Arno Del Curto wird 70 «und das gurkt mich sowas von richtig an!»
Die Sonne lacht vom Himmel an diesem Frühlingsnachmittag in Zürich. Soeben hat Arno Del Curto ein Mittagessen mit Weggefährten aus seiner Zeit beim ZSC hinter sich. Mit den Zürchern besiegte Del Curto 1992 als krasser Aussenseiter das «Grande Lugano». Zur Legende des Schweizer Eishockeys wurde Del Curto aber beim HC Davos. 22 Jahre lang war er der Kopf des Vereins. Sechs Titel holte er zwischen 2002 und 2015 mit den Bündnern. Ehe er 2018 zurücktrat.
Wer wird Meister, wird Del Curto von seinen Weggefährten noch gefragt, ehe er sich ins Auto setzt. «Davos», antwortet er. «Oder der ZSC …» Dann setzt sich Del Curto ans Steuer. «Kommen Sie, wir machen das Interview im Auto.» Auf geht's in Richtung Langenthal, wo er heute mit seiner Freundin, ihrem Sohn, einer Katze und einem Hund wohnt. «Und vielleicht machen wir noch Halt an einer Driving Range, um ein paar Bälle abzuschlagen.» Die Golf-Schläger sind stets bereit im Kofferraum.
Was überzeugt Sie an den Leistungen des HC Davos in dieser Saison?
Arno Del Curto: Darf ich ehrlich sein? Ich weiss es gar nicht. Ich habe mich zurückgezogen vom Schweizer Eishockey. Ich hatte keine Lust mehr. Wie viele Stimmen gab es, die gesagt haben: Der Del Curto kann nicht loslassen! Das ist unmöglich! Doch, er kann. Locker.
Sie hatten keine Freude mehr am Eishockey?
Nein. Wenn ich Sport geschaut habe, dann: Fussball, Premier League und Champions League. American Football, da habe ich alles gesehen ab Viertelfinale. Und natürlich Golf. Ich schaue sehr gerne Golf! Das Eishockey existierte für mich nur noch während der NHL-Playoffs. Darum wollte ich auch nicht mehr über Eishockey reden. Aber dann sind die Olympischen Spiele gekommen. Da ging mir das Herz auf!
Warum?
Dieses Turnier – Weltklasse! Absolut fantastisch. Schauen Sie die Amerikaner und die Kanadier an. Wie die gelaufen sind. Diese Intensität. Tempo. Genauigkeit. Alle immer in Bewegung. Auch die Schweiz: sensationell. Grossartig, wie Patrick Fischer die Spieler eingestellt hat. Ich habe beim Zuschauen wieder richtig Lust auf Eishockey bekommen.
Keine Wehmut, dass die Schweiz im Viertelfinal gegen Finnland einen 2:0-Vorsprung verspielte?
Bedauern? Natürlich. Aber Wehmut – nein! Nicht bei diesem Gegner. Du hast ja richtig gesehen, wie die wollten am Ende. Wie sie drückten. Überhaupt möchte ich etwas loswerden.
Bitte.
Was Fischer und die Nati leisten, ist top, top, top! Viele Leute, egal wo ich hinkomme, sagen mir: Jetzt wäre doch der Weltmeistertitel fällig! Ich habe das nie verstanden. Klar wäre es schön. Aber fällig? Nein. Es braucht für jeden Final eine phänomenale Leistung. Ich ziehe den Hut!
Wenn sich Ihr Herz jetzt geöffnet hat, schauen Sie dann wieder ein bisschen mehr Schweizer Playoff?
Ja, ja. Nicht alles. Aber ein bisschen schon. Und ich verfolge gewisse Menschen intensiver. Martin Plüss und den SC Bern beispielsweise. Er hat es gemerkt, als ich in die Scheisse kam damals beim HC Davos. Er hat mir geschrieben, mich angerufen, teilweise täglich. Mich motiviert, weiterzukämpfen. Er hat versucht, mir Kraft zurückzugeben. Das werde ich ihm bis ans Lebensende nicht vergessen. Und darum hoffe ich auch, dass der SCB endlich die Kurve kriegt und wieder dahin kommt, wo er eigentlich hingehört.
Sie sprechen Davos an. 22 Jahre waren Sie Trainer des HCD. Wenn Sie heute «Davos» hören, woran denken Sie als erstes?
Dass es eigentlich eine herrliche Zeit war. Wunderschön. 21 Jahre lang. Und dann denke ich an mein schlechtes Ende.
Sie traten im November 2018 entkräftet zurück. Wünschten Sie sich im Rückblick einen anderen Abschluss?
Nein. Ich war ja selbst Schuld. Ich war kaputt. Aber ich habe es nicht gemerkt. Ich wollte aufhören, liess mich aber immer wieder überreden, weiterzumachen.
Wann kam Ihnen der Gedanke ans Aufhören ein erstes Mal?
