«Sagte meiner Frau, dass sie jetzt ein drittes Kind hat»: Küng über seinen schweren Sturz
Noch ist es kühl, doch die Frühlingssonne fällt durch die grossen Fenster des «Kaffee einzigartig» in Frauenfeld. Hier treffen wir Radprofi Stefan Küng, seit Januar beim Schweizer Team Tudor unter Vertrag – und nach seinem Sturz mit Oberschenkelbruch auf Gehhilfen. Wie es dazu kam, was er sich vorwirft und welche Lehren der Familienvater daraus zieht.
Stefan Küng, können Sie uns erklären, wie es zum Sturz gekommen ist, bei dem Sie sich den Oberschenkel gebrochen haben?
Es stand ein Schlüsselstück mit einem Pavé-Abschnitt an. Im kleinen Feld war ich weit hinten positioniert. Wir fuhren in einer Einerreihe, als ich einfach weggerutscht bin. Alles ging so schnell, dass ich nicht einmal sagen kann, ob ich noch einen anderen Fahrer touchiert habe. Dazu kommt noch etwas…
Erzählen Sie.
Weil ich mich in der Woche vor dem Rennen erkältet hatte, war bis kurz vor dem Rennen unklar, ob ich starte. Zwei Minuten vor dem Sturz sagte ich zu einem Teamkollegen: «Ich fühle mich nicht gut, aber ich kann euch noch helfen.» Wenig später lag ich auf dem Boden…
Wann haben Sie realisiert, wie schwerwiegend die Verletzung ist?
Nach dem Aufschlag lag ich zunächst wie gelähmt am Boden. Nachdem ich aufgestanden war, tat es brutal weh. Mir war sofort klar, dass ich nicht weiterfahren kann. In der Notaufnahme lagen links und rechts andere Fahrer. Da habe ich mich schon gefragt: Was machen wir hier eigentlich?
Sie wurden bereits am Tag darauf operiert. Wie ging es Ihnen in den ersten Tagen nach dem Sturz und dem Eingriff?
Es war eine Achterbahn. Für Körper und Kopf war es ein Schock. Im einen Moment bist du im Rennen, im nächsten konnte ich nicht mehr alleine aus dem Bett. Es fühlte sich an wie in einem bösen Traum.
Wie geht es Ihnen derzeit?
Es geht aufwärts. In der ersten Woche wollte ich ein paar hundert Meter zum Bäcker gehen. Danach war ich so erschöpft, dass ich eine Stunde schlafen musste. Nun beginne ich mit Physiotherapie und Osteopathie, trainiere mit dem Langlaufergometer, um den Stoffwechsel anzukurbeln, oder einbeinig mit der Beinpresse.
Wie hat sich der Sturz auf Ihr Familienleben ausgewirkt?
Meine Buben geniessen es natürlich (lacht), dass ich öfter Zuhause bin. Auch wenn ich noch nicht so mobil bin, kann ich mit dem Älteren zum Beispiel Lego spielen, oder Büchlein anschauen. Kürzlich hat der Kleine auf mir geschlafen, während ich mit dem Älteren gespielt habe und meine Frau Sport machen konnte. Das gibt mir das Gefühl, etwas helfen zu können.
Wie ist es für Ihre Frau?
Am Anfang habe ich zu ihr gesagt: Jetzt hast du noch ein drittes Kind Zuhause. Zum Glück muss sie mir nur noch dabei helfen, den linken Socken an- und auszuziehen, weil ich diese Beugung nicht machen kann. Mittlerweile bin ich sicher keine zusätzliche Belastung mehr.
2016 brachen Sie sich das Schlüsselbein und das Becken und verpassten die Olympischen Spiele. Seither sind Sie aber nie länger ausgefallen. Wie gehen Sie mit dieser für Sie neuen Erfahrung um?
