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Coachte den EVZ zum Meistertitel: Dan Tangnes.
Coachte den EVZ zum Meistertitel: Dan Tangnes.Bild: keystone
Interview

EVZ-Trainer Dan Tangnes: «Wir werden versuchen, die Talente früher stärker zu fördern»

Zugs Trainer Dan Tangnes spricht über seine Reaktion nach missglückten Spielen und Nachhilfestunden in Schweizer Staatskunde.
11.11.2021, 09:3211.11.2021, 13:37

Ihr Vertrag läuft bis 2024. Was ist eigentlich, wenn der Meistertitel dafür gesorgt hat, dass ein NHL-Team auf Sie aufmerksam wird? Verfügen Sie über eine Ausstiegsklausel?
Dan Tangnes: Nein, ich habe keine Ausstiegsklausel.

Was wäre Ihre Antwort, wenn eine Anfrage käme?
Es müsste schon die passende Offerte vom richtigen Klub sein. Und dann hätte ich selbst viele Fragen an den Verein. Was ist der Plan? Was sind die Erwartungen? Wieso komme ich als Trainer in Frage?

Würden Sie nein sagen?
Ich denke nur an Zug und an die Arbeit hier. Nichts kann das ändern. Ich denke aber, wenn eine solche Frage tatsächlich käme, würde ich von Zug die Bewilligung erhalten, die Offerte zu prüfen. Das liegt in der Philosophie des EVZ: Wir freuen uns ja auch, wenn wir es schaffen, Spieler in die NHL zu bringen. Selbstverwirklichung ist hier wichtig.

«Für mich war der Wechsel zu Zug praktisch eine einmalige Gelegenheit.»

Aber Sie sind nicht auf einen Job in der NHL aus?
Nein.

Wir müssen doch sehr bitten. Geflunker schon bei der dritten Frage?
Natürlich will jeder in der besten Liga arbeiten. Aber Ich konzentrierte mich ganz auf die Arbeit in Zug. Jobs sollte man nicht jagen. Die guten Gelegenheiten kommen zu dir.

Sie sind schon einmal aus einem laufenden Vertrag ausgestiegen: als Sie von Linköping nach Zug wechselten.
Ich habe diese Geschichte jetzt schon einige Male erzählt. Ich habe Linköping in erster Linie aus familiären Gründen verlassen. Die Familie blieb in Ängelholm, und es war schwierig, sie regelmässig zu sehen. Dazu hatten sich die Voraussetzungen fundamental verändert, der Klub musste das Budget reduzieren. Eigentlich hätte ich erst 2019 nach Zug wechseln sollen. Aber dann ging alles sehr schnell, weil der EVZ nach dem Ausscheiden in den Playoff-Viertelfinals 2018 sofort handeln wollte. Ich denke, am Ende war die Lösung für alle Parteien gut. Für mich war es praktisch eine einmalige Gelegenheit.

Weil Linköping sparen musste, wechselte Dan Tangnes schon früher nach Zug.
Weil Linköping sparen musste, wechselte Dan Tangnes schon früher nach Zug.IMAGO / Bildbyran

Inwiefern?
Der EVZ hatte dieses Arbeitsprofil. Und das passte ziemlich genau auf mich. Vor allem der Teil, dass der Fokus auf die Nachwuchsförderung gelegt werden soll. Ich habe das schon in Schweden gemacht. Es hat einfach gepasst.

Was entgegnen Sie jemandem, der sagt, mit der Abschaffung des Farmteams EVZ Academy von Ende Saison verabschiede sich der Klub vom Ausbildungsgedanken?
Ich würde entgegnen, dass das einfach nicht stimmt. Wir ändern nur die Strategie und werden versuchen, die Talente früher stärker zu fördern, im Alter von 15, 16 Jahren. Damit sie früher parat sind fürs Profieishockey. Schweden ist mit diesem Ansatz gut gefahren, es ist dort nicht mehr ungewöhnlich, dass 17-Jährige in der höchsten Liga spielen.

