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Silvano Beltrametti: Der Ex-Skifahrer im Interview über seinen Unfall

Silvano Beltrametti mit seiner Frau Edwina.
Silvano Beltrametti zusammen mit seiner Frau Edwina.Bild: Remo Nägeli
Interview

«Ich wusste, sonst sterbe ich»: Ex-Skifahrer Beltrametti spricht über sein zweites Leben

Er galt als Anwärter auf Olympiagold in der Abfahrt. Dann stürzte Silvano Beltrametti schwer. Ein Gespräch über Todesangst, den Umgang mit dem Schicksal und das Leben im Rollstuhl.
01.02.2026, 05:3001.02.2026, 05:30
Simon Häring, François Schmid-Bechtel / ch media

Seine kräftigen Oberarme liegen locker auf dem Tisch in der Cheminée-Lounge. Im Berghotel Tgantieni geht alles seinen geordneten Weg. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, die Woche vor den Winterferien. Seit 16 Jahren führen Silvano Beltrametti und seine Frau Edwina den Betrieb oberhalb von Lenzerheide. 2001 bewegte sein Schicksal die Schweiz, als er in der Abfahrt von Val d'Isère stürzte. Seither sitzt der heute 46-Jährige im Rollstuhl, mehr als sein halbes Leben. Heute sagt er: «Ich musste loslassen – und neu anfangen.» Ein Gespräch über Todesangst, den Umgang mit dem Schicksal und ein Leben, das anders, aber nicht weniger erfüllt ist.

Letzte Woche wurde bekannt, dass nächstes Jahr wieder Weltcup-Rennen auf der Lenzerheide stattfinden. Wie haben Sie diese Nachricht entgegengenommen?
Silvano Beltrametti: Es ist sehr schön, dass wir im nächsten Februar wieder Weltcup-Rennen austragen dürfen auf der Lenherzeide. Der Termin im Februar ist natürlich eine Herausforderung, da wir dort in der Hochsaison sind und bereits überall Vollbetrieb herrscht Terminlich ist es somit natürlich für die Lenzerheide nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine kleine Last.

Wie viel arbeiten Sie?
Wir haben als Hoteliers eine grosse Präsenzzeit und es sind oft 12 bis 14 Stunden am Tag. Gerade über Weihnachten und Neujahr und während der Sportferien ist das streng für den Kopf. Wir haben einen guten Namen und glückliche Gäste, das gibt uns viel zurück. Deshalb macht man das auch gerne. Der Betrieb ist wie unser eigenes Kind.

Berghotel Tgantieni von Silvano Beltrametti
Beltrametti betreibt das Berghotel Tgantieni.Bild: booking.com

Sie müssen aber auch Lohn zahlen und tragen gegenüber den Mitarbeitenden Verantwortung. Gibt es auch schwierige Momente?
Ganz klar. Mitarbeitende zu finden, ist eine grosse Herausforderung. Im Winter sind wir 32 Leute, im Sommer 18. Es gibt aber Winter, in denen das Wetter Sorgen bereitet und wir weniger Umsatz machen, was mich nicht immer gut schlafen lässt. Aber das gehört zum Unternehmertum. Andererseits würde ich etwas falsch machen, wenn ich mich täglich fragen müsste, wie ich die Löhne zahlen kann.

Im Gastgewerbe ist es schwierig, Personal zu finden, das Deutsch spricht. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Für mich ist es unabdingbar, dass die Mitarbeitenden Deutsch sprechen. 90 bis 95 Prozent unserer Gäste sind Schweizer, hier wird auf Schweizerdeutsch bestellt. Wir haben das Glück, dass wir in Küche und Service viel Stammpersonal haben, das den Karren zieht wie meine Frau und ich.

Könnten Sie den Betrieb ohne Personenfreizügigkeit noch aufrecht erhalten?
Keine Chance. Schauen Sie die ganzen Hilfsarbeiter, die in der Küche Gläser spülen, die Mitarbeitenden am Büfett, die Zimmermädchen – in der Schweiz finde ich dafür niemanden, obwohl die Löhne gar nicht so tief sind. Wir Schweizer studieren und mit 25 nehmen wir uns ein Sabbatical (lacht).

