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Da schnellt der Puls des Fussball-Nostalgikers in die Höhe: die Holztribüne auf dem «Spitz» in Bern.
Da schnellt der Puls des Fussball-Nostalgikers in die Höhe: die Holztribüne auf dem «Spitz» in Bern.Bild: keystone
Interview

«Die Bierbratwurst ist super» – der FC Breitenrain auf dem Weg nach oben

Es ist eine Geschichte, die der moderne Fussball eigentlich gar nicht mehr vorsieht. Der Berner Quartierklub FC Breitenrain ist drauf und dran, in die Challenge League aufzusteigen. Eine Annäherung an einen besonderen Klub.
29.04.2022, 10:26

Für Aussenstehende klingen schon die zwei Worte kultverdächtig. Der FC Breitenrain heisst «Breitsch» und gespielt wird nicht auf dem Sportplatz Spitalacker, sondern auf dem «Spitz». Und das so erfolgreich wie nie.

Wenn am Samstag die Rückrunde der Promotion League endet, kann sie der Quartierklub aus der Stadt Bern auf Platz 1 abschliessen. In der Aufstiegsgruppe winkt dann der Aufstieg in die Challenge League, die zweithöchste Liga des Landes.

Marco Widmer wird diesen Kampf um den Aufstieg ganz besonders beobachten. Er ist als Fussballfan eine Rarität. Denn der Ostschweizer, der seit vielen Jahren in Bern lebt, hat sich mit Leib und Seele der drittklassigen Promotion League verschrieben. Über sie informiert er auf einem eigenen kleinen Portal und auf Twitter.

Im Eingangsbereich geht es zu und her wie auf einem Provinzplatz.
Im Eingangsbereich geht es zu und her wie auf einem Provinzplatz.Bild: keystone

Marco, du beschäftigst dich leidenschaftlich mit der drittklassigen Promotion League. Weshalb?
Marco Widmer:
Irgendwann hatte ich genug von der Champions League und so weiter. Das wurde alles zu gross und ist nur noch ein Business. Hinzu kommt, dass man in der Promotion League die Kinder schon mitnehmen kann, wenn sie noch kleiner sind. Ich habe zwei Buben, die während des Spiels dann einfach herumgerannt sind, als sie noch kleiner waren. Und trotz allem ist das Niveau noch relativ hoch. Jemand sagte mal: Würde man ein Promotion-League-Team im Wankdorf oder im Joggeli mit YB- bzw. Basel-Trikots auflaufen lassen, würden 80 Prozent der Zuschauer diesen Schwindel gar nicht bemerken.

Der neue Modus
Nach 29 von 30 Runden führt Breitenrain zwei Punkte vor Bellinzona. Nach den 30 Runden tragen die besten sechs Teams nochmals je eine Partie gegeneinander aus. Die bisherigen Punkte werden in diese Aufstiegsgruppe mitgenommen. Der Erste steigt auf.

Derzeit gibt es an der Tabellenspitze einen Zweikampf um den Aufstieg zwischen Breitenrain und Bellinzona. Wen siehst du in der Favoritenrolle?
Die gehört ganz klar Bellinzona. Die sind sehr ambitioniert und haben einen Profi-Betrieb. Breitenrain ist vor allem dank der mannschaftlichen Geschlossenheit erfolgreich. Vor zwei Wochen hätte ich noch gesagt: Bellinzona macht es sicher. Aber weil Breitenrain auswärts im Tessin das Direktduell gewonnen hat, könnte es wirklich sehr spannend werden.

Diese Tatsache verwundert wohl umso mehr aufgrund der Tatsache, dass es sich bei Breitenrain eben nicht um einen Klub handelt, der viel Geld reinbuttert.
Nein, die Spieler sind Halbprofis, jeder arbeitet tagsüber und am Abend ist Training. Mehrere Spieler der Promotion-League-Mannschaft sind auch sonst stark im Verein engagiert: Einer amtet als Geschäftsführer, ein anderer ist Finanzchef, ein dritter ist für Social Media zuständig und hilft im Sponsoring. Das ist wohl auch eher selten auf diesem Niveau. Allen Nicht-Berner Fussballfans könnte man Breitenrain vielleicht auch als eine Art «FC Winterthur eine Liga tiefer» vorstellen. Ein Fussballklub, in dem es nicht nur um den Sport geht.

