FCSG-Trainer Maassen: «So wie hier habe ich das bisher nur in Dortmund erlebt»
Enrico Maassen und Sebastian Block arbeiten seit Sommer 2018 zusammen. Ihr Weg als Trainergespann begann bei Rödinghausen, führte über Dortmund II zum FC Augsburg und schliesslich vor eineinhalb Jahren in die Ostschweiz zum FC St.Gallen.
Chefcoach Maassen, den alle «Enno» nennen, stammt aus Wismar. Der 41-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder (9 und 4), die Familie wohnt in Augsburg. Assistenztrainer Block, den jeder mit «Blocki» anspricht, stammt aus Hannover. Der 44-Jährige ist ebenfalls in festen Händen und hat mit seiner Partnerin einen gemeinsamen Sohn (4) und einen Buben (10) aus einer früheren Beziehung.
Sie wirken beide nicht erst seit diesem Trainingslager wie ein altes Ehepaar. Trifft das den Nagel auf den Kopf?
Sebastian Block: Ja, schon. Wir sind jetzt im achten Jahr. Unsere Beziehung hält länger als vermutlich zwei Drittel aller Ehen. (lacht)
Enrico Maassen: Wir haben das verflixte siebte Jahr überstanden. (lacht) Unser Rezept? Blocki weiss, was ich brauche, um zu funktionieren. Das ist auch der Sinn und Zweck eines Trainerteams. Ich wollte jemanden an meiner Seite wissen, der andere Stärken hat als ich. Blocki ist für mich ein Glücksfall.
Wie haben Sie damals in Rödinghausen zusammengefunden?
Block: Ich hatte dort viele Jahre im Nachwuchs trainiert und davor für den Verein auch gespielt. Hauptberuflich war ich stellvertretender Leiter einer Realschule. Ich wollte zu jener Zeit im Trainerwesen etwas anderes machen, wobei mich Rödinghausen dann für die erste Mannschaft als Assistent vorsah. Als der Klub Enno als Chefcoach wollte, nahm ich in der Schule frei und besuchte ihn. Es musste zwischen uns passen, ich wollte für ihn kein Klotz am Bein sein. Ich war sofort von Enno beeindruckt: Da liess einer seine Heimat, seinen Beruf als Fitness-Kaufmann, ja sein ganzes Umfeld hinter sich, um hauptberuflich einen völlig neuen Weg einzuschlagen. Und …
Maassen: … ich muss unterbrechen und abkürzen. Also lange Rede, kurzer Sinn, das ist nämlich Blockis Thema – wenn er anfängt zu reden, hört er nie mehr auf. (lacht) Mir sagte damals die Klubführung, sie sähe da einen geeigneten Mann aus der zweiten Mannschaft für mich als Co-Trainer. Wir haben uns kennengelernt, das war überragend, es hat von Tag eins super gepasst.
Sind Sie Freunde?
Block: Klar.
Maassen: Ja. Jeder Tag, an dem wir nicht miteinander sprechen oder telefonieren, fühlt sich so an, als ob etwas fehlen würde. Wir verbringen mehr Zeit zusammen als mit unseren Familien.
Block: In unserem Beruf geht es auch nicht anders. Der Fussball hört nicht abends um 6 Uhr auf. Wir haben zudem die gleichen Werte und versuchen, mit den Menschen korrekt umzugehen. Früher war ein Fussballer einfach ein Fussballer. Dabei arbeiten wir einfach mit Menschen zusammen, die Fussball spielen.
Maassen: Wir wissen ja alle, wie flüchtig der Fussball sein kann. Mir ist es aber wichtig, wie die Leute uns im Nachgang wahrnehmen, dass sie sagen: «Hey, das waren gute Typen, die inhaltlich und menschlich etwas zu bieten hatten.» Menschen vergessen nicht, wie man mit ihnen umgeht.
Gibt es nie Streit?
Maassen: Doch. Wir sind beide emotional. Wie in jeder Ehe oder Freundschaft gibt es Momente, in denen man aus der Haut fährt. Aber wir schauen uns dann eine Stunde später an, und es ist wieder okay. Und reden vernünftig über die Sache.
Block: Es ist aber nie so, dass es zwischen uns verletzend wird.
Was stört Sie aneinander?
Block: Nichts Eklatantes. Wir sind alt genug, um gewisse negative Neigungen positiv auszulegen. Man muss bei Enno deshalb schauen, dass in seiner Nähe immer eine Cola Zero steht. Akribie ist in unserem Beruf wichtig. Aber Enno geht dann schon viel extremer ins Detail, sodass ich denke: «Meine Güte, jetzt ist auch mal gut.» (lacht) Aber das macht uns ja nur besser. Enno denkt bei mir wohl, dass ich ihm nicht immer mit Inhalten aus irgendwelchen Büchern kommen solle.
Maassen: Ich mag das Belesene von Blocki. Er hat auch die Aufgabe, über den Tellerrand zu schauen und Sachen zu filtern, die uns helfen können. Mich nervt aber seine Lautstärke am Morgen. Ich kann nicht verstehen, wie man früh so laut sein kann. (lacht) Ich habe einen normalen Rhythmus, gehe um 11 Uhr abends ins Bett und stehe um 7 Uhr wieder auf. Blocki geht spätestens um 9 Uhr abends ins Bett und ist um 4.30 Uhr wach. Und sendet mir dann in der Früh um 5.30 Uhr Sprachnachrichten. Das ist zu viel. Und: Blocki ist nicht der begnadetste Autofahrer. Das sagt er aber auch von sich selbst. (lacht)
Apropos Auto. Es gibt die eine Szene, in der sich in Gossau ein verregneter Enrico Maassen ins Auto von Sebastian Block setzt. Und Herr Block ausflippt, weil das Auto frisch geputzt ist.
