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Christoph Spycher posiert in einem Hotel in Saanen, wo die Young Boys im Hinblick auf die neue Saison ihr Trainingslager absolvieren.
Christoph Spycher posiert in einem Hotel in Saanen, wo die Young Boys im Hinblick auf die neue Saison ihr Trainingslager absolvieren.Bild: claudio thoma/ch media
Interview

«Als Eberl wegen Erschöpfung zurücktrat, fragte ich mich: Könnte mir das auch passieren?»

Nach vier Meistertiteln in Serie wurde YB vom FC Zürich entthront – wie hat YB-Chefstrage Christoph Spycher diese schwierige Zeit erlebt? Und warum braucht er eine Veränderung in seinem Job-Profil? Ein Gespräch über die Gesundheit im hektischen Fussball-Business und die kommende Super-League-Saison.
04.07.2022, 08:00
Etienne Wuillemin und François Schmid-Bechtel / ch media

Die Meldung kommt kurz nach Saisonende: Christoph Spycher ist nicht mehr YB-Sportchef. Rücktritt? Entlassung? Im Gegenteil! Spycher, Ende März 44 Jahre alt geworden, ist neu Gesamtverantwortlicher Sport bei YB und erhält Verstärkung: Steve von Bergen ist als neuer Sportchef künftig für die 1. Mannschaft verantwortlich.

Sie waren fast sechs Jahre YB-Sportchef – waren Sie permanent im Hamsterrad?
Christoph Spycher: Wenn man alle drei, vier Tage ein Spiel hat und das Transferfenster offen ist, befindet man sich definitiv im Hamsterrad. Da hüpfst du ­zwischen den Welten hin und her. Telefon hier, Verhandlung da, Spiel dort. Die Kadenz ist extrem hoch.

Ist das die letzte YB-Mannschaft, die Sie zusammenstellen?
Diese Arbeit war und bleibt ein Teamwork. Es gibt verschiedene Gründe für meinen Schritt in den Verwaltungsrat.

Welche konkret?
Wir wollen und müssen den Sport stärken. Mit Steve von Bergen haben wir nun jemanden, der sich rund um die Uhr um die erste Mannschaft kümmern kann. In den letzten Jahren drehte das Transferkarussell immer schneller. Das hatte zur Folge, dass ich während des Trainingslagers für Verhandlungen mal für zwei Tage nach Paris und kurz darauf für zwei Tage nach Brüssel flog. Ich will mich auf das Coaching der sportlichen Führung konzentrieren und auf die Weiterentwicklung unserer sportlichen Strategie. Das sind Dinge, die zu kurz kommen, wenn man als Sportchef ständig in diesem Hamsterrad drinsteckt und keine Distanz hat.

Steve von Bergen (links) und Spycher stellen Filip Ugrinic (Mitte) vor.
Steve von Bergen (links) und Spycher stellen Filip Ugrinic (Mitte) vor.Bild: BSC YB

Haben Sie den Wechsel aus Überlastung angestrebt? Anders gefragt: Hätten Sie Ihren Vertrag auch als Sportchef bis 2025 verlängert?
Die Veränderung war mein Wunsch. Nicht aus egoistischen Motiven. Sondern weil ich davon überzeugt bin, dass es richtig und wichtig ist für YB. Die letzten sechs Jahre haben mir viel Freude bereitet. Es war nie mein Ziel, die nächsten 20 Jahre so weiterzumachen. Aber ich hätte YB nicht im Stich gelassen.

Wir kennen den Fall Max Eberl, der als Sportchef von Mönchengladbach völlig ausgelaugt aufgeben musste. Waren Sie schon mal an einem ähnlichen Punkt?
Natürlich stelle ich mir immer wieder die Frage, wie es um meine physische und psychische Gesundheit steht. Aber ich bin noch nie an den Punkt gekommen, an dem ich mich kraft- und energielos gefühlt habe. Aber wenn man einen Fall wie jenen von Eberl mitkriegt, fragt man sich schon, wie es so weit kommen konnte und ob es bei mir auch so weit kommen könnte. Ich finde es wichtig, dass man sich solche Gedanken macht.

Max Eberl tritt Ende Januar 2022 bei Borussia Mönchengladbach wegen Erschöpfung zurück.
Max Eberl tritt Ende Januar 2022 bei Borussia Mönchengladbach wegen Erschöpfung zurück.Bild: keystone

Warum kann beispielsweise Sandro Burki den Job des Sportchefs beim FC Aarau allein bewältigen, während Sie einige Mitarbeiter brauchen?
Der Job ist wahnsinnig vielschichtig. Es gibt auch zeitlich verschiedene Ebenen. Ein Tag, oder auch nur eine Stunde, kann alles verändern. Bei YB muss ich den Sport gegenüber allen anderen Bereichen vertreten. Es ist ein People-Business, bei dem immer wieder Probleme entstehen können. Aber klar, je mehr Geld, desto grösser der Klub-Apparat. Wenn wir bei Manchester United spielen, geht vorgängig eine Mitarbeiterin rekognoszieren. Wenn Manchester bei uns spielt, schicken sie sieben Leute vorgängig nach Bern.

