Die Bühne ist so etwas wie sein Wohnzimmer. Sieben Jahre lang hat Ralf Rangnick den Fussball in Leipzig geprägt. Jetzt kehrt er als Nationaltrainer von Österreich zurück. Für den Achtelfinal gegen die Türkei. Für die Fortsetzung des österreichischen Märchens an dieser EM. «Die Emotionen, die wir an diesem Turnier erleben durften, machen fast schon süchtig», sagt Rangnick am Montagabend, «darum hoffe ich, wir erleben noch viel mehr davon.»
Es sind gerade aufregende Tage für Fussball-Österreich. Das hat viel mit Rangnick zu tun. Seit er im Juni 2022 übernahm, hat er rund um das Nationalteam eine riesige Euphorie ausgelöst. Der bisherige Höhepunkt ist der Gruppensieg an dieser EM, das 3:2 über Holland zum Schluss ist begeisternd.
Seit Rangnick kurz vor der EM ein Angebot von Bayern München ausgeschlagen hat, um das EM-Projekt nicht zu gefährden, liegt ihm ganz Österreich zu Füssen. Das Gefühl hat sich in den letzten Tagen noch einmal verstärkt. Wobei Rangnick, geboren ganz in der Nähe von Stuttgart, seinen Blick auch über den Fussball hinaus richtet.
In einem Fernsehinterview mit dem ORF warnte er Ende der letzten Woche eindringlich vor dem wachsenden Rechtsextremismus: «Wir müssen wachsam sein auf dem rechten Auge. Gerade die Geschichte unserer beiden Länder, Österreich und Deutschland, in den letzten 100 Jahren sollte uns eigentlich Lehre genug sein – wer das nicht verstanden hat, dem kann man wirklich nicht mehr helfen.» Er erhielt Lob aus ganz Europa für die klaren Worte.
Am Samstag feierte Rangnick seinen 66. Geburtstag. Im EM-Camp der Österreicher erhielt er von David Alaba eine rot-weiss-rote Geburtstagstorte überreicht. Die Spieler johlten, sangen «Happy Birthday» und Rangnick wischte sich gerührt einige Tränen aus den Augen.
Ein Muss, die Geburtstagstorte und das Ständchen! Nochmals alles Gute, Ralf! 🎂❤️ #GemeinsamÖSTERREICH pic.twitter.com/jOqbarsmlq
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Das Beispiel von Alaba zeigt ganz gut, was zwischen Trainer und Spieler in den letzten zwei Jahren gewachsen ist. Real-Star Alaba ist zwar verletzt, er riss sich im vergangenen Herbst das Kreuzband, trotzdem ist er bei der EM mit dabei. Als eine Art «Nichtspieler-Captain». Enge Beobachter erzählen, wie Alaba schon zwei Wochen nach Rangnicks Übernahme ein völlig anderer Mensch geworden sei rund um die Nationalelf. Rangnick hat Österreich innert Kürze aus den Fesseln des unbeliebten Franco Foda befreit.
Wie wichtig Rangnick die Gemeinschaft ist, zeigt vielleicht am besten eine Geschichte aus dem März 2023. Kurz vor Beginn der EM-Qualifikation bittet Rangnick im Hotel in Linz sämtliche Spieler und Betreuer in ein Zimmer. Danach übergibt er jedem einen Karabiner, eingraviert sind Name, die Umrisse von Österreich und das Datum des EM-Starts. «Seilschaft» heisst das Motto.
«Wir sind ein Team, darum dieser Karabiner. Jeder ist ab sofort wichtig, dass wir dieses Ziel erreichen. Und jeder muss sich auf den anderen verlassen können.» Rangnicks Ziel: Jeder soll auch dann ans Nationalteam denken und das gemeinsame Ziel vor Augen haben, wenn man einander nicht sieht.
Falls ihr euch gefragt habt, was unsere Spieler so in ihrer Freizeit machen. Hier ein kleiner Ausschnitt! 👀 #EURO2024 pic.twitter.com/bvYj3m8cTy
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Der tolle Teamgeist ist augenscheinlich. Rangnick, über den manch ein Kritiker sagte, er sei ein «Besserwisser» und stelle seine (Gegenpressing-)Konzepte über alles, liess sich auf die Spieler ein. Auch jetzt während der EM fällt immer wieder auf, wie wichtig ihm das «Rundherum» ist. Mal gehen die Österreicher an ein Konzert von Rod Stewart. Mal fällt das Training zugunsten eines Besuchs des Schwimmbads aus. Und nach dem viel umjubelten Sieg gegen Holland kündigt Rangnick sofort an: «Jetzt dürfen die Frauen, Freundinnen und Familien ein bisschen länger bei uns im Hotel bleiben.»
Und nun also der Achtelfinal gegen die Türkei in der früheren Heimat Leipzig. Österreich möchte erstmals einen EM-Viertelfinal erreichen. Vor drei Jahren endete der Achtelfinal gegen den späteren Europameister Italien dramatisch 1:2 nach Verlängerung. Zuvor wurde ein Tor von Arnautovic nur wegen eine Offsides um wenige Zentimeter aberkannt. «Wir schaffen das», betitelte die «Kronen Zeitung» ihre Beilage vor EM-Start. Das Zwischenziel ist bravourös erreicht. Aber der Hunger noch längst nicht gestillt.