Block: Ich habe ihn nur gespiegelt. Mir ist das nämlich egal. Wenn man aber bei Enno mitfährt, darf man nichts berühren und nichts anfassen. Man müsste eigentlich im Auto schweben, weil ihm alles heilig ist.
Maassen: Da gibt es eine Vorgeschichte! Einst im Sommer sah mein Auto miserabel aus. Ich machte alles sauber und putzte die Fenster. Dann holte ich Blocki ab. Er war voll eingecremt mit Sonnenöl, sass hinein und legte seinen Arm an die Scheibe und auf die Armatur. Ich dachte mir: Was ist das denn? Die Ölschicht im Innenraum hat mich durch den ganzen Sommer begleitet.
Block: Es war Tiroler Nussöl. (lacht) Wir haben gemeinsam schon ein paar Kilometer im Auto zurückgelegt. Und viele Dinge darin erlebt, zum Beispiel, als Enno die Zusage erhielt, die Pro-Lizenz machen zu können. Dafür hatte es 130 Bewerber gegeben, von denen 25 genommen wurden.
Aufwärts ging es in der Trainerkarriere aber nicht nur. Zum Beispiel in Augsburg, mit der Entlassung.
Maassen: Das muss man differenzieren. Wir kamen in einer Phase der Veränderungen im gesamten Verein, einen grösseren Umbruch auf und neben dem Platz hat der FC Augsburg zuvor nie erlebt. Wir haben sehr viele junge Spieler entwickelt, der Klub profitierte später von ziemlichen Transfereinnahmen. Daher blicke ich positiv auf diese Zeit zurück.
Block: Wir durften auch neben dem Platz in Augsburg viele Dinge anstossen, die mittel- und langfristig Früchte getragen haben. Wir holten damals zum Beispiel Renato Veiga, der sich nach seiner Ankunft im kalten Winter nicht wohlfühlte und Heimweh hatte. Es gab zu jener Zeit in Augsburg noch keinen Teammanager. Niemand kümmerte sich wirklich um ihn. Also versuchten wir, Veiga aufzufangen und mit Landsleuten zu vernetzen.
Herr Block, Sie gelten als Einpeitscher an der Seitenlinie. Und gehen, wie man hört, Gegnern auch auf die Nerven. Ist das bewusst?
Block: Das habe ich noch nicht mitbekommen. (lacht) Für mich muss der Cheftrainer von aussen unantastbar sein und sich auf die inhaltlichen Dinge fokussieren. Es kommt nicht gut, wenn ein Trainer permanent aufs Feld rennt, ständig die eigenen Spieler anstachelt oder mit dem vierten Offiziellen ab und zu redet. Deshalb übernehme ich diesen Part, im Training wie während der Spiele. Wenn ich laut werde, kann das vielleicht den Gegner provozieren. Doch Absicht ist das nicht.
Herr Maassen, wie sehen Sie Herrn Block?
Maassen: Blocki ist ein Kümmerer, er schaut für eine Gruppe, kann Stimmung erzeugen. Er ist eloquent, ein guter Organisator und verbindet Menschen. Das sind seine Qualitäten. Mein Hauptfokus liegt auf der inhaltlichen Arbeit auf dem Platz und der Führung der Mannschaft und des Staffs, Blockis Schwerpunkt liegt auf der Organisation.
Block: Ich höre die Dinge vielleicht anders als Enno, kann deshalb Gespräche differenzierter bewerten. Ennos Fussballstil ist deckungsgleich mit meinem, unser Fundament ist seit jeher identisch. Wir beide wollen mit einem Verein eng verbunden sein.
Wer war der bessere Fussballer?
Block: Enno hatte sicherlich die feinere Klinge. Einer meiner Trainer sagte mir einmal, ich sei zu langsam für den Profifussball. Deshalb begann ich in Bielefeld mit dem Studium und spielte in den regionalen Oberligen als Sechser und später als Stürmer.
Maassen: Blocki ist von der Statur her eine klassische Neun.
Wer musste wen vom FC St.Gallen überzeugen?
Block: Keiner. Wir stiegen nach dem Gespräch ins Auto und hatten beide ein richtig gutes Gefühl.
Maassen: Unser Wunsch war es, Auslandserfahrung zu sammeln, wir wollten einen Fussballklub mit einem stabilen Umfeld, in dem die Möglichkeit und die Ambition bestehen, international oder sogar um einen Titel zu spielen. Deshalb fiel uns die Entscheidung leicht.
Hat Sie St.Gallen überrascht?
Maassen: Ja, die Verbundenheit der Region mit dem Klub. So habe ich das bisher nur in Dortmund erlebt. Die Emotionalität ist vergleichbar.
Block: Ich würde «überrascht» durch «beeindruckt» ersetzen. Die Zusammenarbeit mit Roger Stilz, Matthias Hüppi und allen weiteren Verantwortlichen war von Tag eins an ehrlich, authentisch und vertrauensvoll.
Maassen: Das hat man sehr selten. Fussball ist ein derart emotionales Business, in dem sich eine Führungsetage anhand von Resultaten und Meinungen von aussen durchaus verbiegen lassen kann. In St.Gallen ist das eben nicht der Fall – eine Stärke dieses Klubs.
Welchen Buchtitel würden Sie sich geben?
Block: Ich würde das Buch ja schreiben, das wäre mein Part in unserer Zusammenarbeit. Deshalb: «Enno, der Fussball und ich.»
Maassen: Mein Titel für uns als Trainerduo wäre: «Gegensätze ziehen sich an».