Seht ihr, niemand erinnert sich an One-Hit-Wonder. Lasst uns zurück an die Arbeit gehen.

Sie haben eine grosse Herausforderung gemeistert und haben den EVZ nach 23 Jahren des Wartens wieder Meister gemacht. Aber nun wartet eine noch kniffligere Aufgabe: die Titelverteidigung.
Wir haben uns zu einem Spitzenteam entwickelt und im dritten Jahr waren wir das beste Team und haben die Meisterschaft gewonnen. Ich glaube an Entwicklungsprozesse. Wir haben neun neue Spieler, es ist ein neuer Prozess. Das braucht Zeit.

Ist es einfacher, mit neuen Spielern einen Titel zu verteidigen?
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich habe ja zum ersten Mal eine Meisterschaft gewonnen. Aber es ist so: Ich muss neue Wege finden. Sonst tönt es wie eine Platte, die einen Sprung hat.

Dan Tangnes im Gespräch mit Steffi Buchli im Frühling 2020.Video: YouTube/MySports

Apropos Platte: Kommt es eigentlich vor, dass Sie in der Kabine Musik vorspielen?
Im Sommer habe ich das mal gemacht. Und zwar habe ich 99 Luftballons von Nena abgespielt. Und dann in die Runde gefragt, wer ein anderes Lied von dieser Interpretin kenne. Keiner hat die Hand gehoben. Und ich sagte: Seht ihr, niemand erinnert sich an One-Hit-Wonder. Lasst uns zurück an die Arbeit gehen.

Da hatten Sie aber Glück, Nena hatte schon noch andere Hits.
Meinetwegen, aber die breite Masse kennt dieses eine Lied. Ich denke, die Jungs haben den Punkt verstanden.

Inwiefern müssen Sie sonst jedes Jahr neue Wege finden?
Ich sehe mich als Verkäufer meiner Ideen.

Aber Sie ändern ja Ihre Prinzipien nicht. Sie müssen also die gleichen Ideen den gleichen Kunden verkaufen.
Das ist auch eine Frage der Kommunikation und wie wir miteinander umgehen. Ich kümmere mich um die Spieler und so hören sie mir eher zu. Als Coach muss ich mit der Zeit gehen. Das Eishockey verändert sich genauso wie die Gesellschaft.

Die Schweiz ist nicht Schweden. Besteht die Gefahr, dass Sie zu sehr auf das in der skandinavischen Gesellschaft viel stärker verankerte Prinzip der Selbstverantwortung setzen?
Hier ist es anders als in Schweden. Wenn ich nur das schwedische System wie Sie es nennen kopiere, dann funktioniert es nicht. Ich musste mich anpassen.

Meine Tochter kam mit Fragen über das System der Schweizer Demokratie zu mir und ich hatte keine Ahnung.

Wie läuft diese Anpassung? Oder anders gefragt: Was ist der Unterschied vom Dan Tangnes im ersten Jahr zum Dan Tangnes von heute?
Ich bin die gleiche Person geblieben. Aber ich bin dreieinhalb Jahre älter geworden. Hoffentlich ein bisschen weiser. Ich kenne das Land besser und mein Respekt ist noch grösser geworden.

Verstehen Sie die Schweiz?
Nein.

Dan Tangnes muss als Trainer am Puls der Zeit sein.
Dan Tangnes muss als Trainer am Puls der Zeit sein.IMAGO / Bildbyran

Nein?
Unsere Tochter geht hier zur Schule. Sie kam mit Fragen über das System der Schweizer Demokratie zu mir und ich hatte keine Ahnung. Also fragte ich Josh Holden. Er hat sich ja einbürgern lassen und soviel ich weiss, werden die Kenntnisse über die Schweiz beim Einbürgerungsverfahren getestet. Aber auch er konnte mir nicht helfen. Nun habe ich bei Zugs Stadtschreiber Tobias Moser eine Privatstunde genommen. Das war sehr aufschlussreich.