Wenn ich mir überlege, was ich alles schon gebrochen habe, habe ich eine ziemlich lange Akte. Bei Paris-Roubaix habe ich mir mal den Kiefer gebrochen, sass aber eine Woche später wieder auf dem Velo. Und als ich mir mal das Jochbein gebrochen habe, war das Ende der Saison. Auf meinen Rennkalender hatte das kaum Einfluss.
Mit Paris-Roubaix und der Flandern-Rundfahrt verpassen Sie zwei Rennen, die Ihnen wichtig sind. Wie verfolgen Sie diese Klassiker?
Ich werde am Fernseher mitverfolgen, wie sich meine Teamkollegen schlagen.
Das können Sie ohne negative Gefühle?
Klar. An meiner Situation kann ich jetzt nichts ändern.
Haben Sie sich ein neues Ziel gesetzt?
Wenn alles perfekt aufgeht, bin ich Mitte Juni bei der Tour de Suisse am Start. Mein Fernziel ist: Spätestens bei der WM Ende September möchte ich wieder auf meinem besten Level sein. Bis dahin habe ich sehr viel Zeit und setze mich nicht unter Druck.
Sie gelten als verbissen…
Sehr verbissen (lacht).
Sie sind jetzt 32. Sind Sie tatsächlich gelassener geworden, oder ist es eher eine Art Selbstschutz, wenn Sie sagen, Sie hätten Zeit?
Beides. Wenn andere Fahrer sich nicht so gut fühlen, dann geben sie auf. Ich aber schaffe das einfach nicht. Ich habe noch nie ein Rennen aufgegeben, ohne dazu gezwungen worden zu sein, weil ich im Spital landete. Da bin ich immer noch wie früher: Ich kann einfach nicht zurückstecken.
Muss man Sie gelegentlich vor sich selbst schützen?
Ich bin sicher ein Athlet, der sich eher zu viel Druck macht und den man eher bremsen muss. Deswegen nehme ich mir nun vor, mir genügend Zeit zu geben.
Welche Lehren ziehen Sie sonst noch aus dem Sturz?
Ich schaue sehr viele Skirennen. Nehmen wir zum Beispiel Niels Hintermann. Er sagte: Muss ich wirklich im Netz landen, damit ich verstehe, dass es nicht mehr geht? Letztlich interessiert es niemanden, ob ich Rennen fertig fahre oder nicht. Interessant ist es, wenn ich vorne dabei bin. Es ergibt keinen Sinn, zu starten, wenn du nicht bereit bist. Ich habe noch ein Beispiel: Franjo von Allmen…
Erzählen Sie.
In einem Dokumentarfilm verbietet sein Trainer Reto Nydegger ihm, zu starten. Er sagte: «Du bist heute nicht bereit, du bist mit dem Kopf nicht bei der Sache. Du startest nicht. Es ist gefährlich für dich.»
Wie erleben Sie das im Radsport?
Vor einigen Jahren habe ich einen Rennkollegen vor dem Start im Lift gefragt, wie es ihm gehe. Da sagte er: «Schlecht. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, weil ich Angst hatte.» Ich fragte: «Weshalb?» Er antwortete: «Es wird Stürze geben, das löst Stress in mir aus.» Als Athlet kommt man an einen Punkt, an dem man solche Gedanken hat.
Kann man dieser Angst entgegenwirken?
Nein, ich glaube nicht, auch nicht mit Mentaltraining. Wenn dein Instinkt sagt: Jetzt ist es fertig, musst du das akzeptieren. Ich selbst bin aber noch nicht an diesem Punkt angelangt.
Welche Situationen haben bei Ihnen Ängste ausgelöst?
Bei einer Tour-de-France-Etappe mit Abschnitten auf Pflastersteinen, bei der es schon vor dem offiziellen Start enorm hektisch im Feld war, sagte ich zu einem Kollegen: «Ich habe gar kein gutes Gefühl heute, das hier ist nicht normal.» Und er sagte: «Mir geht es gleich.»
Wie ist es ausgegangen?
Ich habe versucht, kein unnötiges Risiko einzugehen. Schon nach 30 Kilometern gab es einen Massensturz, bei dem sich unser Captain Richie Porte das Schlüsselbein brach.
