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Raimondo Ponte ist skeptisch, was die Schweizer Chancen gegen Italien betrifft.
Raimondo Ponte ist skeptisch, was die Schweizer Chancen gegen Italien betrifft.Bild: KEYSTONE
Interview

Raimondo Ponte: «Wenn Shaqiri keinen guten Tag hat, spielt man mit einem Mann weniger»

Morgen spielt die Schweiz in Rom um die direkte Qualifikation für die WM 2022 in Katar. Vor dem Spiel spricht Raimondo Ponte über seinen Aufstieg vom «Tschingg» zum Schweizer Nationalspieler und erklärt, warum er die «Squadra Azzurra» favorisiert.
11.11.2021, 17:03
François Schmid-Bechtel / ch media

Raimondo Pontes Wand wird geziert von einer Fotocollage in der Form der Schweizer und italienischen Landmassen. Einem Geschenk seiner Kinder zum 66. Geburtstag. Darauf sind unter anderem Fotos mit Maradona und Beckenbauer zu sehen. Es erzählt Geschichten aus seinem ganzen Leben. Ein Leben, das in der Schweiz im Jahr 1963 begann.

Raimondo Ponte vor seiner Fotocollagewand in seinem Zuhause.
Raimondo Ponte vor seiner Fotocollagewand in seinem Zuhause.bild: valentin hehli

Er war der «Tschingg», als er als Acht-Jähriger mit seinen zwei älteren Brüdern Neapel verlassen hatte und zu seinen Eltern nach Windisch zog. Der Vater war schon sechs Jahre zuvor Richtung Norden gezogen. Quasi mit Nichts, aber mit Händen, die als Schuhmacher sehr gut taugten. Er fand in Wohlen eine Bleibe und bei der Schuhfabrik Künzli in Windisch eine Arbeit. Für die 17 Kilometer Arbeitsweg musste ein Velo reichen. Zwei Jahre nach dem Vater zog auch die Mutter in die Schweiz. Raimondo Ponte blieb bei seiner Tante. Bis 1963 und er das erste Mal das Wort «Tschingg» hörte.

Die Geschichte der Pontes ist wie viele andere italienischer Migranten, die ihre Heimat im armen Süden verlassen auf der Suche nach Arbeit, Essen und Geld. Aber die Schweiz empfängt die Nachbarn nicht nur mit offenen Armen. Als sich viele bereits an die neuen Gerüche aus den Küchen, die Sprache, die Emotionalität und Lebensart der neuen Mitbewohner gewöhnt haben, grätscht James Schwarzenbach dazwischen.

Raimondo Ponte wurde mit GC dreimal Schweizer Meister.
Raimondo Ponte wurde mit GC dreimal Schweizer Meister.bild: imago-images.de

Der rechtspopulistische Politiker lanciert 1968 mit der «Nationalen Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat» die sogenannte «Schwarzenbach-Initiative». «Wir sassen schon auf gepackten Koffern», erinnert sich Ponte, dem damals keiner mehr «Tschingg» hinterherrief. 1970 wurde die Initiative abgelehnt.

Ponte ist zu dieser Zeit 15. Auf dem Fussballplatz macht er «bella figura». Sein Vater hört auf dem Fussballplatz, wie sie über seinen jüngsten Sohn reden. Gut sei es, «aber er wächst ja kaum. Wahrscheinlich kriegt er zu Hause zu wenig zu essen.» Das kränkt den Vater so sehr, dass er sich auf dem Fussballplatz nicht mehr blicken lässt. Raimondo aber zeigt es den Spöttern. Mit 15 wechselt er zu Aarau, vier Jahre später, während der KV-Lehre, zu GC. Später wird er Nationalspieler, Trainer und Sportchef.

Raimondo Ponte, für wie viel haben Sie damals bei GC unterschrieben?
Raimondo Ponte: Für 400 Franken.

Als Tageslohn?
(Lacht) Nein, als Stundenlohn. Im Monat natürlich. Damals kassierten die besten bei GC 2000 Franken. Sie sagten mir bei GC, wenn ich eine gewisse Anzahl Spiele absolviere, erhalte ich auch 2000 Franken. Weil ich im ersten Spiel für Bigi Meier auflaufen durfte und ich meine Sache gut bis sehr gut machte, blieb ich im Team. Ich stand praktisch in jedem Spiel in der Startformation. Also ging ich zum Sportchef und forderte die abgemachte Lohnerhöhung. Doch dieser wollte plötzlich nichts mehr davon wissen.

