Sport
Interview

FC Winterthur-Sportchef Oliver Kaiser im Interview

Winterthurs Matteo Di Giusto, links, jubelt mit Teamkollegen nach seinem Tor zum 1:0 im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Winterthur und dem FC Lausanne-Sport im Stadion Sc ...
Winterthur findet sich in der zweiten Super-League-Saison seit dem Aufstieg gut zurecht.Bild: KEYSTONE
Interview

Winterthur-Sportchef Kaiser: «Um sich in der Super League zu etablieren, braucht es mehr»

Oliver Kaiser ist seit 2017, als die Stelle neugeschaffen wurde, Sportchef des FC Winterthur. Der 44-Jährige erklärt im Gespräch mit Keystone-SDA, wie er versucht, aus kleinem Budget das Maximum herauszuholen.
17.02.2024, 14:5517.02.2024, 16:27
Mehr «Sport»

Oliver Kaiser, man sagt, die zweite Saison nach dem Aufstieg sei die schwierigste. Warum trifft das in Winterthur nicht zu?
Oliver Kaiser: Vorab hat sich die Liga verändert. Durch die Aufstockung sind Teams hochgekommen, die sich wirtschaftlich eher auf unserem Level bewegen. Wir haben im Vergleich zu ihnen aber bereits ein Jahr Erfahrung sammeln können. Hinzu kommt, dass wir sowohl beim Kader wie im Staff einige Rochaden hatten und sich vieles wunschgemäss entwickelt hat.

Man kann sagen, dass der Klub in der Super League angekommen ist.
Um sich nachhaltig in der Super League zu etablieren, braucht es mehr. Wir haben gut 40 Jahre in der Challenge League gespielt. Jetzt sind wir in der zweiten Super-League-Saison, was uns extrem freut und wir uns durch ehrliche Arbeit auch verdient haben. Wir müssen aber weiterhin Schritt für Schritt nehmen. Wenn du dich nicht mehr richtig einschätzt, kreierst du automatisch falsche Erwartungen.

Was meinen Sie damit?
In allen Ligen der Welt kann die Schlussrangliste vor der Saison anhand der Klub-Budgets skizziert werden. Manchmal schafft es ein Team mit weniger finanziellen Mitteln in die vorderen Ränge und umgekehrt, aber zu 90 Prozent präsentiert sich die Schlusstabelle erwartungsgemäss. Zu Beginn der Saison hätte ich Lausanne-Ouchy und Yverdon ungefähr in unseren Bereich verortet. Inzwischen ist uns aber auch Yverdon in wirtschaftlicher Hinsicht entrückt. Und eine Liga tiefer steht mit Sion ein Klub für den Aufstieg bereit, dessen Finanzkraft nochmals deutlich grösser ist.

Was bedeutet das für einen Klub wie Winterthur?
Wir müssen sehr bedacht mit unseren Mitteln umgehen. Deshalb versuchen wir bei der Kaderzusammensetzung zu berücksichtigen, dass wir als Ganzes funktionieren. Zudem wollen wir Rahmenbedingungen schaffen, dass sich alle wohlfühlen und möglichst konstant ihr Leistungsmaximum abrufen. Das Motiv ‹Team schlägt individuelle Qualität› passt sehr gut zum FC Winterthur.

Patrick Rahmen, coach of Winterthur FC, looks his players, during the Super League soccer match of Swiss Championship between FC Lausanne-Sport and FC Winterthur, at the Stade de la Tuiliere, in Lausa ...
Patrick Rahmen steht bei Winterthur an der Seitenlinie.Bild: keystone

Und wie agiert man als Sportchef, dem begrenzte Mittel zur Verfügung stehen?
Wohl so, wie an allen anderen Orten auch. Wir sollten in der Planung möglichst wenige Fehler machen. Denn ein Fehlgriff kann nicht einfach mit dem nächsten Transfer korrigiert werden. Ich denke aber auch, dass du automatisch mehr abwägst, wenn du wenig Mittel zur Verfügung hast.

Wie wissen Sie, ob sich ein Spieler gut ins Team integrieren wird?
Wissen tut man es nie, aber es gibt Referenzwerte. Du hast bei jedem Transfer kalkulierbare und unkalkulierbare Risiken. Wir versuchen, das Unkalkulierbare zu minimieren.

Können Sie das ausführen?
Wir waren bisher vor allem auf dem Schweizer Markt aktiv. Denn diese Spieler wissen, wie der Fussball hier funktioniert, kennen die Mentalität der Liga und können dadurch viel schneller integriert werden. Ausserdem kannst du Spieler, die du oft live gesehen hast, insgesamt besser einschätzen. Das ist anders, wenn du Spieler aus dem Weltmarkt holst. Zu viele verschiedene Sprachen erschweren es beispielsweise, schnell eine Einheit zu bilden.