Hatten Sie schon schlaflose Nächte vor Rennen?
Nein, nein. Wenn ich nicht mehr gut schlafe, weil ich an Gefahren denke, muss ich aufhören. Einen gesunden Respekt habe ich, aber keine Angst. Die Tour de France zum Beispiel ist, gerade zu Beginn, nicht nur pure Freude. Es ist chaotisch, hektisch, es kommt zu Stürzen. Trotzdem hatte ich noch nie den Gedanken, nicht mehr zu starten.
2025 verletzten sich so viele Radprofis wie noch nie; seit 2020 ist die Zahl von 141 auf 374 gestiegen, das ist mehr als doppelt so viel. Welche Gründe sehen Sie für diese Entwicklung?
Der Sport hat sich extrem professionalisiert. Jeder dreht jeden Stein um, macht Höhentrainingslager, Hitzetraining, aerodynamische Optimierungen, schraubt am Material. Den jungen Fahrern wird diese Haltung eingeimpft und sie leben das kompromisslos.
🔴🇮🇹🚴🏻♂️ ALERTE VIDÉO | L'énorme chute d'une coureuse qui passe au-dessus de la glissière lors du Milan-San Remo.pic.twitter.com/13h3vzQUy1
— Jon De Lorraine (@jon_delorraine) March 21, 2026
Welche Rolle spielt die Fahrweise?
Dir wird nichts mehr geschenkt, kein Millimeter. Die Geschwindigkeit ist viel höher, was weniger Fehler verzeiht. Wenn keiner bremst, klöpft es halt auch einmal. Früher wurde es 30 oder 40 Kilometer vor dem Ziel nervös, heute beginnt das schon 80 Kilometer vor dem Ziel, weil jeder in einer guten Position sein will. Es kann jederzeit losgehen.
Fahrer wie Tadej Pogacar, Mathieu van der Poel oder Remco Evenepoel attackieren heute oft schon 80 Kilometer vor dem Ziel. Welchen Einfluss hat das Stürze?
Das liegt nicht an ihnen. Dass die Rennen früher losgehen, ist an sich kein Problem. Heute will man Gefahrenstellen früher antizipieren, was aus meiner Sicht eher zu Problemen führt. Heute weiss jeder, wenn eine schmale Brücke kommt. Die Teams bläuen den Fahrern ein, dass man vorher eine gute Position haben muss. Früher hat halt jeder etwas gebremst. Wir sind wie eine Herde Gnus. Wenn einer losrennt, rennen alle hinterher. Das Problem ist aus meiner Sicht also mehr diese manchmal nicht so intelligente Schwarmintelligenz (lacht).
Sie haben jetzt die Gelegenheit, Karriere und Leben mit etwas Distanz zu betrachten…
Ist das immer gut?
Heisst, Sie stellen sich doch grundsätzliche Fragen?
(lacht). Ein Kollege von mir wollte immer Zahnarzt werden, hat dies durchgezogen und hat heute bereits eine eigene Praxis. Ein anderer Kollege machte ein Sabbatical. Heute lebt er in einem Camper. Im Frühling wandert er für unbestimmte Zeit nach Norwegen aus.
Hinterfragen auch Sie Ihren Lebensentwurf?
Ich fahre gerne Rennen und mag den Wettkampf. Aber den Prozess der Vorbereitung liebe ich genauso sehr. Für mich ist es kein Müssen, ins Höhentrainingslager zu gehen. Wenn ich heute aufhören würde, wäre Velofahren immer noch mein grösstes Hobby.
Vor fünf Jahren sagten Sie: «Ich habe den besten Beruf der Welt».
Das würde ich heute immer noch unterschreiben (lacht).
Sie sagten auch: «Mein Antrieb ist es, der Beste zu sein, und auch, mein Ego zu befriedigen.» Ist der Antrieb immer noch der gleiche?