Dann könnte er ihn in der Challenge League gleich ersetzen, Winterthur könnte ja den Sprung nach ganz oben schaffen. Aber passt ein Klub wie Breitenrain überhaupt in den professionellen Fussball?
Ich sehe vor allem in finanzieller Hinsicht Gefahren. Und dass man seine Stärken verliert – das, was den Klub jetzt auszeichnet. Mittel- bis langfristig könnte es bei steigenden Ambitionen und Anforderungen nicht mehr so familiär zu und hergehen wie jetzt noch.

Stichwort «familiär»: die Haupttribüne beim Spiel gegen Stade Nyonnais.
Stichwort «familiär»: die Haupttribüne beim Spiel gegen Stade Nyonnais.Bild: keystone

Einen wesentlichen Teil zum Charme trägt der «Spitz» zu, der Sportplatz, wo die Tribüne noch aus Holz ist. Doch bei einem Aufstieg dürfte Breitenrain wohl nicht dort spielen.
Das wäre ein grosses Problem, wenn sie anderswo spielen müssten. Im ersten Anlauf wurde dem Klub die Lizenz für die Challenge League verweigert, vor allem aufgrund der Infrastruktur. Zum Beispiel ist das Flutlicht für TV-Übertragungen zu schwach. Dieses altehrwürdige Stadion mitten im Quartier, in dem vor rund hundert Jahren auch YB spielte und sogar die Nationalmannschaft, hat einen wesentlichen Anteil an der «Faszination Breitsch». Nun überlegt sich der Klub, welche Alternative bei einem Aufstieg in Frage kommt.

Die Nati auf dem «Spitz»
Am 19. November 1922 gewann die Schweiz gegen die Niederlande mit 5:0. Vor 12'000 Zuschauern schoss der berühmte Xam Abegglen drei Treffer. Es war das letzte Länderspiel auf dem «Spitz».

Ist Breitenrain eigentlich derjenige Berner Klub, der abends nicht spielen darf, weil es Nachbarn zu laut ist?
Fussballspielen dürfen sie. Das Problem ist, dass bei der letzten Renovation des Sportplatzes die Musikanlage nicht in der Baubewilligung war und ein Anwohner klagte. Seither darf Capo Max – ein echtes Original – bei Spielen nicht mehr sein Megaphon benutzen. Aus dem Klub-Umfeld weiss ich übrigens, dass das Gerücht falsch ist, wonach es sich beim Anwohner um den ehemaligen Präsidenten des Schweizerischen Fussballverbands handelt. Mitten in einem Wohnquartier sorgt auch das Flutlicht für Diskussionen. Der Profi-Liga ist es zu schwach, aber einige Nachbarn stört es schon jetzt.

Viele Spieler haben eine Ausbildung im YB-Nachwuchs hinter sich und könnten es nun über einen Umweg doch noch in die Challenge League schaffen. Wie schätzt du das Niveau des Teams ein?
Der FC Breitenrain ist von den Spielern her wohl ein durchschnittlicher Promotion-League-Klub. Die meisten Teams in dieser Liga bestehen aus solchen Spielern, die von den grossen Klubs erst ausgebildet und dann aussortiert wurden, manch einer mit Talent vielleicht auch deshalb, weil er sich im falschen Moment schwer verletzte. Dementsprechend sind es alle gut ausgebildete Fussballer, hinzu kommen einige Erfahrene, die schon im Profibereich gespielt haben. Das Niveau der Liga ist in den vergangenen Jahren mit Sicherheit gestiegen. Man sah das in diesem Jahr auch im Cup, wo einige Teams aus der Promotion League die Grossen ärgern konnten. (Etoile Carouge warf Basel raus und zog in die Viertelfinals ein, dorthin schaffte es auch Biel. Chiasso unterlag Cupfinalist St.Gallen erst in der Verlängerung, Anm.d.Red.)

