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Christoph Spycher im Interview über die sportliche Krise der Young Boys

Christoph Spycher, Chief Sports BSC Young Boys, waehrend einem Interview, am Dienstag, 20. Januar 2026, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Christoph Spycher spricht über die aktuelle Krise bei den Young Boys.Bild: keystone
Interview

Spycher spricht über die grosse YB-Krise: «Die Geschichte der Titeljahre ist vorbei»

22.01.2026, 12:1522.01.2026, 12:15

Jahrelang galt er als der unfehlbare Baumeister des Berner Erfolgs, nun bläst Christoph Spycher bei den Young Boys auch mal der Wind ins Gesicht. Wie geht der Chief Sports und Miteigentümer mit der Kritik um? Ein Gespräch über schlaflose Nächte, die veränderte Mentalität der heutigen Spielergeneration und warum er trotz der sportlichen Talfahrt keine Trainerdiskussion zulässt.

Christoph Spycher, drei Liga-Niederlagen in Serie gab es für YB zuletzt 2014. Erleben Sie gerade die schwierigste Phase, seit Sie im Verein als Funktionär Verantwortung tragen?
Wir hatten in jeder Saison schwierige Momente, aber klar: Die Geschichte der Titeljahre ist vorbei. Wir müssen uns alles wieder hart erarbeiten. Wir sind nicht dort, wo wir hinwollen. Aber man muss relativieren: In der letzten Saison haben wir uns für die Champions League qualifiziert. Jetzt spielen wir in der Europa League. Wir stehen nicht vor der Vereinsauflösung. Aber unsere Ansprüche und Ambitionen sind maximal. Für viele unserer Spieler ist es eine neue Erfahrung, mit so vielen Widerständen wie jetzt konfrontiert zu sein. Daran müssen wir wachsen. Diese Resilienz müssen wir bilden.

epa12623744 Pavel Sulc of Lyon celebrates after scoring the 0-1 opening goal during the French Ligue 1 match between AS Monaco and Olympique Lyonnais, in Monaco, 03 January 2026. EPA/SEBASTIEN NOGIER
Am heutigen Donnerstag trifft YB auf Olympique Lyon.Bild: keystone

Ist der Erfolg seit 2018 mittlerweile fast ein Fluch, weil die Erwartungshaltung so riesig geworden ist?
Fluch ist das falsche Wort. Vor 2018 hat es mich extrem gestört, immer wieder zu hören, dass YB eh nie Meister werden würde. Jetzt ist die Erwartungshaltung durch unsere Geschichte markant gestiegen. Das haben auch andere Vereine erlebt. Der Mensch gewöhnt sich an alles, Erfolg wird irgendwann als Normalität angesehen. Das führt zu Druck. Aber am Schluss muss man sich das verdienen. Ich kann die Erwartungshaltung von aussen, die Medien oder die Zuschauenden nicht beeinflussen. Einer meiner Grundsätze ist: Wir müssen die Energie dort investieren, wo wir etwas beeinflussen können. Wir dürfen uns nicht von der Emotionalität lenken lassen.

Fällt es Ihnen leicht, diese Distanz zu halten?
Es ist nicht immer einfach. Wenn wir verlieren, bin auch ich extrem enttäuscht und habe eine schlechte Nacht mit viel Kopfkino. Aber man muss die Emotionalität irgendwann rausnehmen, um sachlich zu analysieren. Wenn es unser Ziel ist, an der Teamhierarchie zu arbeiten, müssen wir akzeptieren, dass man nicht alles auf Knopfdruck ändern kann. Prozesse brauchen Zeit – Zeit, die man in diesem emotionalen Geschäft eigentlich nicht hat.

Edimilson Fernandes (YB), vorne, und Sandro Lauper (YB) nach Lausanne's Tor zum 1-3 im Super League Spiel zwischen dem BSC Young Boys und dem FC Lausanne-Sport, am Samstag, 17. Januar 2026 im Sta ...
YB befindet sich gerade in einer sportlichen Krise.Bild: keystone

Ist es für die Spieler, die noch nicht so lange im Verein sind, schwieriger mit der hohen Erwartungshaltung umzugehen? Ist der YB-Rucksack heute teilweise zu schwer?
Das spielt sicher eine Rolle. Es war schwieriger für die Trainer in den letzten Jahren, aber auch für die Spieler. Aber das lässt sich nicht verallgemeinern. Fabian Rieder hat sich aus dem Nachwuchs durchgesetzt. Er ist einer, der besser wird, wenn er unter Druck ist. Aber es gibt auch Spieler, die damit Mühe bekunden. Ich habe das selber als Spieler erlebt, als ich in die Bundesliga wechselte: Entweder du fährst die Ellbogen aus, oder du packst die Koffer. Wenn dieser Klick nicht gelingt, schafft man es nicht. Das spüren die Spieler mit der gestiegenen Erwartungshaltung auch bei YB.