Raimondo Ponte 2006 bei einem Prominenten-Spiel im Nati-Trikot.
Raimondo Ponte 2006 bei einem Prominenten-Spiel im Nati-Trikot.bild: imago-images.de

Und dann?
Meldete sich FCZ-Präsident Edi Nägeli bei mir. Wir trafen uns und er bot mir sogar mehr als die 2000 Franken. In der Zeitung stand: «Ponte eher zum FCZ?». Dann kam GC-Präsident Oberholzer und fragte, was da los sei. Ich klärte ihn auf. In der Zwischenzeit kam Lausanne. Der Präsident bot meinem Vater und meiner Mutter einen Job und mir doppelt so viel wie alle anderen. In der Zeitung stand: «Lausanne buhlt jetzt auch um Ponte.» Trotzdem konnte ich mich doch noch mit Oberholzer einigen.

Warum sind Sie eigentlich Schweizer geworden?
Ich fühlte mich geehrt, dass der damalige Nationaltrainer Miroslav Blazevic mich bereits aufgeboten hatte, bevor ich Schweizer wurde. Ganz ehrlich: Ich wäre gerne nach Italien. Aber ich durfte nicht.

Warum?
Von 1966 bis 1980 waren die Grenzen für ausländische Fussballer zu. Selbst für solche wie mich, die italienischstämmig sind. Ich konnte also weder für einen italienischen Klub noch für die Nationalmannschaft spielen. Und dann: Die Italiener öffneten die Grenze und wohin ging ich? Nach England zu Nottingham.

Später gab es keine Möglichkeit, in die Serie A zu wechseln?
Nein. Nach meinem Abstecher zu Bastia wollte ich wieder zu GC zurück. Und danach war ich zu alt, um bei einem italienischen Klub einen der zwei erlaubten Ausländerplätze zu besetzen.

«Fassnacht wäre wohl kein Faktor in Rom gewesen. Aber die Ausfälle von Embolo, Elvedi, Zuber und Gavranovic schwächen das Team enorm.»

Bedauern Sie, als Fussballer in Italien keine Spuren hinterlassen zu haben?
Ja. Ich habe es später mal als Trainer versucht. Bei Carrarese in der Serie C. Zum Glück habe ich es versucht. Denn nach dieser Erfahrung war für mich klar: Nie mehr in eine untere italienische Liga.

Blicken wir auf den kommenden Freitag.
Spannend, aber irgendwie geht die Spannung mit jedem Tag etwas verloren, weil ein Schweizer nach dem anderen ausfällt. Fassnacht wäre wohl kein Faktor in Rom gewesen. Aber die Ausfälle von Embolo, Elvedi, Zuber und Gavranovic schwächen das Team enorm.

Das heisst, die Schweiz hat gar keine Chance?
Sagen wir, sie hat nur noch eine klitzekleine Chance. Schon in Bestbesetzung wäre die Schweiz beinahe chancenlos, wenn Italien einen guten Tag erwischt.

Hallo, Sie sind Schweizer!
Aber auch Realist. Embolos Ausfall schmerzt enorm. In ihm sehe ich den Spieler, der die Mannschaft zum Höhenflug mitreissen könnte. Er ist unberechenbar, selbstbewusst und hat sich in puncto Präsenz nochmals enorm entwickelt.

Bei den Italienern sind indes Chiellini und Bonucci fraglich.
Wenn beide ausfallen sollte, wäre das ein brutaler Verlust. Gewiss sind Acerbi und Bastoni ordentliche Stellvertreter. Aber sie haben nicht die Sicherheit, die Aura und die Ausstrahlung von Chiellini und Bonucci.

Und es fehlen der Schweiz auch noch Xhaka und Seferovic.
Stimmt. Murat Yakin konnte als Nationaltrainer noch nie auf Xhaka zählen und es lief mit null Gegentoren in vier Spielen trotzdem sehr gut. Aber mit Xhaka auf dem Platz hat man schon mehr Stabilität. Freuler/Zakaria ist kein schlechtes Duo. Aber wer wie Xhaka bei Arsenal über viele Jahre Leistungsträger ist, muss richtig gut sein. Ich denke, in Rom ist die Tagesform weniger entscheidend als die Mannschaftsleistung. Die muss top sein.

Wie meinen Sie das?
Wenn Shaqiri keinen guten Tag hat, man also mit einem Mann weniger spielt, dann geht's nicht. Shaqiri ist ein super Kicker, keine Frage. Aber das er seine Fitness nicht in den Griff kriegt, ist rätselhaft.