Wenn Sie gut besetzt sind, haben Sie dafür auch die Möglichkeit, selber ein bisschen mehr Ski zu fahren?
Ich versuche, einmal in der Woche Ski zu fahren, ausser in der knallharten Zeit. Da kann und will ich nicht auf die Piste, da stehen wir zu sehr unter Druck.

Was gibt Ihnen das?
Ich brauche den Sport als Ausgleich, im Winter den Monoskibob, im Sommer das Handbike. Mit dem Kopf abschalten zu können, gibt mir die Energie für den Alltag. Ohne das ginge es nicht. Wenn ich zweieinhalb Stunden Ski fahre, bin ich weg, da bin ich frei. Dann verspüre ich Zufriedenheit und ein tiefes Glück.

Wie schnell sind Sie mit dem Monoskibob unterwegs?
Schon mit 50 bis 60 Stundenkilometern (kramt sein Handy hervor und zeigt ein Video).

Das Gefühl der Freiheit ist das gleiche?
Ja. Das ist wie mit Ski, einfach nicht so schnell. Der Ski ist 1,63 Meter lang, ein ganz normaler, taillierter Ski, wie man ihn im Sportgeschäft kaufen kann. Die guten Fahrer würden sagen: Das ist der Skilehrerski. Wichtig ist für mich, dass ich den Carvingschwung abbrechen kann, wenn mir jemand in die Line fährt. Mit einer Granate wie im Weltcup ginge das nicht.

Können Sie sich an das Gefühl des Skifahrens von vor dem Unfall erinnern?
Ja, klar. Ich habe das ja mein Leben lang gemacht, habe mit drei, vier Jahren begonnen. Ich kann mich an die ersten Kinderskirennen erinnern, die Jugendzeit.

Wie sieht es aus, wenn Sie vom Skifahren träumen?
Nach dem Unfall kam das noch öfter vor. Wenn ich heute träume, sehe ich mich zum Teil in einem Monoskibob, danach für zwei, drei Schwünge als Fussgänger und dann wieder im Rollstuhl sitzend. Und am Morgen frage ich mich: Was war das denn? (lacht).

Vermissen Sie das Gefühl von früher?
Nein, der Monoskibob gibt mir das auch.

Gibt es andere Dinge, die Ihnen fehlen?
Im Rollstuhl gibt es Einschränkungen. Manchmal wäre es praktisch, wenn ich aufstehen und gehen könnte. Kleine Dinge eben: Wenn ich mit dem Monoskibob unterwegs bin, kann ich nicht einfach ins Restaurant. Ausser, zwei, drei starke Leute tragen mich rein, dann gibt es eine gute Rösti und ein gutes Glas Wein. Ich muss mich anders organisieren. Oder auf der Jagd…

Sie gehen auf die Jagd?
Ja, klar. Wenn die Gemsen etwa 250 Meter entfernt sind, kann ein Jäger diese anpirschen. Ich aber sitze auf dem Quadtöff, da kann ich mich nicht leise anschleichen (lacht). Ich musste lernen, damit umzugehen. Aber ich sage immer wieder: Es könnte auch viel schlimmer sein.

Wie meinen Sie das?
Es könnte auch sein, dass ich ganz aufs Skifahren verzichten müsste. Ich kann zwar nicht spontan mit Kollegen in jede Beiz. Oder kürzlich, da hatte ich eine Autopanne, als ich vom Jugendskirennen nach Hause fuhr. Plötzlich war der Motor aus. Ich kann dann schlecht aussteigen und ein Pannendreieck aufstellen.

Das nervt?
Ja, natürlich! Und doch sage ich mir immer: Es könnte schlimmer sein. Immerhin kann ich selbstständig Auto fahren.