Blicken wir in den Tabellenkeller. Da sieht es danach aus, dass die U21 des FC Sion absteigt und die U21 des FC Basel könnte es auch erwischen …
(fällt ins Wort) … darauf hoffe ich natürlich. Ich hätte lieber andere Klubs als die Nachwuchsteams der Grossklubs, es gäbe vielleicht auch solche mit einer grösseren Fanbasis. Zudem sind die U21-Teams im Prinzip ja auch Profis, und man weiss nie genau, wer dann jeweils spielt. Bei den Grossen geht es ums Geschäft, die schauen in erster Linie für sich. Denen geht es nicht um eine spannende Promotion League, sondern darum, dass ihre Jungen zu Einsätzen auf möglichst hoher Ebene kommen. Mich stört in dem Zusammenhang aber noch etwas anderes.

Nämlich?
Heute ist es so, dass ein talentierter Jugendlicher fast zwangsläufig schon relativ früh zu einem Grossklub in den Nachwuchs muss, wenn er später einmal den Durchbruch schaffen will. Auch im Lizenzierungswesen dünkt es mich, dass etwa bezüglich Infrastruktur Hürden aufgebaut werden, die es sehr schwierig machen, es als kleiner Klub nach oben zu schaffen. Ich weiss zum Beispiel nicht, ob Chiasso mit seinem Stadion aufsteigen darf. Ich meine: Das Brügglifeld in Aarau gefällt mir ja auch. Aber als Aufsteiger hättest du wohl Probleme, mit so einem Stadion in die Challenge League zu kommen. Wer schon da ist, der darf das. Bei solchen Dingen habe ich schon den Eindruck: Man spricht zwar nicht offen aus, dass man eine geschlossene Liga will, aber man macht es Neuen sehr schwer, hineinzukommen.

Gesetzt den Fall, dass der FC Breitenrain nächste Saison in der Challenge League spielt: Gehst du trotzdem noch auf den «Spitz»?
Ja, das dann schon, es gefällt mir da einfach gut. Und es gibt eine super Bierbratwurst, die kann ich sehr empfehlen. Ich hoffe generell, dass sich mehr Fans auch einmal für die Spitze des Breitenfussballs interessieren, anstatt einfach den Fernseher einzuschalten und die nationalen Spitzenligen zu schauen.

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27 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Nelson Muntz
29.04.2022 12:43registriert Juli 2017
Wenn für den FC Aarau seit Jahren Ausnahmen bezüglich Infrastruktur gemacht werden, sollte dies auch bei anderen möglich sein. Das Brügglifeld ist kaum mehr ChL tauglich, geschweige denn den Normen entsprechend falls Aarau aufsteigen würde.
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Hosesack
29.04.2022 11:52registriert August 2018
So wirkt sogar Fussball und das ganze drum herum sympathisch.
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Lowend
29.04.2022 14:30registriert Februar 2014
2017 hat der Spitz auch für den Cup gegen YB gereicht. Und ehrlich, nach dem 0:3 und einer tollen Stimmung gabs noch selten einen schöneren Platzsturm, als nach dem Abpfiff die vielen Kinder direkt auf ihre Idole von YB und auch dem FC Breitenrain zusteuerten, um Autogramme zu erhalten. Am Ende sassen sie mit den YB-Spielern auf dem Platz, um bei der Schluss-Choreo mitzumachen. Familiär trifft da voll. 💛🖤
«Die Bierbratwurst ist super» – der FC Breitenrain auf dem Weg nach oben\n2017 hat der Spitz auch für den Cup gegen YB gereicht. Und ehrlich, nach dem 0:3 und einer tollen Stimmung gabs noch selten einen schöneren Platzsturm, als nach dem Abpfiff die vielen Kinder direkt auf ihre Idole von YB und auch dem FC Breitenrain zusteuerten, um Autogramme zu erhalten. Am Ende sassen sie mit den YB-Spielern auf dem Platz, um bei der Schluss-Choreo mitzumachen. Familiär trifft da voll. 💛🖤
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