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Interview

Nati-Verteidiger Manuel Akanji: «Wer an mir zweifelt, kennt mich nicht»

Der 26-jährige Manuel Akanji ist im Schweizer Nationalteam zum Leader gereift. Im grossen Interview spricht er über das entscheidende WM-Qualifikationsspiel gegen Italien, seine Persönlichkeit – und er schaut auf die historische EM zurück.
12.11.2021, 13:14
etienne wuillemin / ch media

Wenn Sie über Ihre bisherige ­Karriere ein Buch verfassen würden, wie lautet die Überschrift?
Manuel Akanji: Schwierige Frage! Das habe ich noch nie überlegt. Darf ich noch etwas überlegen? Ich will ja nicht einfach etwas sagen, das nur halbwegs passt.

Natürlich! Wenn Sie auf die bisherigen Jahre als Fussballer zurückschauen…
… dann denke ich schon auch daran, dass nicht immer alles einfach war. Die Anfänge in Winterthur, der Wechsel zu Basel, da lief vieles sehr gut. Aber zwischendurch stagnierte ich, wurde von Verletzungen gebremst, wegen eines Kreuzbandrisses fehlte ich fast ein Jahr.

Akanji im Dress seines ersten Vereins, dem FC Winterthur.
Akanji im Dress seines ersten Vereins, dem FC Winterthur.Bild: TI-PRESS

Hatten Sie in diesem Jahr Zweifel, ob es wirklich klappt mit der Profi-Karriere?
Während dieser langen Pause überhaupt nicht. Ich wurde von vielen Leuten darauf angesprochen, habe aber stets aus vollster Überzeugung geantwortet: «Ich komme stärker zurück!» Ich würde eher sagen, dass es am Anfang beim FCB eine Herausforderung war.

Warum?
Ich kam mit 20 aus Winterthur zum besten Verein der Schweiz, die Intensität war plötzlich viel höher. Ich brauchte Zeit, mich anzupassen. Nach einer gewissen Zeit merkte ich: Ja, ich bin ready. Doch ich wurde noch nicht eingesetzt. Also suchte ich das Gespräch mit Trainer Urs Fischer. Ich habe ihm mitgeteilt, dass ich bereit bin, zu spielen – und dass ich das auch kann. Ich war mir nicht sicher, wie das ankommt (lacht).

Wie hat Urs Fischer reagiert?
Er fand es sehr mutig. Und nahm es als gutes Zeichen von mir auf. In den ­Wochen darauf erhielt ich tatsächlich meine ersten Einsätze. Und konnte mich beweisen. Ich wurde dann zwar im Winter vom Kreuzbandriss gebremst. Aber das Gefühl, dem Niveau gewachsen zu sein, hatte ich da bereits. Darum zweifelte ich auch nicht. Gleichzeitig war mir schon immer bewusst. Ein paar gute Spiele zeigen, das kann jeder. Es geht aber darum, diese Leistungen immer wieder zu bestätigen. Auch später bei Dortmund gab es wieder eine Phase, in der es nicht optimal lief. Doch nun, seit der Coronapause, spiele ich auf einem konstant guten Level.

Das wird auch beim Europameister bemerkt. Vor dem letzten Aufeinandertreffen der Schweiz mit Italien adelte Sie Giorgio Chiellini. Er sagte: «Ich war schon immer von Akanji fasziniert – und wenn ich bald in den Ruhestand gehe, wird bei Juventus ja ein Platz frei.» Was denken Sie, wenn Sie das hören?
Es ehrt mich natürlich, wenn er das so sieht. Es ist eine Bestätigung für meine Leistungen in den letzten Monaten. Und es motiviert mich natürlich, weiter Fortschritte zu machen. Ich habe jetzt mit 26 ein gutes Alter für einen Innenverteidiger, ich habe schon eine gewisse Erfahrung mit bald vier Jahren Bundesliga, Champions League, zwei grossen Turnieren mit der Nati. Aber ich bin noch nicht zufrieden. Ich will noch besser werden.

