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Nicht nur FCB-Star Arthur Cabral (m.) zeigte sich zuletzt unzufrieden mit den Leistungen der Schiedsrichter.
Nicht nur FCB-Star Arthur Cabral (m.) zeigte sich zuletzt unzufrieden mit den Leistungen der Schiedsrichter.Bild: keystone

Schiri-Boss Wermelinger nimmt Stellung und gibt zu: «Wir hatten ein schwarzes Wochenende»

Wenn selbst Star-Schiedsrichter Sandro Schärer in der noch jungen Saison zwei schwache Auftritte hat, kann es um die Schweizer Schiedsrichter nicht gut bestellt sein. Schiri-Chef Daniel Wermelinger verrät im Interview, wie man aus der Baisse finden will. Unter anderem sollen ehemalige Nationalspielerinnen und -spieler rekrutiert werden.
23.10.2021, 12:37
François Schmid-Bechtel / ch media

Luca Piccolo hätte beim Spiel St. Gallen – Servette (2:1) einen Penalty für die Genfer pfeifen und den Siegtreffer der Ostschweizer wegen eines Fouls annullieren müssen. Stefan Horisberger annulliert bei YB ‖ Luzern einen Treffer der Berner zu Unrecht wegen Offside. Schiedsrichter-Chef Daniel Wermelinger spricht im Interview von einem «schwarzen Wochenende».

«Wir sind seit Mitte September in einer Baisse und müssen schauen, dass wir da wieder rauskommen.»

Daniel Wermelinger, wie stufen Sie die aktuelle Saison aus Schiedsrichter-Sicht ein?
Daniel Wermelinger:
Wir haben Luft nach oben, aber es ist bei weitem nicht alles schlecht, das möchte ich betonen. International zeigen unsere Schiedsrichter sehr gute Leistungen. National entsprechen die Darbietungen, zumindest in den letzten Runden, dagegen nicht unseren Erwartungen.

Schiedsrichter-Chef Daniel Wermelinger.
Schiedsrichter-Chef Daniel Wermelinger.Bild: IMAGO / Geisser

Worauf führen Sie die teils schwachen Leistungen zurück?
Einerseits auf die vielen internationalen Einsätze, die zu einer hohen Belastung für unsere Spitzenschiedsrichter führen. Andererseits gibt es Formkurven, wie sie bei einer Mannschaft auch vorkommen. Wir sind seit Mitte September in einer Baisse und müssen schauen, dass wir möglichst schnell da wieder rauskommen.

Gefühlt waren die Leistungen besser, als keine Zuschauer im Stadion waren.
Auch wir spüren die Veränderung. Allein die Verwarnungen gegen die Trainer haben enorm zugenommen, seit wieder Fans im Stadion sind. Im Moment gibt es im Vergleich zu den letzten beiden Saisons sehr viele gelbe Karten, die wir den Trainern geben müssen.

Müssen?
Ja. Seit wieder vor Fans gespielt wird, müssen wir das Verhalten der Trainer häufiger sanktionieren. Und da sind auch die Spieler, die durch das Publikum gepusht werden. Es ist definitiv mehr Adrenalin auf und neben dem Platz als während der Geisterspiel-Phase.

War die Zeit der Geisterspiele entspannter für die Schiedsrichter?
Schiedsrichter befinden sich während eines Spiels eigentlich in einem Tunnel. Natürlich nimmt man den Lärm wahr. Aber er hat keinen Einfluss auf die Leistung. Was definitiv einen Einfluss hat: In einem leeren Stadion hört der Schiedsrichter jedes Wort. Eine reine Vermutung: Womöglich haben sich die Trainer und Spieler deshalb etwas mit Reklamieren zurückgehalten.

Seit die Fans wieder im Stadion sind, hätten die Verwarnungen gegen Trainer wieder zugenommen.
Seit die Fans wieder im Stadion sind, hätten die Verwarnungen gegen Trainer wieder zugenommen.Bild: keystone

Früher reichten drei Menschen, um ein Top-Spiel zu leiten. Heute stehen mit VAR sechs Schiedsrichter pro Super-League-Spiel im Einsatz. Überfordert das VAR-System die Schweizer Schiedsrichterei?
Nein. Die Belastung, insbesondere für die Top-Schiedsrichter, ist höher geworden. Sie pfeifen Champions-, Europa- und Conference League. Das heisst: Sie stehen dreimal pro Woche im Einsatz. Früher, so die Regel, hatten die Schiedsrichter alle vier Wochen ein freies Wochenende. Das liegt derzeit nicht drin.

