschaft haben wir aber zu wenige eigene Junge drin. Es ist mein Ziel, zwischen einem und drei Spielern aus der eigenen Jugend im Eins integrieren zu können. Dafür müssen wir aber noch besser arbeiten.»
... Giacomo Koloto:
«Er ist ein sensationeller Junge. Nicht nur was die fussballerische Qualität angeht, sondern auch von der Mentalität her. Als er zu uns kam, war Dani Stucki noch Nachwuchschef. Er hatte also auch seinen Anteil daran. Wir konnten dem FC Zürich diesen Spieler wegschnappen. Das ist auch unser Job und unsere Pflicht, die besten Spieler in Basel zu haben. Im Alter von 13 oder 14 Jahren müssen die besten Schweizer hier sein.»
... die Qualifikation für das internationale Geschäft in der kommenden Saison:
«Das ist ein absolutes Muss. Die Conference League ist für Schweizer Klubs der Wettbewerb, wo du bis in den Final kommen kannst, wenn die Spieler hungrig sind.»
... Jonas Omlin und Yann Sommer, die Marwin Hitz im FCB-Tor beerben könnten:
«Jonas ist ein super Spieler und ein super Typ, der sicher ein Kandidat bei uns ist. Mein Wunschkandidat, wenn ich das als Präsident dieses Klubs sagen darf, ist, dass ein Kollege von mir, der rund 300 Kilometer weg in Mailand ist, mich endlich anruft. Er weiss Bescheid (dass der FCB ihn möchte, Anm. d. Red.). Ob sich das realisieren lässt und ob Yann Sommer überhaupt zurück zum FCB kommen möchte, weiss ich nicht. Ich kenne seine Pläne nicht, aber ich schätze Yann unheimlich als Mensch und Spieler. Er würde uns natürlich, für das, was wir vorhaben, extrem helfen. Das heisst aber nicht, dass Jonas nicht auch ein sehr guter Kandidat ist. Wenn beide zu haben sind, werden wir uns zuerst mit Yann beschäftigen.»
... Pläne für das Joggeli:
«Es ist klar, dass dieses Stadion eine Sanierung benötigt. Eine Komplettüberholung. Es gibt viele Kinderkrankheiten, die behoben werden müssen. Wir hoffen, dass das schnellstmöglich klappt. Wir führen etliche Gespräche mit der Stadt und der Genossenschaft. Und dann werden wir bald sehen, wie das Konstrukt künftig aussehen wird. Wir haben viel vor und wollen auch weiter in die Infrastruktur investieren. Das braucht es auch, um eine goldige Zukunft zu haben. Dazu gehört auch, dass wir dabei sind, die Trainingsbedingungen zu verbessern.»
... Xherdan Shaqiri:
«Er hat uns letzte Saison das Double geschenkt. Diese Saison aber ist eine schwierige. Die Leute sagen, Shaq sei nicht mehr derselbe. Aber es gibt Gründe. Es harzt – und nicht nur bei ihm. Das Team muss ihn auch unterstützen und besser machen. Da sind wir alle gefordert, auch Dani Stucki und ich. Aber man muss auch sehen: Shaq wird in diesem Jahr 35, irgendwann wird seine Karriere zu Ende gehen. Wann, bestimmt nur er alleine. Das muss man aber alles managen, man muss ehrlich sein miteinander.» (riz/bzbasel.ch)