Der ehemalige Skirennfahrer Silvano Beltrametti, Mitglied des Organisationskomitees, posiert am Mittwoch, 14. Maerz 2007 in Parpan - Lenzerheide im Weltcup Doerfli waehrend dem Weltcup Finale Ski Alpi ...
Seit dem Jahr 2001 sitzt der Bündner im Rollstuhl.Bild: KEYSTONE

Heisst das, Sie verzichten auf gewisse Dinge?
Wenn die Umstände kompliziert sind, dann gehe ich nicht zu einer Veranstaltung. Wir hatten im letzten Jahr die Biathlon-WM hier. Es gab nur einen Fussweg durch den Schnee zur Arena. Also hätte ich jemanden gebraucht, der mich mit einem Schneetöff hinbringt. Diesen Aufwand wollte ich nicht auf mich nehmen.

Sie sagen immer wieder: Es könnte schlimmer sein. Wie schnell ist es Ihnen gelungen, so über Ihre Situation zu denken?
An der Unfallstelle kämpfte ich ums Überleben, weil ich so viel Blut in der Lunge hatte. Die Querschnittlähmung war das kleinere Problem. Als ich da lag und Schmerzen hatte, war mir bewusst: Ich muss wach bleiben, sonst sterbe ich.

Nahmen Sie wahr, dass es um Leben oder Tod geht?
Ja. Ich hatte Momente, in denen ich spürte, dass es eng werden würde. Da kam mir der Gedanke: Nein, ich will leben, ich will meine Familie sehen, meine Freunde, ich will das nicht aufgeben. Das war schon in den ersten Minuten nach dem Unfall der Fall. Ich habe mir immer wieder gesagt: Ich will leben.

Wie ging es dann weiter?
Ich wurde nach Grenoble transportiert und kam auf die Intensivstation. Es gab erste Untersuchungen. Dann kam vom Mannschaftsarzt die niederschmetternde Diagnose, als er zu mir ins Zimmer kam und sagte: Silvano, es sieht nicht gut aus, du wirst dein Leben lang im Rollstuhl sitzen. Dein Rückenmark ist komplett zertrennt. Das war eine brutale Ohrfeige. Die Wahrheit so klar ins Gesicht gesagt zu bekommen, war aber auch ein wichtiger Schritt für mich.

Rescuers give firs aid to ski racer Silvano Beltrametti of Switzerland, after he crashed during the first men's World Cup downhill of the season in Val d'Isere, France, on Saturday Dec. 8, 2 ...
Beltrametti wird nach seinem Sturz medizinisch betreut.Bild: KEYSTONE

Sie sind dann schon am Tag darauf mit der Rega ins Paraplegikerzentrum nach Nottwil verlegt worden. Wie ging es dort weiter?
Dort auf der Intensivstation erlebte ich einen ergreifenden Moment, als ich wahrgenommen habe, dass neben mir ein 14-jähriges Mädchen liegt. Sie hatte am Tag vor mir mit dem Velo einen schweren Unfall auf dem Weg zur Schule. Es hat richtig stark geregnet, sie muss sich die Kapuze gerichtet haben. Als sie um eine Kurve fuhr, knallte sie in die offene Hebebühne eines Lastwagens, der auf dem Trottoir stand. Ihre Halswirbel waren komplett zertrennt. Sie wird ihr Leben lang keine Hände haben, um alleine zu essen.

Was nahmen Sie aus dieser Begegnung mit?
Das war der Moment, in dem ich den Gedanken hatte: Es könnte alles noch viel schlimmer sein. Das hilft mir immer wieder, auch meinen Freunden und meiner Familie. Mir ging es nicht gut auf der Intensivstation, aber als ich das gehört habe, war mir sofort klar: Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Die Erlebnisse der ersten Tagen nach dem Unfall prägen mich bis heute und geben mir enorm viel Kraft.

«Als ich wieder zu mir kam, habe ich gemerkt: Es geht ums Überleben.»

Viele Menschen würden sagen: Es könnte auch besser sein…
Ich habe eine Frage.

Bitte.
Wenn Sie abends in der Tagesschau die verbombten Gebiete im Gazastreifen sehen, Verwüstung und Kriege auf der Welt, sagen Sie sich doch: Meine Luxusprobleme sind gar nicht so schlimm. Vielleicht hält das nur kurz an, aber in diesen Momenten setzt das vieles in Relation.