Sind drei Spiele pro Woche zu viel?
Grundsätzlich nicht. Aber wenn strapaziöse Reisen dazu kommen, wird’s schon happig. Woran wir aber nicht rütteln: Zwischen zwei Einsätzen braucht der Schiedsrichter mindestens zwei Tage Pause. Unsere Schiedsrichter sind bestenfalls Teilprofis. Das ist in vielen europäischen Ländern anders. Dort sind die besten Schiedsrichter Vollprofis.

Sie fordern mehr Geld, um Schiedsrichtern eine Vollzeitstelle zu bieten?
Nein, das tun wir nicht. Aber wir müssen den Einsatz unserer Mittel weiter optimieren.

«Die Schiedsrichter sind keine Maschinen.»

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Wir müssen den internationalen Schiedsrichtern, die viel unterwegs sind, bestmögliche Voraussetzungen bieten können. Wir haben einen Schiedsrichter, der als Lehrer arbeitet. Am Montag fliegt er für ein Youth League Spiel nach Mailand. Am Dienstag leitet er das Spiel Inter Mailand – Sheriff Tiraspol. Der Rückflug ist am Mittwoch. Am Donnerstag, Freitag ist er wieder als Lehrer im Einsatz. Dieser Schiedsrichter ist im Moment zu 50 Prozent bei uns angestellt. Ziel wäre es, dass wir ihm ein 70- oder 80-Prozent-Pensum anbieten können.

Erschreckend fand ich, dass ausgerechnet die Galionsfigur Sandro Schärer in dieser noch jungen Saison zwei schwache Auftritte in der Super League hatte. Worauf führen Sie das zurück?
Das ist Ihre Meinung. Fakt ist: Er hat in den letzten Jahren kaum schlecht gepfiffen. Auch der Nummer 1 muss man mal einen Fehler zugestehen. Denn er ist keine Maschine.

Sandro Schärer (r.) pfeift auch in der Champions League.
Sandro Schärer (r.) pfeift auch in der Champions League.Bild: keystone

Das vergangene Wochenende war speziell schwach. Nehmen wir das Spiel St. Gallen – Servette. Der Ostschweizer Stillhart foult im Strafraum den Servettien Rodelin. Aber der junge Schiedsrichter Luca Piccolo schaut sich die Szene nicht mal am Bildschirm an. Da fragt man sich schon: Was passiert zwischen VAR und Schiedsrichter?
Der Ablauf ist immer der gleiche. Während eines Spiels werden ganz viele Szenen gecheckt: Jedes Tor, jede Penaltyszene, jedes Abseits. Je mehr Situationen man in der gleichen Aktion zu checken hat, desto grösser die Gefahr, dass bei einem Check etwas übersehen wird. Wenn wir zum YB-Fall gehen…

… also dem vom Schiedsrichter zu Unrecht wegen Offside aberkannten Treffer gegen Luzern?
Ja. Da wird Diverses gecheckt: Penalty, Ball draussen oder nicht, Abseits, ist in der Entstehung ein Foul passiert? Da kann es leider passieren, dass man unter höchstem Druck die falschen Bilder konsultiert. Oder vergisst, Bilder zu konsultieren.

Dann sollen sie sich mehr Zeit nehmen.
Das ist eine Erkenntnis des letzten Wochenendes. Es ist ein schmaler Grat: Einerseits soll der Check möglichst schnell und korrekt geschehen, andererseits soll er nicht die Nerven überstrapazieren. Wenn wir für einen Check zwei Minuten brauchen, heisst es: Trödelt nicht herum. Um auf den oben genannten Fall zurückzukommen: Bei YB – Luzern hat man zwar auf Abseits gecheckt, aber nicht, von wem der Ball gespielt wurde: vom Luzerner Wehrmann. Die Bilder sind nicht immer so deutlich, wie man meinen könnte.

Dieser Entscheid sorgte zwischen YB und Luzern für Aufregung.Video: YouTube/SRF Sport

Was haben Sie denn für Bilder zur Verfügung? Ich schaue mir die gesamte Szene einmal in der Verlangsamung an und sehe, dass es kein Abseits ist.
Zurück zur Penaltyszene in St. Gallen. Der VAR in Volketswil fragt den Schiedsrichter im Stadion: ‹Was hast du gesehen?› Dieser antwortet: ‹Ich sehe, dass beide Spieler zum Ball gehen.› Man checkt. Am Schluss war auch dieser Check zu wenig umsichtig, somit zu schnell abgeschlossen und führte dazu, dass man am Schluss von einem klaren Fehler in Volketswil sprechen muss.

«Wir hatten ein schwarzes Wochenende. Aber deshalb den VAR infrage zu stellen, wäre völlig falsch. Wir waren schlicht nicht gut.»

