Die vierte Schweizer Medaille von Paris glänzt am schönsten: Gold für Chiara Leone. In einem nervenaufreibenden Final triumphierte die 26-Jährige mit dem Kleinkaliber-Gewehr, mit dem sie erst kniend, dann liegend und schliesslich stehend am besten schoss.
Selten wird so augenscheinlich, wie nahe Triumph und Tränen beisammen liegen, wie in diesem Präzisionssport. Das 50 Meter entfernte Ziel ist kleiner als ein Fünfräppler. Millimeter entscheiden.
Als amtierende Europameisterin in der Königsdisziplin des Schiesssports gehörte Chiara Leone auf dem Papier zum Kreis der Favoritinnen. Nach der drittbesten Leistung in der Qualifikation erst recht. Aber dem Papier ist es herzlich egal, welche Namen auf ihm notiert werden.
Es macht einen grossen Teil der Faszination der Olympischen Spiele aus, dass Stars, wie etwa die Springreiter gestern in der Qualifikation für den Team-Wettkampf, straucheln und stattdessen unbekannte Athleten zu Medaillenhelden werden. Die Schweizer Teamleaderin Nina Christen, in Tokio noch Gold- und Bronzemedaillengewinnerin, blieb bei ihren beiden Schiess-Wettkämpfen in Châteauroux in der Qualifikation hängen. Mit Audrey Gogniat, die am Montag Bronze mit dem Luftgewehr gewann, hatten weniger gerechnet.
Mit ihrer Goldmedaille führt Chiara Leone eine wunderbare Schweizer Serie fort. Seit Marc Rosset 1992 in Barcelona Olympiasieger im Tennis wurde, gab es nie mehr Olympische Spiele ohne Schweizer Gold. Weder bei den seither acht Winterspielen, noch bei nun acht Sommerspielen. Die letzten Spiele ohne Gold waren vor 36 Jahren jene von Seoul 1988. Das ist bemerkenswert.
Genauso eindrücklich ist die jüngste Bilanz des Schweizer Schiessverbands. 2016 in Rio de Janeiro gewann Heidi Diethelm Gerber eine Bronzemedaille, in Tokio eroberte Christen Gold und Bronze, und nun in Paris holten mit Gogniat und Leone zwei Schützinnen zwei Medaillen.
Jede Sportlerin und jeder Sportler kämpft primär für sich (oder wie Ruderer oder Beachvolleyballerinnen für ihr Team). Und doch kann diese Goldmedaille eine Auswirkung auf das gesamte Schweizer Team haben, und sei es auch nur, um allenfalls nervösen Athleten den Druck zu nehmen, «liefern zu müssen».
Die ersten Schweizer, die mit einem kleinen Stückchen Extra-Motivation um die Medaillen kämpfen werden, sind heute Mittag die zwei Ruder-Duos Röösli/Gulich und Schäuble/Ahumada. Die erste Schweizer Goldmedaille von Paris 2024 muss ja nicht die letzte bleiben …