Tatsächlich?
Ja. Oder schauen wir unser Scouting-Team an. Wir haben Stéphane Chapuisat, daneben jemanden auf Teilzeit-Basis und sind darauf angewiesen, beim Scouting auch Leute aus dem Nachwuchs zu involvieren. Bayern München beschäftigt im Vergleich geschätzt etwa 30 Scouts. Je weiter oben ein Klub, desto extremer sind die emotionalen Ausschläge, die man abfedern muss, was Manpower braucht.

Warum performte YB in der letzten Saison nicht so wie erwünscht und erwartet?
Da gibt es verschiedene Gründe. Ich teile die Saison in zwei Hälften. Hinter den Leistungen in der Hinrunde konnte ich stehen. In der Rückrunde war die Power aber wie verloren. Da hatten wir kaum mehr Dynamik auf dem Platz. Plötzlich begann der Faktor reinzuspielen, dass wir viele Spieler hatten, die erstmals überhaupt eine sportliche Krise meistern mussten. Weil sie es noch nie erlebt haben, Woche für Woche eins auf den Deckel zu bekommen.

Was hat das mit diesen Spielern gemacht?
Das hat sie beschäftigt, es war ihnen überhaupt nicht egal. Sie haben gelitten und viel Selbstvertrauen verloren. Erstmals waren wir in einer Situation, wo wir nur noch verlieren konnten. Die Meisterschaft war weg, die Qualifikation für die Champions League, es galt nur noch, den Super-Gau zu verhindern, indem wir den Quali-Platz für die Conference League auch noch verspielt hätten. Aber im Hinblick auf diese Saison haben diese Erfahrungen gutgetan.

Sie selbst haben immer gesagt: «Es tut auch mir gut, mal eine sportliche Krise zu erleben.» Würden Sie im Rückblick lieber darauf verzichten?
Natürlich ist es schöner, wenn man auf der Sonnenseite steht. Aber wir wussten: irgendwann wird dieser Moment kommen. Ganz einfach, weil das Teil des Business ist. Aber: Mich hat diese eine Saison nicht gleich komplett aus der Bahn geworfen.

Inwiefern hat Sie die Krise weitergebracht?
Ich bin stolz, dass es uns gelungen ist, als Einheit durch die Krise zu gehen. Unsere Basis aus den Erfolgsjahren ist stabil. Es ist null Panik ausgebrochen, keine interne Unruhe, wir blieben sachlich und konnten trotzdem Klartext sprechen, ohne dass die besprochenen Dinge an die Öffentlichkeit gelangten. Was sich gezeigt hat: Der Erfolg übertünchte einige Probleme. Wir haben schon gesehen, dass wir das eine oder andere im Team verändern müssen. Dass wir Spieler brauchen, die über Leadership verfügen, den absoluten Siegeswillen verkörpern und manchmal auf dem Platz etwas Böses haben. Diese Elemente versuchten wir hinzuzufügen.

Cedric Itten, Filip Ugrinic und Donat Rrudhani sind gekommen – ist das genügend Blutauffrischung? Man hätte auch einen radikaleren Umbruch vollziehen können.
Das kann man so sehen. Aber: Das Gros der Mannschaft hat sich in den letzten Jahren zweimal für die Champions League qualifiziert, hat vier Meistertitel geholt und einen Cupsieg. Es ist nicht so, dass die Spieler plötzlich nicht mehr Fussball spielen können. Wir alle waren mit gewissen Situationen in der letzten Saison überfordert. Aber wenn ich sage, es habe einer noch nie eine sportliche Krise erlebt, bedeutet das nicht, dass ich nicht an ihn glaube. Im Gegenteil. Es gibt sehr viele Spieler bei YB mit einer 1A Mentalität, die wollen wir weder austauschen noch verlieren.

Cedric Itten verstärkt den YB-Sturm.
Cedric Itten verstärkt den YB-Sturm.Bild: keystone

Sie mussten sich anhören, im Winter die Titel-Ambitionen verkauft zu haben. Wie sind Sie damit umgegangen?
Wenn Sie im Fussball tätig sind, als Spieler, vor allem aber als Trainer oder Sportchef, dann stehen Sie in der ersten Linie. Dann müssen Sie damit leben, dass viele besser wissen, was man hätte machen sollen oder nicht. Insbesondere, wenn der Erfolg ausbleibt. Für mich ist das kein Problem. Was die Transfers betrifft: Wir hatten mit allen Spielern Projekte. Wegen Corona gab es im Sommer einen Stau an Transfers, der sich im Winter löste. Nehmen wir das Beispiel Michel Aebischer, da rechneten wir schon im Sommer damit, dass er uns verlassen könnte. Aber es gab kein Angebot. Im Winter gab es plötzlich eine Sogwirkung. Und Fakt ist auch: Wir waren ja schon zur Pause deutlich hinter dem FCZ, nicht erst wegen der schlechten Rückrunde.