Wie wir hören, verstehen Sie zumindest die Sprache sehr wohl.
Ich verstehe viel, ja. Und ein bisschen Schweizerdeutsch kann ich auch sprechen. Aber na ja, Englisch ist mir schon lieber, da entstehen keine Missverständnisse.

Was sind Ihre Stärken?
Ich versuche die Menschen zu verstehen und zu «lesen». Wir können nicht zu allen gleich sein. Manche brauchen Small Talk, andere das direkte Gespräch.

Manchmal müssen Sie wohl auch das Ego der Spieler ein wenig pflegen …
…oder zumindest das Ego nicht zerstören.

«Eishockey ist ein Spiel und ein Spieler soll so viel wie möglich seiner Intuition folgen.»

Wie ist es in Zug: mehr Egos zum Pflegen oder mehr kernige Typen, die eine Auseinandersetzung ertragen?
Wir haben 25 verschiedene Typen. Wir machen viele Meetings im kleinen Kreis. Dann kann sich keiner verstecken. In kleinen Gruppen gibt es mehr Fragen und desto mehr Fragen, desto mehr Lösungsvorschläge kommen von den Spielern.

Also doch das schwedische Prinzip. Die Spieler bringen die Lösung.
Ein Spieler sieht es anders als der Coach. Der beste Weg, um zu lernen, ist die Diskussion. Als Coach kann ich helfen, die richtige Entscheidung zu treffen. Eishockey ist ein Spiel und ein Spieler soll so viel wie möglich seiner Intuition folgen. Das ist besser als Zwang.

Was sagen Sie beispielsweise in der Kabine nach einer Heimniederlage gegen Ajoie?
Ich kann dann wirklich sauer sein.

Und Sie toben?
Nein, ich sage gar nichts. Zu meinem Schutz.

So sieht das aus, wenn Dan Tangnes tobt.Video: YouTube/MySports

Gar nichts? Dann gehen Sie in solchen Momenten nach dem Spiel gar nicht mehr in die Kabine?
Das ist so.

Wirklich?
Ja, ich gehe dann nach Hause. So vermeide ich, in den Emotionen Dinge zu sagen, die ich hinterher bereue. Die Spieler wissen ja in einem solchen Moment selbst, dass es kein guter Abend war. Ich stehe dann lieber früher auf, schaue den Match noch einmal auf Video und sage den Jungs in individuellen Meetings, was sie besser machen können.

Wie motivieren Sie die Spieler?
Motivation ist nicht das richtige Wort. Es geht mehr um Inspiration. Ich versuche täglich, die Spieler zu inspirieren.

Wie macht man das?
Im Gespräch.

Kümmert sich auch ein Mentalcoach um das Team?
Nein.

Nein?
Ein Mentalcoach kann gar nicht mit 25 Spielern ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Es gibt Spieler, die halten gar nichts von einem Mentalcoach. Wenn einer mit einem Mentalcoach arbeitet, dann soll er das. Aber die Bedürfnisse sind so verschieden, dass das individuell passieren muss. Jeder hat seine eigenen Wege, wie er auf das richtige Adrenalinlevel kommt.

Wer motiviert eigentlich Sie?
Eine gute Frage.

Oder eher: Wer inspiriert Sie?
Nun, ich lese Biografien über historische Persönlichkeiten.

Zum Beispiel?
Über Winston Churchill.

Ja klar, das ist logisch.
Warum?

Er war ein harter Trinker, ein starker Raucher und lehnte jede Form von Sport ab: Wo hätte er sich wohler gefühlt als hier im OYM, wo Alkohol verboten ist und das Prinzip «Mein Körper ist mein Tempel» gilt?
Ja, ja, schon gut. Hier müsste er statt an einer Zigarette wahrscheinlich an einer Karotte ziehen.