Früher hatte man das Gefühl: Geht ein Spieler, steht der Nachfolger schon bereit und fügt sich quasi nahtlos in die Mannschaft ein. Jetzt haben Sie auf dem Transfermarkt schon mehrmals reagiert und neue Spieler verpflichtet. Haben Sie das «goldene Händchen» verloren?
Es spielen viele Faktoren zusammen. Sicher sind auch Entscheide dabei, die uns nicht geglückt sind. Aber es ist unmöglich, dass jeder Personalentscheid richtig ist. Die Arbeit fängt ja erst an, wenn der Spieler unterschrieben hat: Integration, Kommunikation, Karriereplanung, Leistung. Es sind ganz viele Puzzleteile, die sich ineinanderfügen müssen. Manchmal sind sie im Einklang, manchmal nicht. Zudem hat sich der Fussball verändert. Er ist dynamischer und komplexer geworden. Und Spieler bleiben weniger lange in einem Verein. Die neue Generation ist fast immer auf dem Sprung und hat weniger Geduld. Früher konnten wir einen Djibril Sow überzeugen: »Bleib noch ein Jahr, das tut dir gut.« Und er blieb, was ihm in Frankfurt extrem geholfen hat.

Christoph Spycher, Chief Sports BSC Young Boys, waehrend einem Interview, am Dienstag, 20. Januar 2026, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
In den letzten Jahren erlebte Spycher viele Erfolge mit den Young Boys.Bild: keystone

Und heute?
Heute ist das schwieriger. Nehmen wir das Beispiel von Zachary Athekame: Ihn hätten wir sehr gerne noch behalten, zeigten ihm auf, dass er sich als Stammspieler für die WM in diesem Sommer empfehlen könne. Aber die Dynamik ging in eine andere Richtung. Ich sage nicht, der Entscheid von Athekame, zur AC Milan zu wechseln, sei falsch gewesen. Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschliessend beurteilen. Wenn ein Klub wie Milan ruft, löst das viel aus. Grundsätzlich wird heute im Fussball oft in Potenzial investiert. Wenn ein Spieler ein gewisses Leistungsniveau erreicht hat, ist er weg, weil grössere Vereine das Potenzial erkannt haben. Die Fluktuation wird grösser, und demnach ist es schwieriger, in einer Mannschaft eine klare Hierarchie aufzubauen.

Seit wann beobachten Sie dieses Phänomen? War es zum Beispiel noch anders, als Gerardo Seoane im Sommer 2018 zum ersten Mal zu YB kam?
Die Lücke zu den Top-5-Ligen ist in den letzten Jahren sicher noch einmal grösser geworden. In seiner ersten Saison konnte Gerry quasi mit dem Kader arbeiten, das mit Adi Hütter Meister geworden war. Aber in seiner zweiten Saison galt es, die komplette Viererkette und zwei zentrale Mittelfeldspieler zu ersetzen. Damals ist der Umbruch gelungen. Aber man muss auch akzeptieren, wenn er mal nicht gelingt, wenn es länger dauert, in einem Team eine klare Hierarchie aufzubauen.

Apropos Seoane: War bei der Rückholaktion von ihm auch Nostalgie dabei? Schliesslich gehört er mit drei Meistertiteln und einem Cupsieg zu den erfolgreichsten Trainern der Vereinsgeschichte.
Nein. Wir wussten, dass die Situation eine komplett andere ist als beim ersten Mal. Wäre alles gleich geblieben, wäre er wohl gar nicht zurückgekommen. Gerry ist ein Mensch, der Herausforderungen liebt. Wir haben darüber gesprochen: Es ist eine neue Situation, aber er hat Energie und arbeitet extrem gerne für YB. Wir gehen diesen Weg mit voller Überzeugung. Wir wissen, wie gut er als Trainer ist, wie akribisch er arbeitet. Jetzt müssen wir Geduld aufbringen. Und das werden wir auch.

Trainer Gerardo Seoane (YB) gibt Anweisungen im Super League Spiel zwischen dem BSC Young Boys und dem FC Lausanne-Sport, am Samstag, 17. Januar 2026 im Stadion Wankdorf in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaun ...
Seit dem letztjährigen Herbst steht Gerardo Seoane bei YB wieder an der Seitenlinie.Bild: keystone

Setzt er in dieser schwierigen Lage seinen «Legenden-Status» aufs Spiel? YB und das Umfeld sind es sich nicht gewohnt, mit Seoane an der Linie oft zu verlieren.
Die Titel, die er gewonnen hat, kann ihm keiner mehr nehmen. Es ist eine Frage der Denkweise. Es gibt zwei Typen von Menschen: Die einen planen karrieretechnisch. Die sagen: »Jetzt ist das Risiko zu verlieren gross, ich muss abspringen, bevor es bergab geht.« Wenn man so denkt, müsste man nach dem ersten Titel sofort gehen. Aber so funktionieren weder Gerry noch ich. Uns geht es darum: Wo kann ich etwas bewirken? Wo kann ich mit Menschen, denen ich vertraue und die höchst ambitioniert sind, zusammenarbeiten? Wo kann ich in einem Team etwas aufbauen? Wir nehmen die Herausforderung an, auch wenn die Fallhöhe gross ist. Wer nur auf seine Karriere schaut, sucht sich immer den Arbeitgeber, der am Boden liegt, weil man da nur gewinnen kann. Das ist nicht unser Ansatz.