Heute fühle ich mich zum Teil auch verpflichtet. Meine Frau hatte die Reise nach Belgien schon gebucht und wäre mit den Kindern angereist. Ebenso mein Mami mit ihrem Partner und meine Schwiegereltern. Auch mein Fanclub in Belgien war bereit. Mein Onkel hat mich kürzlich angerufen und gesagt, er gehe trotzdem zu Paris-Roubaix, weil alles gebucht ist.
Was löst das bei Ihnen aus?
Ich habe ein wenig das Gefühl, diese Menschen zu enttäuschen. Ich mache es für mich, aber das schwingt mit. Auch gegenüber meinem neuen Team: Wir hatten grosse Ziele miteinander. Diese Leute leiden natürlich mit mir mit, was auch ein schönes Gefühl ist.
In den letzten drei Jahren ist viel passiert: Sie wurden zwei Mal Vater, Ihre Frau hatte eine Fehlgeburt und Ihr Rennkollege Gino Mäder starb. Wie hat Sie das verändert?
Dazu hat ein Freund mit Kindern eine extrem krasse Krebsdiagnose erhalten. Ich bin mir viel bewusster: Ich muss im Moment leben. Jeder Augenblick kann dein Leben komplett auf den Kopf stellen. Mein wichtigster Vorsatz ist deshalb, mich immer voll und ganz auf das zu konzentrieren, was ich gerade mache.
Wie hilft Ihnen diese Einstellung in der aktuellen Situation?
Ich glaube, ich bin enorm ausgeglichen. Früher hätte ich mehr mit der Situation gehadert.
Wie hat Ihnen Ihr Wechsel zum Schweizer Team Tudor nach sieben Jahren bei Groupama dabei geholfen?
Ich spüre wieder täglich, wie viel Spass es macht, wenn man ein motiviertes Team um sich herum hat. Zuletzt erlebte ich viele Grabenkämpfe. Ich hatte sechs super Jahre, das letzte lief dann aber nicht mehr so, wie ich mir das gewünscht hätte.
Wie sehr hat Ihnen das aufs Gemüt geschlagen?
Enorm. Dazu kam die Situation mit unserem zweiten Kind. Wir wussten, dass es kurz vor oder während der Tour de France zur Welt kommen würde. Für mein Team war klar, dass sie mich dort brauchen. Darauf habe ich mich eingestellt. Letztlich war ich dann doch nicht dabei. Die Gestaltung des Rennprogramms war schwierig und das bedingungslose Vertrauen war nicht mehr vorhanden. Entsprechend schön ist es, das bei Tudor wieder zu spüren.
Wie wichtig waren die Gespräche mit Ihrer Frau?
Sie hat mir schon länger gesagt: Schau für dich, du bist deinem alten Team gar nichts schuldig. Sie hat mich ermuntert, etwas zu verändern.
Sie haben 2025 erstmals seit 2016 kein einziges Rennen gewonnen…
Das war meine schlechteste Saison. Ich habe schon früh gespürt, dass ich eine Veränderung brauche. Den Spirit bei Tudor empfinde ich als enorm stimulierend. Auch jetzt habe ich grossartige Unterstützung.
Was muss passieren, damit es mit einem Sieg in einem Monument klappt oder mit einer Goldmedaille bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen?
Es muss einfach alles zusammenpassen. Bei Tudor ist die Haltung, dass man immer besser werden will, nie zufrieden ist mit dem Erreichten. Ich empfinde das als enorm bereichernd, weil ich genau gleich funktioniere. Es kann noch immer eine tolle Saison werden. Und im allerbesten Fall werde ich im Herbst Weltmeister.
Wie ist es bei den Eintagesrennen?
Brutal schwierig. Pogacar und van der Poel sind einfach eine Klasse für sich. Aber wenn eine Türe aufgeht, musst du bereit sein. Und dann sind immer noch zehn andere Fahrer da, die auch lauern. Dennoch gehe ich mit der Überzeugung an den Start, gewinnen zu können. (riz/bzbasel.ch)