Im Februar 2018. Nach dem Cupfinal, den wir gegen Rapperswil 2:7 verloren. Der Cup war mir egal. Es ist wie überall auf der Welt. Irgendjemand erfindet nochmals irgendetwas. Aber im Final willst du dann doch gewinnen. Dort merkte ich: Ich reagiere nicht mehr. Es ist Aus.
Wie meinen Sie das: nicht mehr reagieren?
Eigentlich hat es noch ein bisschen früher begonnen. Ein Spiel in der Champions League, gegen den damaligen schwedischen Meister Växjö. Eigentlich ein gutes Spiel von uns. Aber immer wieder nahmen wir – entschuldigen Sie den Ausdruck – saudumme Strafen. Solche Strafen kommen nur vor, wenn etwas im Team nicht stimmt. Eigentlich hätte ich sofort rigoros eingreifen sollen. Aber ich tat es nicht. Liess es einfach geschehen.
Bis in die nächste Saison hinein.
Ja. Auch merkte ich schon im August wieder: Es ist vorbei, es geht nicht mehr. Jede Woche wollte ich zurücktreten. Immer liess ich mich überreden, nochmals weiterzumachen. Bis ich gar keine Kraft mehr hatte.
Sind Freundschaften zerbrochen mit dem Rücktritt?
Ich war so kaputt, ich habe es nicht einmal gemerkt. Ich bin einfach gegangen, und alles war mir egal. Aber wissen Sie was?
Nein.
Es ist gut, ist alles so herausgekommen. Ich dachte irgendwann, ich könne alles. Tag und Nacht arbeiten. Zuständig sein für alles. Schauen Sie mal aus dem Fenster, hoch in den Himmel. Dort oben war ich, über den Wolken. Irgendwann glaubte ich fast selbst, ich könne über Wasser gehen. Es tat mir gut, einen «Chlapf an den Grind» zu kriegen. Es gab Phasen, da fuhr ich nach jedem Training ins Unterland, kam um 1 Uhr morgens wieder nach Hause.
Warum?
Ich war des Gesicht des Vereins. Jeder, der mit dem HC Davos verbandelt war, wollte den Arno sehen. Und auch ich wollte viel Zeit verbringen mit all meinen Weggefährten. Wir wollten den HCD immer vorwärtsbringen. Ich habe nicht gemerkt, dass meine Trainings längst nicht mehr stimmten. Dass ich meine Kernarbeit vernachlässigte. Die neuen Entwicklungen im Eishockey gingen alle an mir vorbei. Ich war kaputt. Ich war ausgebrannt. Und bin apathisch geworden.
Auch im Alltag?
Ja. Auch.
Im Leben mit Ihrer Freundin?
Ja.
Die Karriere von Arno Del Curto
Hat sie Ihnen einmal gesagt: «Jetzt musst du aufpassen! Du überforderst dich!»?
Doch, doch, das hat sie getan. Vorsichtig. Aber ich wollte nicht hören. Ich war auch zu Hause einfach für mich. Ich habe in den Fernseher gestarrt, aber gar nicht richtig geschaut. Aber eben: Es war richtig, eins auf die Kappe zu kriegen. Für mein Leben war das entscheidend. Sonst hätte ich wirklich gedacht, ich laufe übers Wasser. Aber schade ist es trotzdem.
Wenn Sie sagen, «schade war es trotzdem»…
… (unterbricht) ich bin auch nicht mehr hoch nach Davos. Ich wollte keine Verabschiedung. Ich habe mich zurückgezogen. Und gut ist. Ich will nicht stören. Ich will auch nicht meinen Senf dazugeben. Mit einer Ausnahme habe ich mich nie mehr über den HCD geäussert. Die Ausnahme heisst Josh Holden. Er ist ein Guter. Das spürte ich von Anfang an. Ja, er war einer, der als Spieler richtig reingelangt hat, teilweise an oder über der Grenze. Aber das braucht es in jedem Team. Er hat die Sieger-Mentalität. Erinnern Sie sich an die Episode am Spengler Cup, als er vor laufender Kamera einen Spieler zusammenfaltete?
Natürlich.
Das war der Wendepunkt für den HC Davos! Viele Leute haben gesagt: «Das geht doch nicht! Damit verliert er die Mannschaft!» Das Gegenteil ist der Fall.
Nun könnte Holden den HCD zum ersten Titel seit Ihrer Ära führen. Wie wäre das für Sie?
Ich würde es dem ganzen Verein von Herzen gönnen! Ich sehe nicht mehr ins Team rein. Aber ein paar Dinge gibt es schon, die auch von aussen auffallen: Die Stimmung in der Mannschaft muss grossartig sein. Die Konstanz ist beeindruckend. Die Ausländer sind sehr stark. Ein klarer Siegeswille ist sichtbar, sicher auch ein Verdienst von Holden. Und nicht zuletzt: Es gab und gibt immer wieder Spiele, die der HCD trotz Rückstand noch gewinnt. Zuletzt das erste Viertelfinal-Spiel gegen den EV Zug. Das ist immer ein sehr gutes Zeichen.