Umarmung nach dem Duell: Akanji und Chiellini.
Umarmung nach dem Duell: Akanji und Chiellini.Bild: keystone

Vor eineinhalb Jahren haben Sie und Ihre Frau Melanie einen Sohn bekommen. Wie hat er das Leben verändert?
Es ist ein riesiges Glück, ein eigenes Kind zu haben. Wir sind jeden Tag dankbar. Klar gibt es auch Momente, in denen ich etwas unruhig bin, weil Aayden schreit oder nicht zufrieden ist. Aber die Liebe ist so gross, dass man das nach einigen Minuten gleich wieder vergisst. Das Gefühl, nach Hause zu kommen und ihm in die Augen zu ­sehen und sich einfach wohl fühlen dabei, das ist unersetzlich.

Glücksgefühle gab es im Sommer auch mit dem Nationalteam an der EM. Wie haben Sie die Momente um den Viertelfinal-Einzug erlebt?
Das war wirklich einmalig, für die ganze Schweiz. Vor allem nach dieser Gruppenphase, die nicht einfach war. Dann standen wir im Achtelfinal mit dem Wissen, den schwerst möglichen Gegner erhalten zu haben. Aber wir waren überzeugt, Frankreich besiegen zu können. Und das Spiel selbst war genau so ein Auf und Ab. Die Führung. Dann die Rückschläge, der verschossene Elfmeter, ihre Tore. Aber wir haben nie aufgegeben und sind zurückgekommen. Irgendwann bald werde ich mir dieses Spiel noch einmal in voller Länge anschauen und die ganzen Emotionen geniessen, die unsere Fans reingebracht haben. Wir alle wären gerne noch weitergekommen, und ich glaube, es wäre auch möglich gewesen. Trotzdem: Wir haben Europa gezeigt, was wir können – und das wollen wir weiterhin

Schweiz haut Frankreich raus – und diese Kommentatoren drehen völlig durch:

Video: watson

Überwiegt die Freude des Triumphs über Frankreich oder die Enttäuschung des Outs gegen Spanien im Viertelfinal?
Der Sieg überwiegt, trotz allem. Aber ja, wenn ich zurückdenke an den Viertelfinal, an die harte Entscheidung des Schiedsrichters gegen Remo Freuler (Rote Karte, d.Red), ans Penaltyschiessen, dann tut das schon weh.

Fabian Schär sagte nach dem ­verschossenen Elfmeter im Viertelfinal gegen Spanien: «Das war die grösste Enttäuschung meiner Karriere.» Auch Sie trafen nicht – haben Sie sich erholt davon?
(überlegt) Ganz vergessen werde ich diesen Moment wohl nie, das geht nicht. Klar wäre ich am liebsten im Boden versunken. Und natürlich habe ich im Nachhinein viel darüber nachgedacht: «Hätte ich mich doch nur anders entschieden! Hätte ich doch nur anders geschossen!» Aber man kann es nicht mehr ändern. Gegen Frankreich hatten wir das Glück, gegen Spanien halt nicht. Man kann noch so viel Penaltys trainieren, man erwischt den Ball nicht immer genau gleich. Aber enttäuschend ist es natürlich schon, weil auch Spanien zweimal verschoss.

Akanjis Penalty gegen Spanien wird gehalten.
Akanjis Penalty gegen Spanien wird gehalten.Bild: keystone

Auch der EM-Final wurde im Penaltyschiessen entschieden, die Engländer Sancho, Rashford und Saka wurden nach ihren verschossenen Penaltys extrem rassistisch angefeindet. Ist Ihnen das auch widerfahren?
Zum Glück nicht. Ich habe sehr wenige solcher Nachrichten bekommen. Ich lese aber auch nicht alles, aus Selbstschutz, denn ich weiss genau: Alles ist immer eine Momentaufnahme. Manchmal mache ich fünf gute Spiele und dann reicht ein schlechtes und ich bin der schlechteste Verteidiger, den es je gab. So läuft das, und darum nehme ich das nicht alles für bare Münze. Im Gegensatz zu Kritik von Trainern oder Mitspielern, die finde ich sehr wichtig. Aber solch heftige Anfeindungen haben auf dieser Welt einfach nichts verloren, weder im Sport noch sonst irgendwo. Und dann noch von Leuten, die sich hinter Bildschirmen und verdeckten Identitäten verstecken können. Ich finde, das müsste konsequent bestraft werden. Und es ist Zeit, dass sich Konzerne wie Facebook oder Google der Verantwortung bewusst werden und durchgreifen.

