Strahlefrau mit Schattenseiten: Das ist IOC-Präsidentin Kirsty Coventry
Als Kirsty Coventry aus Simbabwe letztes Jahr in einem Luxusresort in Griechenland mit 41 Jahren zur neuen Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt wurde, stellte sie mehrere «Rekorde» auf: Sie ist die erste Frau, die bislang jüngste Person und die erste aus Afrika an der Spitze des weltweit mächtigsten Sportverbandes.
Keiner ihrer männlichen Vorgänger konnte zudem ein ähnliches Sportpalmarès vorweisen wie die ehemalige Spitzenschwimmerin. Sie gewann sieben Olympiamedaillen, darunter zweimal Gold in ihrer Paradedisziplin 200 Meter Rücken: 2004 in Athen und 2008 in Peking. Ihre Wahl an die IOC-Spitze kann wahrlich als historisch bezeichnet werden.
Am Freitag wird Coventry in Mailand ihre ersten Spiele als IOC-Chefin eröffnen. Am Sonntag bemühte sie sich vor den Medien, Kontroversen auszuweichen oder sie glattzubügeln. «Die Vorbereitungen laufen sehr gut. Alles ist genauso, wie es sein soll», erklärte sie, obwohl an einigen Wettkampfstätten bis auf den letzten Drücker gebaut werden dürfte.
OK-Chef in den Epstein-Files
Ähnlich hielt sie es mit dem von der US-Regierung geplanten Einsatz von ICE-Agenten in Italien oder der Personalie Casey Wasserman. Der Name des Organisationschefs der Sommerspiele 2028 in Los Angeles ist in den Epstein-Files aufgetaucht. «Alles, was von diesen Spielen ablenkt, ist traurig. Aber so etwas hat es immer schon gegeben», meinte Coventry.
Zu einer Rückkehr Russlands in die «olympische Familie» hielt sie sich ebenfalls bedeckt. Die Fähigkeit, sich im Slalom-Stil an umstrittenen Themen «vorbeizuschlängeln», besassen schon frühere IOC-Präsidenten, nicht zuletzt Kirsty Coventrys Vorgänger Thomas Bach. Die neue Chefin aber konnte sich dies in der Heimat «antrainieren».
Mugabes «Golden Girl»
Die zweifache Mutter wurde 1983 in Harare geboren. Erst drei Jahre zuvor war das frühere Rhodesien offiziell unabhängig geworden, nachdem die bislang regierende weisse Minderheit ihre Macht abgegeben hatte. Zum neuen starken Mann wurde Robert Mugabe, der sich während seiner Langzeit-Herrschaft vom Hoffnungsträger zum Despoten wandelte.
Das bekamen die weissen Simbabwer zu spüren, besonders die Farmer, die teilweise mit roher Gewalt von ihrem Land vertrieben wurden. Kirsty Coventry dagegen war durch ihren Status als Sportheldin faktisch geschützt. Mugabe nannte sie sein «Golden Girl», mehrfach erhielt sie hohe Geldprämien aus der Kasse eines faktisch bankrotten Staates.
Sportministerin ohne Erfahrung
Dies zeigt eine Dokumentation, die am letzten Freitag von der ARD ausgestrahlt wurde (hierzulande wegen Geoblocking auf «normalem» Weg nicht verfügbar). Sie zeigt das Bild einer Sportlerin, die sich geschmeidig an die Machtverhältnisse anzupassen wusste. Denn 2017 wurde Mugabe vom einstigen Verbündeten Emmerson Mnangagwa gestürzt.
Nach anfänglich zaghaftem Optimismus entwickelte sich der neue Machthaber (Übername «das Krokodil») zu einem noch schlimmeren Despoten als sein Vorgänger. Kirsty Coventry aber wurde Sportministerin in Mnangagwas Regierung, und das ohne Führungserfahrung. Ihre Bilanz wird von den noch in Freiheit befindlichen Oppositionellen negativ beurteilt.
Nationalstadion als Baustelle
«Sie ist einer Regierung beigetreten, von der sie wusste, dass sie Blut an den Händen hat», sagte der frühere Finanzminister Tendai Biti der ARD. «Sie wollen Ja-Sager. Wenn man kein Ja-Sager ist, hat man in der Regierung keinen Platz», ergänzte Beatrice Mtetwa, eine Menschenrechtsanwältin. Coventry bezeichnete sie als «schlechteste Sportministerin» des Landes.
Die Realität ist etwas differenzierter. So machte Coventry die sexuellen Übergriffe mehrerer hoher Fussballfunktionäre öffentlich. Gerade der Fussball aber ist ein heikles Thema. Das Nationalstadion in Harare, das als einziges die FIFA-Anforderungen erfüllt, ist seit Jahren eine Baustelle. Die Nationalmannschaft kann deshalb keine Heimspiele austragen.
Die «geschenkte» Farm
Beatrice Mtetwa macht dafür die ehemalige Sportministerin verantwortlich. Und da ist noch die Sache mit der Farm, die Coventry und ihr Mann von der Regierung als «Geschenk» erhielten. Sie hatte zuvor ausgerechnet einem Neffen von Ex-Machthaber Robert Mugabe gehört. Er klagte vergeblich vor Gericht und flüchtete ins Exil nach Sambia.
Der ARD wollte die IOC-Präsidentin kein Interview geben. Nach ihrer Wahl im letzten Sommer äusserte sie sich zur Kritik an ihrer Heimat und ihrer Arbeit als Sportministerin: «Die Dinge verbessern sich, es geht voran. Es braucht Zeit, aber ich weiss, dass die Arbeit, die ich in Simbabwe geleistet habe, dem Wohl der Jugend in Simbabwe zugutekommen wird.»
«Verwischung» von Sportarten
Mit diesem geschmeidigen Opportunismus qualifizierte sich Kirsty Coventry für ihr neues Amt, auch nach Ansicht von Vorgänger Thomas Bach. Sie war seine Wunschnachfolgerin und siegte trotz namhafter Konkurrenz unter anderem von Sebastian Coe, dem Präsidenten des Internationalen Leichtathletikverbands, im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit.
Nach ihrer Wahl setzte sie mehrere Arbeitsgruppen ein, die sich mit möglichen Reformen des IOC und der Olympischen Spiele beschäftigen. Dabei geht es um heikle Themen wie den Umgang mit Transmenschen oder der «Verwischung» von Sportarten. So könnten etwa Radquer und Crosslauf künftig ins Programm der Winterspiele aufgenommen werden.
Reformen verspäten sich
Die Vergabe der Spiele steht ebenfalls auf dem Prüfstand, was für die Schweiz und ihre Kandidatur für 2038 interessant sein könnte. Die Reformen dürften an der IOC-Session am Dienstag und Mittwoch in Mailand besprochen werden, doch Coventry bat am Sonntag schon mal um Geduld. Konkrete Ergebnisse werde es wohl erst im zweiten Halbjahr geben.
Reformen sind im IOC ein heikles Thema. Thomas Bachs Vorgänger Jacques Rogge war durch die Reformresistenz des elitären Gremiums zermürbt worden. Der deutsche Fecht-Olympiasieger zeigte in seinen zwölf Amtsjahren entsprechend wenig Willen zur Veränderung. Ob sich dies unter Kirsty Coventry ändern wird? Zweifel sind angebracht.