Ist Shaqiri ein ähnlicher Spieler wie Sie es waren?
Also ich habe die Kilometer abgespult. Kicken kann er besser als ich es konnte. Aber seine Fitness entspricht nicht dem Standard der Topstars. Früher, also zu meiner Zeit, ist man mit Talent allein sehr weit gekommen. Im heutigen Fussball bedeutet Fitness fast alles.

Bei der Schweizer Nati hängt viel vom Formstand von Xherdan Shaqiri ab.
Bei der Schweizer Nati hängt viel vom Formstand von Xherdan Shaqiri ab.Bild: keystone

Der beste Beweis dafür ist Italien an der letzten EM?
Ja. Aber nicht nur was die Fitness betrifft, haben sie alle anderen überragt. Sondern auch in puncto Teamgeist. Ein Detail: Wenn einer ausgewechselt wird, den Einwechselspieler umarmt, lacht, und ihm viel Glück wünscht und sich jeder bei einem Torerfolg freut, auch der dritte Torhüter, sagt das viel aus. Italien war an der EM eine Mannschaft, wie man sie sich wünscht.

«Es gibt nicht viele Fussballer wie Chiellini, die ihre eigenen Interessen mit einer solchen Konsequenz dem Teamgedanken unterordnen.»

Wie gross ist die Gefahr, dass genau dieses Gefühl nach einem Triumph verloren geht?
Diese Gefahr besteht durchaus. Und diese Gefahr ist etwas grösser, wenn ein Chiellini und ein Bonucci, also die Spieler, die diesen Spirit leben, mal nicht auf dem Platz stehen. Ich habe noch nie einen Spieler schlecht über Chiellini reden hören. Es gibt nicht viele Fussballer wie ihn, die ihre eigenen Interessen mit einer solchen Konsequenz dem Teamgedanken unterordnen wie Chiellini.

Und wenn er nicht dabei ist?
Sie suchen nach Argumenten für die Schweiz. Klar, kein Chiellini auf dem Platz und dann läuft es auch nicht: Plötzlich ist etwas möglich für die Schweiz.

Sie standen beim zweitletzten Sieg der Schweiz gegen Italien 1982 in Rom auf dem Platz.
Ja, aber damals hat uns Italien einfach unterschätzt. Erstes Spiel nach dem WM-Triumph, da dachten die Italiener, sie könnten gegen die kleinen Schweizer auf einem Bein gewinnen.

Elsener schiesst die Schweiz 1982 zum Sieg gegen Weltmeister Italien.Video: YouTube/sp1873

Eine spezielle Genugtuung für Sie?
Natürlich war ich stolz. Schliesslich war mein ganzes Dorf im Stadion. Zwar mit Italien-Flaggen, aber immerhin.

Zurück in die nahe Zukunft: Definitiv fehlen wird den Italienern Verratti.
Er ist ein enorm wichtiger Spieler im italienischen Team. Einerseits ist er ein super Fussballer. Andererseits zieht er die Mannschaft mit seiner aggressiven Spielweise mit. Er kassiert zwar viel zu viele Verwarnungen. Aber wie er um jeden Ball kämpft, hat eine Signalwirkung auf die Mitspieler. Verratti lebt vor: Wenn wir die Zweikämpfe gewinnen, gewinnen wir auch das Spiel.

1993 feierte die Schweiz den letzten Sieg gegen Italien.Video: YouTube/ZwoelfMagazin

Wie beurteilen Sie Nati-Trainer Murat Yakin?
Er liefert eine sehr gute Arbeit ab. Er hat bislang ständig mit Personalsorgen zu kämpfen. Trotzdem bringt er eine Mannschaft auf den Platz, die super funktioniert. Ausserdem findet er insbesondere zu eher schwierigeren Spielern den Draht. Allein, dass er Shaqiri nach Xhakas Ausfall zum Captain gemacht hat, war ein sehr cleverer Zug. Einen wie Shaqiri muss man als Trainer für sich gewinnen, sonst hat man nichts von ihm.

Captain Shaqiri muss es gegen Italien richten.
Captain Shaqiri muss es gegen Italien richten.Bild: keystone

Was halten Sie von Italiens Mister Roberto Mancini?
Menschlich war er schon immer top. Mit GC haben wir mal ein Testspiel gegen Sampdoria Genua mit dem Duo Mancini/Vialli (Red. heute Delegationschef der italienischen Nationalmannschaft) gespielt. So habe ich die beiden kennengelernt. Mancini war schon als Spieler ein Stratege, eher introvertiert. Sein Kumpel Vialli war der Lebemensch. Aber die beiden haben sich prächtig verstanden. Leider hat es das Corona-Protokoll des italienischen Verbandes verhindert, dass wir uns im September in Basel sehen konnten.

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