Nun steht für die Nati bereits wieder ein entscheidendes Spiel an. Aber ausgerechnet vor der Partie in Italien scheint die Schweiz vom Pech verfolgt. Xhaka, Embolo, Elvedi, Seferovic, Zuber, Fassnacht fallen aus. Wie geht das Team damit um?
Ich bin mir das ja insofern etwas gewohnt, als dass wir bei Dortmund seit Saisonstart auch immer wieder Verletzungssorgen hatten und haben. Am besten halten wir uns an das erste Spiel in dieser WM-Qualifikation gegen Italien anfangs September. Auch da haben einige Spieler gefehlt, aber wir haben es geschafft, dank grossartiger gegenseitiger Unterstützung dagegenzuhalten. Das können wir wieder schaffen. Zudem schaue ich es lieber anders an: Nicht wer fehlt, ist entscheidend, sondern wer auf dem Platz steht. Granit Xhaka zum Beispiel ist zwar nicht da, aber da stehen mit Remo Freuler und Denis Zakaria zwei Spieler bereit, die in ihren Klubs jede Minute absolvieren und toll in Form sind. Auch Mario Gavranovic hat zuletzt immer wieder Tore erzielt.

Ist die Ausgangslage in der WM-Qualifikation intern ein Thema? Die Möglichkeit besteht, dass die Schweiz die WM über den Umweg einer komplizierten Barrage mit Halbfinal und Final anstreben muss.
Wir können doch nicht schon daran denken, was vielleicht im nächsten Jahr sein könnte – unmöglich! Wir gehen in dieses Spiel gegen Italien und versuchen, es zu gewinnen. Wenn es klappt, dann ist es toll. Und sonst müssen wir uns neu sortieren.

Die Erinnerungen an Rom sind nicht gut. Das 0:3 gegen Italien an der EM war eine schlimme Klatsche...
... das ist uns bewusst. Wir tun alles, damit der Abend diesmal besser ausgeht.

Der Trainer ist nun ein anderer als damals. Murat Yakin ist seit drei Monaten im Amt – wie hat er sich eingelebt?
Wir befinden uns noch immer in der Kennenlern-Phase. Gerade läuft der dritte Zusammenzug, noch hatte er nicht viel Zeit, um mit uns zu arbeiten. Und trotzdem hat er uns bereits eine klare Idee seiner Spielweise mitgegeben – und wir haben uns bereits gefunden, das sieht man den Resultaten an. Als Verteidiger freut mich natürlich besonders, dass wir mit ihm in der WM-Qualifikation noch kein Gegentor erhalten haben.

Yakin erzählte kürzlich, er sei offen für Inputs der Spieler – und erwähnte konkret, dass Sie anregten, bei Freistössen des Gegners etwas näher am Tor zu verteidigen. Sind das erste Anzeichen eines Trainers Manuel Akanji?
Also zum heutigen Tag kann ich mir das noch nicht vorstellen. Aber da bleibt ja noch ein bisschen Zeit für solche Überlegungen. Klar ist: Ich finde es toll, wenn Trainer offen sind für Vorschläge aus dem Team. Weil wir Spieler müssen es ja dann auf dem Feld umsetzen. Und es hilft sicher, dass sich Muri gut in uns hineinversetzen kann, weil er selbst Spieler war.

Bleibt die Frage nach der Überschrift Ihrer Karriere…
Vielleicht: «Those who doubt me don’t know me». Wer an mir zweifelt, kennt mich nicht. Ja, das passt.

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