Ronny Keller, ein früherer Eishockey-Spieler, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, sagte in einem Interview, er habe sich im ersten Moment gefragt: Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich gestorben wäre? Hatten Sie jemals diesen Gedanken?
Nein. Wirklich nicht. In den ersten drei, vier Minuten nach dem Unfall war ich bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, habe ich gemerkt: Es geht ums Überleben. Ich habe mich für das Leben entschieden. Egal, was auf mich zukommt an Hindernissen und Schwierigkeiten.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Ja.

Haben Sie sich nie gefragt: Wo war Gott in diesem Moment?
Doch, natürlich. Ich bin ein Jahr nach dem Unfall an die Unfallstelle zurückgekehrt. Da habe ich mit geballter Faust mit Val d’Isère abschliessen können. Viele kleine Puzzleiteile haben zu diesem Unfall geführt.

Silvano Beltramettis Sturz in der Tagesschau.Video: YouTube/derfreundliche

Welche waren das?
Ich habe einen Fahrfehler gemacht, den ich in 1000 Fahrten vielleicht einmal mache. Es war eine relativ einfache Stelle. Es hat mich so blöd verdreht, dass ich genau die 10 bis 15 Meter vor dem Sicherheitsnetz nicht mehr reagieren konnte, weil ich auch leicht in der Luft war. Das sind Zehntelsekunden, in denen du weisst: Jetzt klöpfts. Wenn ich das Netz leicht abgedreht getroffen hätte, hätte es mich auf die Piste geschleudert. Aber ich traf es frontal und habe das Netz mit den Ski einfach aufgeschnitten. Dahinter prallte ich gegen einen Eisenpfeiler des Hochsicherheitsnetzes und landete auch noch auf einem spitzigen Stein.

Also Schicksal?
Ja. Logisch habe ich manchmal zum Himmel hoch geschaut und gefragt: Warum? Doch auf diese Frage werde ich nie eine Antwort bekommen. Trotzdem kann ich dem Ganzen einen Sinn geben.

«Ich musste an den Kinderlift, das war knallhart.»

Welchen?
Wenn ich zurückschaue, muss ich dem da oben Recht geben. Er hatte etwas anderes vor mit mir. Und er hat wieder etwas aus mir gemacht. Ich lebe. Und ich habe ein gutes Leben. Ich bin beruflich stark eingebunden, habe Freunde und Hobbys. Diese Erfahrung, die ich gemacht habe, ist 1000 Mal grösser, als wenn ich den Unfall nicht gehabt hätte. Gott hat mir auch etwas gegeben, nicht nur genommen. Heute kann ich das mit Überzeugung sagen.

Wie lange brauchten Sie, um an diesen Punkt im Leben zu gelangen?
Schon ein, zwei Jahre. Es braucht Zeit, einen Umgang damit zu finden. Es ging zunächst darum, meine Selbstständigkeit zurückzugewinnen, mich zurechtzufinden im Alltag, im Beruf, mit den Hobbys. Ich musste mir zwei Fragen stellen: Was macht mir Spass? Und was kann ich überhaupt noch? An Monobobskifahren und Handbiken war nicht zu denken.

Erinnern Sie sich noch an die Anfänge?
Ich musste an den Kinderlift, das war knallhart. Nach zwei Metern bin ich umgekippt. Ich war einer der besten Skifahrer der Welt und musste wieder bei Null beginnen.

Wie lange dauerte es, bis Sie wieder Skirennen schauen konnten?
Das habe ich mir schnell wieder angetan. Noch im gleichen Winter in Nottwil. Das war auch Teil meiner Verarbeitung. Ich musste loslassen. Dafür brauchte es die Konfrontation mit dem, was ich nicht mehr kann. Die Ziele und Visionen waren weg. Das waren harte Momente. Es gab auch ein paar Tränen.

