Besonders süss war der Sieg gegen Italien für Ricardo Rodriguez. Gegen die zweite Heimat, in welcher er mit einem halbjährigen Unterbruch nach Eindhoven sieben Jahre lang für Milan und Torino gewirkt hat. Die Gegenspieler Scamacca (Atalanta) und Chiesa (Juventus) kannte der Innenverteidiger also bestens, was mit ein Grund dafür war, dass die beiden Angreifer der Squadra Azzurra nicht in Erscheinung traten.
Dazu zeigte sich Rodriguez an dieser EM erstmals so richtig in der Offensive und stürmte auf der linken Seite wieder und wieder nach vorne; dabei ist er schon 31 Jahre alt. Da sich Captain Granit Xhaka ebenfalls leicht nach links orientierte, entstand im Zusammenspiel mit Ruben Vargas ein Übergewicht, was dem Schweizer Spiel eine gewisse Asymmetrie gab. Sie wirkte sich positiv aus.
Doch nun, mit Datum 1. Juli, steht Rodriguez zwar mit der Schweiz im EM-Viertelfinal, hat aber keinen Klub mehr. Damit ist er als einziger Nationalspieler im Prinzip arbeitslos. Der Kontrakt mit Torino ist zuletzt nicht mehr verlängert worden und jetzt ausgelaufen. Über die Gründe kann nur gemutmasst werden, weil Rodriguez nach dem Italien-Sieg in der Mixed Zone dazu nichts sagen wollte.
Torino hat mit Sicherheit ein Angebot gemacht, die Dauer und der finanzielle Rahmen passten aber nicht. Gerüchteweise könnten ihn nun die Emirate oder Saudi-Arabien in ihre vermeintlich prosperierenden Ligen locken. Wobei Rodriguez zuletzt betont hat, dass die Bundesliga nochmals reizen würde, in Wolfsburg war er ja schon einmal. Dort hat ihn unter anderem Felix Magath trainiert, «es war gut, aber sehr anstrengend», sagt der Zürcher.
Xhaka, der beste Freund in der Nati, rührte für Rodriguez bereits die Werbetrommel und sagte nach dem 1:1 gegen Deutschland: «Über ‹Ricci› müssen wir nicht reden. Dass er im Sommer ablösefrei ist, versteht sowieso keiner. Also aufgepasst, ihr Vereine: Schaut, wie er spielt. Er muss einen langfristigen Vertrag bekommen.»
Das mit der Arbeitslosigkeit dürfte sich sowieso bald erledigen, zumal Rodriguez in den bislang vier Partien auf der europäischen Bühne tatsächlich sehr stark performte. Und vielleicht greift ja nochmals Torino zu, auch wenn sein Förderer und Trainer Ivan Juric den Klub zum Saisonende verlassen hat. Wobei der Kroate noch keinen neuen Verein hat.
Rodriguez will, dass der künftige Arbeitgeber einen konkreten wie langfristigen Plan hat, das Projekt muss reizen. Und er sagt, es sei gut für seinen Kopf, ablösefrei zu sein. Sorgen, was wird, macht er sich ohnehin keine, diese Attitüde sieht man ja auch auf dem Platz. Rodriguez sagt: «Ich bin frei. Ich gehe meinen Weg. Mein Telefon ist eingeschaltet, wenn Turin oder sonst jemand mich anrufen möchte, dann darf man das tun.»
Aber wie kann Rodriguez überhaupt noch immer so fit sein wie ein 22-Jähriger? «Meine letzten drei Jahre sprechen für mich. Ich habe immer gespielt, fühle mich gut. Das habe ich vor allem Juric zu verdanken, er hat mich wirklich parat gemacht und auf dieses Level gebracht.»
Rodriguez ist kein Mann der grossen Worte, das ist er nie gewesen. Vielmehr ein Leisetreter, der gerade jetzt an der EM «laute» Auftritte zeigte. Auch übte er bei Torino das Amt des Captains aus, was vermeintlich nach einer Fehlbesetzung ausschaut. Doch diese Annahme ist falsch, denn Rodriguez kann mit seiner Art durchaus Mitspieler mitziehen. Weil auf ihn auf dem Platz Verlass ist. «Wenn es notwendig ist, sage ich meine Meinung oder helfe den Jungen», sagt er.
In der Nati ist Rodriguez so etwas wie ein Perpetuum mobile. Einige Kritiker wollten ihn schon mehrmals wegschreiben, übersahen aber immer wieder, dass seit Jahren kein besserer Linksfuss zur Verfügung steht. Andere motzten über das fehlende Tempo, mit und ohne Ball. Dabei schauten sie grosszügig darüber hinweg, über welche Coolness, Antizipationsfähigkeit und vor allem Spielintelligenz Rodriguez verfügt. Diese Stimmen sollten jetzt verstummt sein, aufhören in der Nati wird er ohnehin nicht.
Vieles in Rodriguez' Karriere geht fast unter wegen seiner unaufgeregten Art, auch dies: Mit seinem 119. Länderspiel hat er den unverwüstlichen Heinz Hermannn (118) überholt. Damit stehen in der ewigen Liste der Schweizer Nationalspieler einzig Xherdan Shaqiri mit 124 und Rekordhalter Xhaka mit 129 Auftritten vor ihm.
Ebenfalls mehr Aufmerksamkeit verdienen seine 25 Partien an Grossanlässen. Die Zahl ergibt sich aus je drei EM- und WM-Endrunden, Rodriguez ist diesbezüglich Rekordspieler der Nati. Er sagt: «Ich bin stolz, das macht mich glücklich.» Und wer weiss. Vielleicht wird bald nicht mehr die WM 2014 in Brasilien seine beste Erinnerung sein, sondern die EM 2024. Druck, auch hier in Deutschland, spürt er sowieso nie. Noch vor dem Spiel gegen den Gastgeber sagte er, die Nati wolle alle in der Schweiz glücklich machen. Und: «Jeder Spieler soll an den Final denken, jeder soll ihn im Kopf haben.»
Er wird bestimmt einen Club finden, tippe auf die Bundesliga.