Der kürzlich verpflichtete Antoine Baroan ist ein französischer Stürmer, der aus der bulgarischen Liga kommt. Ein untypischer Transfer?
Nicht unbedingt. Auch wir verstärken uns punktuell aus dem Ausland. Souleymane Diaby kam beispielsweise auch von der Elfenbeinküste hierher. Und ich schliesse weitere Auslandtransfers nicht aus. Für uns gilt einfach, jeden Transfer genau abzuwägen. Wen haben wir auf dieser Position? Ist eine Ergänzung sinnvoll? Welche Qualitäten fehlen uns noch?

Ihre Strategie trägt nicht nur auf dem Feld Früchte. Der Abgang von Samuel Ballet zu Como (kolportierte Ablösesumme von 1,5 Millionen Franken) war Winterthurs Rekordtransfer.
Es ist eine schöne Geschichte für uns und eine Bestätigung für die Arbeit im Verein. Sam war mal leihweise bei uns, dann konnten wir ihn übernehmen, und er hat sich hier toll entwickelt. So erhofft man es sich bei jedem Spieler.

Der Winterthurer Samuel Ballet, links, gegen den Berner Sandro Lauper, rechts, beim Fussballspiel der Super League FC Winterthur gegen die .BSC Young Boys im Stadion Schuetzenwiese in Winterthur am Sa ...
Samuel Ballets Wechsel nach Como ist Winterthurs Rekordtransfer.Bild: KEYSTONE

Zurück zu dieser Saison, in der Winterthur nach 23 Runden schon zehn Tore mehr geschossen hat als in der gesamten letzten Saison. Wie erklären Sie die unterschiedlichen Spielweisen?
In der ersten Saison mussten wir uns als Neuling gegen die etablierten Klubs wehren. Bruno Berner hat dies mit seiner defensiven Ausrichtung hervorragend gemacht. Natürlich wollten wir uns in dieser Saison spielerisch entwickeln, auch mehr mit dem Ball agieren. Das entspricht Patrick Rahmens Charakter. Er ist ein mutiger Trainer, der vor nichts zurückschreckt, und die Spieler sprechen sehr auf diese Spielausrichtung an.

Was war für Sie die Überraschung der bisherigen Saison?
Dass Alexandre Jankewitz nach seiner letzten Saison bei Thun in der Challenge League so einschlagen würde, hätten wahrscheinlich wenige gedacht. Auch ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich gewusst habe, wie schnell er sich entwickeln würde. Wir haben aber gewusst, was er für Qualitäten mitbringt, und wollten ihm ein Umfeld bieten, in dem er sich wieder entfalten kann. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen schönen Entwicklungen in unserer Mannschaft.

Das Team belegt Platz 7 mit nur zwei Punkte Rückstand auf die beiden davor liegenden Mannschaften. Nehmen Sie nun die erste Tabellenhälfte ins Visier?
Überhaupt nicht, unser Blick geht weiterhin nach hinten. Wir sind froh, dass wir uns ein gewisses Polster auf die Schlussränge herausspielen konnten. Aber die Meisterschaft dauert noch eine Weile. Wir wollen uns von den letzten zwei Plätzen fernhalten. Mit diesem Denken müssen wir in die nächsten Runden gehen.

Das ist aber etwas tiefgestapelt.
Es ist wichtig, dass der Fokus stimmt. Sobald du das Gefühl hast, es laufe von alleine, fehlen schnell ein paar Prozent. Überdies verfügen alle Teams im hinteren Drittel der Tabelle über die Qualität, regelmässig zu punkten.

(kat/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die illustre Karriere von Alain Sutter
1 / 28
Die illustre Karriere von Alain Sutter
Alain Sutter war einer der talentiertesten Schweizer Fussballer aller Zeiten. Seine Karriere verlief allerdings nicht immer gradlinig. Das grosse Auf und Ab in Bildern …
quelle: halloffame.ch
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Freude bei den Fussballern des SLO
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
2 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2
Flitzer blamiert Polizei mit Rückwärtssalto – das hätte er besser nicht getan ⚡

Ein Baseball-Fan hat bei einem Spiel zwischen den Cincinnati Reds und den Cleveland Guardians am Dienstag die Polizei zum Narren gehalten, als er auf das Spielfeld stürmte, dort vor ihren Augen einen Rückwärtssalto machte und trotzdem drohte, ihnen davonzulaufen. Mit der Reaktion seines Verfolgers hat er wohl nicht gerechnet …

Zur Story