Wie viele Spiele wie am Samstag gegen Lausanne können Sie auf der Tribüne noch ertragen, ehe auch Seoane um seinen Job bangen muss?
Wir haben in den letzten Jahren viel zu viele Trainer gewechselt, das ist nicht unser Wunsch. Wir sind überzeugt, wir haben den richtigen Trainer und gehen den Weg mit hundertprozentiger Überzeugung. Wir werden sicher personelle Anpassungen machen, aber nicht auf der Trainerposition.

Früher hatten Sie Leader wie Steve von Bergen, Guillaume Hoarau und Sékou Sanogo. Fehlen solche Figuren heute?
Als wir das erste Mal Meister wurden, war die Hierarchie in der Mannschaft ganz klar: Diese drei bildeten die Achse und haben die Mannschaft getragen. Und da war mit Miralem Sulejmani zum Beispiel ein Spieler, der wohl über den besten linken Fuss verfügte, der je in der Schweiz gespielt hat. Wobei man sagen muss: Sulejmani war ein spielerischer Leader, keiner, der in der Kabine Tacheles geredet hat. Aber die Zeiten haben sich geändert. Hierarchien sind heute überall flacher geworden. Schauen Sie sich Barcelona an: Früher gab es Puyol, Xavi, Iniesta. Heute haben sie fantastische Spieler wie Lamine Yamal oder Pedri, aber das sind keine klassischen Leaderfiguren. Die gibt es heute kaum noch. Auch bei den besten Vereinen der Welt nicht.

«Wir wollen nicht in jeder Transferperiode die halbe Mannschaft auswechseln»

Grégory Wüthrich holten Sie im Sommer als Führungsspieler in der Abwehr zurück. Wenn man sieht, dass YB hinter Winterthur die zweitschwächste Defensive der Liga stellt und bereits 41 Gegentore kassiert hat, ist augenscheinlich, dass er diesem Anspruch bisher nicht gerecht werden konnte.
Gregy wurde mit Sturm Graz zweimal österreichischer Meister, spielte in der Champions League und wurde fürs Nationalteam aufgeboten. Er hatte sicher keinen einfachen Einstand, aber wir sind überzeugt, dass er das Paket mitbringt, um ein Leader zu sein. Nicolas Moumi Ngamaleu brauchte damals ein ganzes Jahr, bis er vom Ergänzungsspieler zum Leistungsträger wurde. Manchmal muss man Geduld haben.

Werden Sie diesen Winter auf dem Transfermarkt aktiv werden?
Das Transferfenster ist offen. Aber wir wollen nicht in jeder Transferperiode die halbe Mannschaft auswechseln, sondern wir müssen ihr Zeit geben, zusammenzuwachsen. Jaouen Hadjam hat sich am Afrika-Cup verletzt und fällt mehrere Monate aus. Auf seiner Position sind Bestrebungen im Gang. Und wenn wir die Möglichkeit haben, der Mannschaft Qualität, Energie oder eine neue Dynamik zuzuführen, werden wir handeln.

Sie galten lange als Baumeister des Erfolgs und wichtigster Mann für den sportlichen Aufschwung bei YB. Stehen Sie nun in weniger erfolgreichen Zeiten öfters in der Kritik?
Das ist zwangsläufig so. Aber auch in den erfolgreichen Phasen dachte ich nie, ich hätte jetzt etwas Unglaubliches geschafft. Erfolge sind immer Teamarbeit. Aber klar: Erfolg wird heute personalisiert, Misserfolg auch. Es ist normal, dass man auf die Leute schaut, die in der ersten Reihe stehen. Damit kann ich umgehen. Ich komme gerne zur Arbeit – natürlich lieber nach Siegen als nach Niederlagen. Aber in keinem Job scheint nur die Sonne. Zwischendurch regnet es auch.

Hat dieser Gegenwind auch mit Ihrer Rolle als Miteigentümer zu tun? Kritiker sagen, Sie hätten nun zu viel Macht.
Nein. Ich bin 2010 als Spieler hergekommen, bereit, alles für YB zu geben. Das ist auch heute so, egal welchen Titel ich trage. Die Geschichte mit der Teilhabe wird zu hoch gehängt. Es war der Wunsch von Mehrheitsaktionär Jöggi Rihs, die Verankerung von YB in Bern zu zementieren. Das war seine Idee. Das hat mich als Mensch und in meiner täglichen Arbeit aber überhaupt nicht verändert. (riz/sda)

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