Das OYM-Trainingszentrum in Cham:

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Was fasziniert Sie an Churchill? Er war ein Mann des Krieges und hat, bevor er eine Jahrhundert-Figur geworden ist, bittere Niederlagen erlitten. Denken wir nur an Gallipoli.
Ich weiss, er war nicht immer ein Held. Aber er hat die Menschen inspiriert.

Wie mit seiner berühmten Rede 1940 «Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Schweiss und Tränen»?
Zum Beispiel. Oder wie er die Engländer dazu gebracht hat, mit allen möglichen Schiffen die in Dünkirchen eingeschlossenen Soldaten über den Kanal heimzuholen. Diese Zeit interessiert mich auch, weil wir in Norwegen dazu einen besonderen Bezug haben. Wir standen unter Deutscher Besatzung und diese Zeit ist noch nicht vergessen. Sie betrifft fast alle Familien und ich habe davon viel von meinen Grossvätern gehört, die beide in diesem Krieg gekämpft haben. Das, was damals passiert ist, beschäftigt heute noch viele Familien. Wer hat wen angeschwärzt und verraten? Diese Wunden verheilen nur langsam.

Sie sind inzwischen selbst Vater und tragen so auch eine gewisse finanzielle Verantwortung. Bevor Sie 2009 Trainer wurden, hatten sie einen ziemlich gut bezahlten Job als Projektmanager, den sie dann aufgaben, um eine Stelle als Nachwuchscoach für knapp 30'000 Franken im Jahr anzunehmen. Hat ihre Frau Sie eigentlich nicht für verrückt erklärt?
Also sie war schon ein wenig, sagen wir überrascht. Sie war gerade schwanger und wir waren unser Haus am Abbezahlen. Aber ich konnte einfach nicht anders, es fühlte sich an wie eine Berufung.

Das Pokerspiel hat sich gelohnt: Sie sind heute einer der teuersten Trainer Europas.
Ich kann mich nicht beklagen. Aber nur damit es klar ist: Es gibt in der National League definitiv teurere Trainer als ich. Und Geld war nie ein Treiber. Ich hätte in Schweden relativ schnell mehr verdienen können.

Wie kam das?
Rögle wollte mich einige Male zum Cheftrainer der ersten Mannschaft befördern. Ich habe stets abgelehnt. Weil ich mich noch nicht bereit fühlte. Mir wurde dann in der Saison 2011/12 quasi ein Ultimatum gestellt. Dann habe ich das versucht.

«Ich hatte einige Coaches, die wirklich nicht gut waren. Andererseits war ich auch ein schwieriger Spieler.»

Und wurden entlassen.
Genau. Es kam einfach noch zu früh damals.

Wollten Sie eigentlich Coach werden, weil sie als Spieler so viele schlechte Trainer hatten und alles besser machen wollten?
Das war wahrscheinlich schon ein Teil des Reizes. Ich hatte einige Coaches, die wirklich nicht gut waren. Andererseits war ich auch ein schwieriger Spieler.

Es heisst, sie seien das grösste norwegische Talent ihres Jahrgangs gewesen. Aber bevor sie die Karriere mit 26 beendeten, spielten Sie vor allem in der dritten schwedischen Liga. Wo lag das Problem?
Ich glaube, ich hatte den Biss und die Disziplin einfach nicht. Dann verletzte ich mich am Rücken und fand, dass es Zeit ist, aufzuhören.

Wünschten Sie sich, dass Sie den Dan Tangnes von heute als Trainer gehabt hätten?
Das soll wirklich nicht arrogant klingen, aber ja, ich denke, das hätte mir damals gutgetan.

Sie sprechen davon, dass Ihnen damals die Disziplin fehlte. Was würden Sie sagen, wie viel macht diese Tugend heute in einem Spiel aus?
85 Prozent. Disziplin und Charakter sind so wichtig. Wer das nicht hat, wird es im heutigen Spiel schwer haben. Die Zeiten, in denen Talent allein reichte, sind lange vorbei.

Aus der Fachzeitschrift «Slapshot».

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