Absolut unverständlich ist, wie Schiedsrichter Piccolo beim 2:1-Siegtreffer der St. Galler in der Nachspielzeit das Foul bei der Entstehung übersieht, obwohl er die Szene nochmals anschaut.
Das Foul muss der Schiedsrichter schon auf dem Platz sehen. Er hatte das Bild im Kopf, wie er die Szene in Echtzeit wahrgenommen hat. Und das war leider ein falsches Bild.

Aber dann können Sie die ganze Video-Übung abbrechen, wenn die Schiedsrichter Ihre Entscheidungen nicht revidieren können.
Der VAR ist Teil der Entwicklung im Fussball, mit allen Stärken und Schwächen. Er soll die offensichtlichen Fehler auf ein Minimum reduzieren, er kann sie aber nicht restlos ausschliessen. Nachweislich ist das uns letzte Saison in 51 Fällen gelungen. Letztlich sind es Menschen und keine Roboter. Jetzt hatten wir tatsächlich ein schwarzes Wochenende. Aber deshalb den VAR infrage zu stellen, wäre völlig falsch. Wir waren schlicht nicht gut. Weder im Stadion, noch im Videoraum. Punkt.

Zur Person
Seit 1996 arbeitet Daniel Wermelinger als Leiter Controlling/Rechnungsweschen beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau. Früher war der 50-Jährige nebenbei als Spitzenschiedsrichter tätig. Von 2004 bis 2012 leitete er Spiele der Challenge- und Super-League. Nach der aktiven Karriere übernahm Wermelinger 2017 das Amt «Leiter der Spitzenschiedsrichter». Der Finanzfachmann ist verheiratet, Vater eines 13-jährigen Sohnes und wohnt mit seiner Familie in Aarau.

Sie sagten, Videochecks sollten nicht zu lange dauern. Nun könnte man diese Pause nutzen, um den Zuschauern ein weiteres Erlebnis zu bieten: Nämlich den Funkkontakt zwischen Schiedsrichter und VAR in die TV-Übertragung zu integrieren.
Es ist richtig, dass wir in der Transformation zwischen Volketswil und dem Stadion noch Luft nach oben haben. Der Zuschauer, egal ob im Stadion oder zu Hause, soll über den Entscheidungsprozess besser informiert werden.

Dass sich Piccolo nach der Partie St. Gallen – Servette nicht erklärt hat: richtig oder falsch?
Wir reden da über einen 29-jährigen Schiedsrichter, unseren jüngsten in der Super League, der ein kniffliges Spiel zu leiten hatte. Ich verstehe ihn und es war auch richtig, dass er unter diesen Einflüssen und unter diesem Druck kein Statement abgab.

Luca Piccolo (m.) ist mit 29 Jahren der jüngste Schiedsrichter in der Super League.
Luca Piccolo (m.) ist mit 29 Jahren der jüngste Schiedsrichter in der Super League.Bild: keystone

Haben Sie ihm einen Maulkorb verpasst?
Nein, das mache ich nie.

Das beste Training für alle Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen ist, einmal pro Woche zu kicken, um das Gefühl für das Spiel zu verbessern. Warum sind Sie dagegen?
Ich wehre mich nicht dagegen. Diese Woche haben wir ein interessantes Projekt mit Andy Egli gestartet. Unser Ziel ist es, ehemalige Spitzenspielerinnen und -spieler mittels verkürzter Ausbildung für unser Kader zu gewinnen. Wir stehen schon mit mehreren früheren Nationalspielerinnen und -spielern im engen Austausch. Dabei spüren wir eine grosse Bereitschaft.

Um welche Spielerinnen und Spieler handelt es sich?
Es ist noch zu früh, um darüber zu reden.

Der ehemalige SRF-Experte soll bei der Rekrutierung ehemaliger Nationalspielerinnen und -spieler helfen.
Der ehemalige SRF-Experte soll bei der Rekrutierung ehemaliger Nationalspielerinnen und -spieler helfen.Bild: KEYSTONE

Aber Schiedsrichter ist doch für die meisten die letzte Option, nachdem es als Trainer, Sportchef und Spieleragent nicht funktioniert hat. Bis es soweit ist, sind die meisten schon 40 und mit 45 ist Schluss als Schiedsrichter. Das macht doch wenig Sinn.
Deshalb suchen wir auch den Kontakt zu Spielerinnen und Spielern, die im Spitzen-Nachwuchsbereich den nächsten Schritt nicht schaffen. Ausserdem können wir ehemaligen Profis anbieten, dass der Sprung in die Super League mit ihrem Background weniger lange dauert als auf dem «herkömmlichen Weg». (aargauerzeitung.ch)

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Schiedsrichter testen Videoassistenten VAR in der Praxis

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