Ihr Sturz geschah 63 Tage vor den Olympischen Spielen in Salt Lake City, wo Sie in der Abfahrt und im Super-G zu den Favoriten gezählt hätten. Haben Sie das Rennen geschaut?
Nein, das hätte mir zu sehr wehgetan. Als junger Sportler war Olympia mein grosses Ziel. Ich habe mir oft vorgestellt, dort auf dem Podest zu stehen. Das hat mich immer angetrieben, auch an Tagen, an denen ich weniger motiviert war, drei, vier Stunden in der Kraftkammer zu schwitzen. Ich wollte nicht nur einen Blumenstrauss, sondern auf das Podest mit der Goldmedaille um den Hals.

Switzerland's Silvano Beltrametti is being prepared for an helicopter lift to nearby Grenoble hospital following an high speed crash in the men's ski World Cup downhill at Val d'Isere,  ...
Zwei Monate nach dem Sturz von Beltrametti fanden die Olympischen Spiele statt.Bild: AP

Wie verfolgen Sie heute Skirennen, zum Beispiel die Abfahrten am Lauberhorn oder in Kitzbühel?
Wenn ich am Büffet arbeite, gucke ich zwischendurch auf mein Handy. Spätabends schaue ich mir manchmal im Replay an, wie Marco Odermatt gefahren ist.

Sie sind am Tag vor dem Unfall als Dritter erstmals im Super-G aufs Podest gefahren. Erinnern Sie sich, mit welchem Gefühl Sie an den Start der Abfahrt gegangen sind?
Ich wusste, dass ich auf der Abfahrt noch stärker bin als im Super-G. Am Morgen bei der Besichtigung habe ich bemerkt, wie mich die Grossen wie Stefan Eberharter oder Lasse Kjus beobachten und mir signalisieren: Das ist der Junge, den wir schlagen müssen. Ich wusste am Start, dass ich dieses Rennen gewinnen kann. Und dann ist mir ein dummer Fehler passiert, der das ganze Leben über den Haufen geworfen hat.

2th of the race and Swiss Didier Cuche, left, winner Austrian Stephan Eberharter, center and 3th Swiss Silvano Beltrametti, right, jubilate at the arrival area of the World Cup mens's Super-G, at ...
Einen Tag vor dem Unfall fuhr Beltrametti hinter Stephan Eberharter und Didier Cuche auf den dritten Platz.Bild: KEYSTONE

Die Skination Schweiz war damals nicht erfolgreich. Umso mehr galten Sie als Erlöser. Wie sind Sie damit umgegangen?
Eigentlich recht gut. Wobei es schwierig war, als Junger in ein Team zu kommen, in dem der Siegfahrer fehlt und das in einer Krise steckt. Heute haben wir Odermatt, der Sensationelles leistet. Aber er hatte gute Voraussetzungen, weil Beat Feuz noch da war, ein paar Tipps geben und ihn heranführen konnte.

Erkennen Sie sich in einem Fahrer von heute?
(denkt lange nach). Nein, eigentlich nicht.

Franjo von Allmen?
Vielleicht. Wenn ich sehe, wie der fährt… ich war auch ein Fahrer, der einen Stil pflegte, der den Menschen vor dem Fernseher den Puls in die Höhe getrieben hat (lacht). So bin ich Rennen gefahren, nicht einfach immer nur schöne, saubere Linie. Die aktuelle Generation macht mir wirklich grosse Freude. Das ist beeindruckend.

«Mir gelingt es vielleicht besser, schöne Momente wahrzunehmen.»

Wie ist Ihre Beziehung zu Fahrerkollegen und Trainern aus Ihrer Zeit?
Ich vergleiche es gerne mit einer Schulklasse. Es war eine prägende Zeit, ein grosser Lebensabschnitt. Dann sieht man sich Jahre, vielleicht Jahrzehnte nicht mehr. Aber wenn man sich wieder trifft, ist sofort eine Verbindung da. Das Zimmer geteilt habe ich damals meistens mit Ambrosi Hoffmann, mit ihm habe ich noch ab und an Kontakt. Auch mit Franco Cavegn habe ich mich sehr gut verstanden. Und mit Didi (Didier Cuche, Anm. d. Red.) hat sich in den letzten Jahren eine sehr gute Freundschaft entwickelt. Während der Karriere war der Draht nicht so eng.