Gestatten Sie mir noch einen Punkt aus der Vergangenheit: Nur zwei Monate nach dem Rücktritt beim HC Davos, kehrten Sie im Januar 2019 zum ZSC zurück. Ein Fehler?
Ja. Ein Fehler. Und zu früh.
Aus Nostalgie?
Vermutlich. Ich hatte eigentlich Angst, dass es soweit kommt. Peter Zahner und Sven Leuenberger kontaktierten mich, ob ich bereit wäre. Aber ich war kaputt. Ich hatte dann sogar Angst vor den Spielen.
Angst?
Ja. Wenn du erfolgreich sein willst, dann ist es dir egal, wenn – bildlich gesprochen – die Hälfte der Zuschauer mit Tomaten in den Händen auf der Tribüne wartet und sie nach dir schmeissen will. Wenn deine Feinde mit den Speeren nur darauf warten, zuschlagen zu können. Dazu die Journalisten ihre Messer wetzen. Dann musst du rein in den Kampf und denken: Geil! Jetzt gebe ich Gas!
Und das hatten Sie nicht mehr?
Nein. Darum hatte ich zuvor ja ein so schönes Hockey-Leben. Ich hatte nie Schiss! Ich musste nie etwas machen, das mir nicht behagte. Ich musste nie defensiv spielen lassen. Ich konnte meine Philosophie immer umsetzen. Das hat uns zu sechs Meistertiteln innert 13 Jahren geführt.
Nun werden Sie im Sommer 70 Jahre alt …
Und das gurkt mich sowas von richtig an!
Wegen der Zahl?
Ja. Ich merke schon, wie ich älter werde. Diskussionslos. Aber das gehört zum Leben. Leider. Ich wäre gerne noch zehn Jahre jünger. Und würde ein paar Dinge nachholen (lacht).
Welche?
Viele!
Was macht das gute Leben aus?
Ich brauche nicht viel. Gute Freunde. Familie. Und ein Hobby, das Freude bereitet.
Bei Ihnen wäre das: Golf.
Absolut. Ich glaube ja heute manchmal noch, ich könnte gut werden. Aber ich werde es nicht mehr. Trotzdem will ich mich weiter verbessern. Technisch zum Beispiel. Da bin ich endlich vom Hockey-Schwung losgekommen. Ich freue mich wie ein kleines Kind auf den Sommer. Mit Golf spielen fühle ich mich auch jünger. Ich schaue auch unzählige Videoclips, um mich zu verbessern. Das hätte ich früher machen sollen, ich Tubel.
Spüren Sie das Alter auch körperlich?
Ich hatte eine Hüftoperation. Im Januar 2025 war das. Ich merke gar nichts mehr davon. Ich muss meinem sensationellen Arzt ein Kränzchen winden. In den Knien habe ich auch Schmerzen ab und an. Ich hoffe, da brauche ich keine künstlichen Gelenke. Und die Schulter schmerzt auch ab und an. Aber da beisse ich auf die Zähne.
Haben Sie mit dem Eishockey wirklich abgeschlossen?
Fast. Manchmal bin ich auch heute noch mit dem SC Langenthal auf dem Eis anzutreffen. Für mich war wirklich das Wichtigste, dass diese Olympischen Spiele so geil waren. Die haben mir so viel Freude zurückgegeben. Ich kann ja nicht sterben und sagen: Eishockey interessiert mich nicht mehr. Das war mein Leben. Und jetzt habe ich die Freude daran wieder gefunden.
Würden Sie denn nicht gerne noch Schweizer Nationaltrainer werden?
Dafür bin ich jetzt zu alt.
Als Assistent unterstützten Sie vier Jahre lang Ihren Freund Roger Bader als Nationaltrainer von Österreich.
Ja, aber auch dieses Kapitel ist vorbei. Er macht es so toll! Er hat es verdient, die alleinige Aufmerksamkeit zu haben.
Vermissen Sie den Ruhm nicht?
Nein, nie. Es gibt viele Leute, die Probleme haben, wenn der Ruhm plötzlich fehlt. Mir hat das nie etwas gemacht.
Wirklich nicht?
Nein, null. In Österreich haben alle stets gedacht: Wann gibt der Del Curto ein Interview? Und ich bin stets ab durch die Hintertüre. Ich könnte mich präsentieren. Aber das will ich nicht mehr. Ich habe einfach Freude bekommen an den Jungs auf dem Eis. Und natürlich: Es macht mir auch Spass, wenn ich merke, dass sie auch Freude haben. Ich liebe es, mit Jungen zu sein. Ich merkte irgendwann: Das fehlt mir.