Es entstand der Eindruck, bei YB fehlt die Gier nach Erfolg. Warum? Waren die Spieler gesättigt nach vier Meistertiteln? Oder geht es ihnen auch ein Stück weit zu gut, weil bei YB schöne Löhne bezahlt werden?
Nein. Für die Spieler haben die Umstände bei uns keinen grossen Einfluss. Dass YB heute eine gute wirtschaftliche Basis hat, ist klar. Aber Spieler denken ganz anders. Ganz viele leben den Traum vom Ausland. Die denken nicht: ich bin jetzt happy bei YB, hoffentlich bleibe ich noch vier Jahre da.

Wer ist dafür verantwortlich, das Feuer wieder in die Mannschaft zu bringen?
Alle zusammen! Wir haben nun die Erfahrung gemacht, dass es nicht einfach normal ist, von Meistertitel zu Meistertitel zu hüpfen. Das treibt uns an, wieder auf die Sonnenseite zu kommen. Aber es gibt keinen Knopf, den man einfach drücken kann und alles wird wieder gut. Und wir sagen uns auch bestimmt nicht: lasst uns alles genau gleich machen wie zuletzt und dann läuft es automatisch, weil die neuen Spieler die nötige Veränderung einbringen. Unser Kern muss genauso einen Schritt vorwärts machen.

Was lässt Sie glauben, dass der neue Trainer Raphael Wicky den Turn-Around hinbekommt?

Was lässt Sie glauben, dass der neue Trainer Raphael Wicky den Turn-Around hinbekommt?
Was ich bisher sah, überzeugt mich sehr. Er arbeitet mit viel Energie, sehr akribisch, er ist sehr fordernd den Spielern gegenüber und pusht sie. Gleichzeitig hat er einen guten Ton, ein gutes Gespür auch für die einzelnen Akteure. Sein Weg ist extrem spannend, er hat jahrelang im Juniorenfussball wichtige Erfahrungen gemacht. Danach in Basel die erste Profi-Station, später in Amerika als U-Nationaltrainer und in Chicago – von diesen Erfahrungen profitiert er jetzt.

Rapahel Wicky ist der neue starke Mann an der Seitenlinie bei YB.
Rapahel Wicky ist der neue starke Mann an der Seitenlinie bei YB.Bild: keystone

Als Wicky FCB-Trainer wurde, kam er zum Serienmeister und es war klar: Meister werden muss er. Jetzt ist YB zwar als Meister entthront, aber doch über die letzten Jahre klarer Liga-Krösus. Ist die Ausgangslage zu vergleichen?
Ich sehe Unterschiede. Als er beim FCB übernahm, war der gesamte Klub im Wandel, es war alles neu. Bei YB kommt er in ein intaktes Gebilde, in einen Verein, der stabil ist, wo es viele Leute gibt, die schon seit einigen Jahren zusammenarbeiten, auch ein Grossteil der Mannschaft steht. Der zweite wichtige Unterschied ist, dass er nun die Erfahrung hat, was es heisst, Cheftrainer auf dem höchsten Level zu sein. Er kam vor fünf Jahren direkt aus dem Nachwuchs in den Profibetrieb, wo alles viel grösser ist.

Ganz einfache Frage: Der Meistertitel wird das Ziel sein, oder?
Klar ist, dass wir den Titel wieder gewinnen wollen. Dass wir alles unternehmen werden, um wieder auf die Sonnenseite zu kommen – und die Sonne scheint nicht auf dem dritten Rang. Aber wie die Formulierung des Saisonziels dann ausschaut, das werden Wicky, Sportchef Steve von Bergen und die Mannschaft zusammen erarbeiten. Am Ende ist es ganz einfach: Man kann noch lange vom Meistertitel reden. Wer Meister werden will, muss es auf den Platz bringen, und zwar jeden Tag, vom Trainingsstart an, in der Vorbereitung, in jedem Testspiel und in jedem Ernstkampf. Wenn du das bringst, hast du gute Chancen. Sonst nicht. (aargauerzeitung.ch)

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3 Kommentare
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Donny Drumpf
04.07.2022 08:46registriert November 2019
In Wuschu we trust!!

Tolles Interview mit guten Fragen und tiefgründigen Antworten. Der Mann versteht sein Handwerk und versteht es die YB DNA die er stark geprägt hat vorzuleben und weiterzugeben.
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