Wie ist es mit den Trainern?
Fritz Züger kontaktiert mich immer mal wieder, ihn höre ich gerne. Er war der Trainer, der mich sehr stark geprägt hat.

Waren Sie zum Zeitpunkt des Unfalls schon mit Ihrer Frau zusammen?
Nein. Edwina ist elf Jahre älter als ich. Als Einheimische kannten wir uns, aber gefunkt hat es erst nach dem Unfall. Wir sind jetzt seit 2004 ein Paar, 2008 haben wir geheiratet.

Wie erleben Sie jeweils den 8. Dezember, den Jahrestag des Unfalls?
Es ist ein emotionaler Tag, an dem ich innehalte, weil er mein Leben geprägt und viel mit mir gemacht hat. Manchmal ist es auch traurig, weil mir bewusst wird, dass ich an diesem Tag sehr viel loslassen musste. Und doch ist es auch eine Art zweiter Geburtstag für mich. Er ist so präsent wie mein tatsächlicher Geburtstag am 22. März.

Sie sagten: Ich empfinde Glück heute anders als vorher. Wie können wir uns das vorstellen?
Viel bewusster. Wenn ich zurückschaue auf den Unfall und meinen Weg, den ich danach gegangen bin, fühle ich Dankbarkeit. Als ich das erste Mal wieder selbständig ein T-Shirt anziehen konnte, war ich extrem zufrieden, stolz, glücklich. Das ist jetzt 24 Jahre her, aber diesen Moment spüre ich heute noch. Mir gelingt es vielleicht besser, schöne Momente wahrzunehmen. Weil ich weiss, dass selbst ein Händedruck nicht selbstverständlich ist.

Wie gehen Sie damit um, dass sich Ihr Körper äusserlich verändert hat?
Das hat mich weniger beschäftigt als die Funktionalität. Ich habe in kurzer Zeit etwa 15 Kilogramm abgenommen. Ich zehre heute davon, dass ich einen kräftigen Körper hatte.

Spielten Sie je mit dem Gedanken, Parasport zu betreiben?
Viele kamen mit dieser Idee auf mich zu. Aber das hat mich nie gereizt. Der Sport gibt mir enorm viel zurück im Leben, um aus dem Alltag auszubrechen. Für mich steht das Gefühl der Zufriedenheit im Vordergrund. Den Ehrgeiz, schnell und fit zu sein, habe ich schon. Aber den Wettkampf brauche ich nicht mehr. Ich muss mich nicht mehr mit anderen messen. Wieder das Gleiche zu machen wie vor dem Unfall, schien mir nicht die richtige Antwort zu sein. (riz/aargauerzeitung.ch)

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Die (schon jetzt) unfassbare Karriere von Ski-Star Marco Odermatt
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Die (schon jetzt) unfassbare Karriere von Ski-Star Marco Odermatt

Am 8. Oktober 1997 wird Marco Odermatt in Stans NW geboren. Zwei Jahre und zwei Monate später steht Klein Marco erstmals auf Skiern.

quelle: marco odermatt / marco odermatt
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Mikaela Shiffrin ist nicht nur die beste Skifahrerin der Welt – sie kann auch noch singen!
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3 Kommentare
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Merida
01.02.2026 07:02registriert November 2014
Danke für dieses ausführlidhe Interview mit einem grossartigen Menschen.
Ich kann mich noch erinnern, wie mich sein Schicksal damals bewegt hat. Schön, dass er seinen neuen Weg gefunden hat.
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Nur Schweizer Bobfahrer auf dem WM-Podest – aber diese Party endet im Fiasko
1. Februar 1997: «Einfach überirdisch» feierten die Schweizer den sensationellen Dreifachsieg an der Viererbob-WM. Vorerst. Dann wurden in St.Moritz alle drei Teams disqualifiziert.
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