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Slogans auf dem Big Screen sind nicht genug. bild: screenshot twitter

Kommentar

Dass die NHL stillsteht, ist ein gutes und wichtiges Zeichen – aber eines mit Makel



Das Bild und die Worte fuhren ein! NHL-Spieler mit unterschiedlichen Hautfarben aus diversen Teams standen zusammen und riefen einen zweitägigen Protest und Unterbruch der Playoffs aus. Ein Protest gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA.

«In diesem Raum sind viele weisse Sportler. Das ist ein Statement: Sie realisieren, dass immer noch ein grosses Problem besteht. Auf dem Eis hasse ich sie, aber im Moment könnte ich auf die Jungs nicht stolzer sein.»

Was das Zeichen dieses Mal noch stärker macht, ist die Tatsache, dass die Initiative offenbar von weissen Spielern kam. Ryan Reaves, Gründungsmitglied der «Hockey Diversity Alliance», sagte: «Gestern wusste ich nicht, was ich tun sollte. Dann sah ich heute beim Aufstehen eine Nachricht von Kevin Shattenkirk. Er schrieb, dass Spieler in der East-Bubble mit uns sprechen wollen. Ich erhielt eine Nachricht von den Vancouver Canucks, dass sie mit uns sprechen wollen. Dieser neue Diskurs wurde von weissen Spielern angestossen.»

Das ist in der Tat ein Meilenstein für das Eishockey, denn es ist ein Sport der Weissen, ein Sport der Privilegierten. Und wenn die weissen Spieler nun von sich aus aktiv werden, statt immer nur Statements ihrer schwarzen Teamkollegen zu teilen und dazu zu applaudieren, dann ist das ein bemerkenswertes Zeichen.

Dennoch haftet der Reaktion der NHL auch ein kleiner Makel an. Der Vorwurf lautet: «too little, too late».

Während in der NBA, der MLB oder auch der MLS bereits am Mittwoch Spiele boykottiert wurden, begnügte sich die NHL mit einem nur wenigen Sekunden dauernden Gedenkmoment und einem «End Racism»-Schriftzug auf den Grossbildschirmen. Offenbar befanden sie das für gut genug, doch das war es nicht.

Erst einen Tag später und auf Druck von über 100 Spielern liess die Liga zu, dass auch sie den Spielbetrieb für zwei Tage unterbricht. Wenn der NHL tatsächlich etwas an Gleichberechtigung liegt, muss sie künftig diese Themen immer ernst nehmen und proaktiv handeln.

Es darf nicht sein, dass nur reagiert wird, weil es gerade «im Trend» ist, oder weil der Druck der Öffentlichkeit gross wird. Für nachhaltige Veränderungen müssen Spieler, Teams und Ligen im Eishockey dafür sorgen, dass das Thema Rassismus nachhaltig diskutiert und bekämpft wird – auch wenn es vielleicht schmerzt. Es braucht langfristige Aufklärungsinitiativen, Projekte, um Minderheiten einen erleichterten Zugang zum Eishockey zu ermöglichen. Und es braucht auch Investitionen der Klubs und Ligen.

Die NHL wäre gut beraten, künftig eng mit der «Hockey Diversity Alliance» zusammenzuarbeiten. Nicht alle Fans werden das Engagement toll finden. Es wird viele Stimmen geben, die sagen, dass Politik und Sport nicht vermischt werden sollten. Stimmen, die drohen, dem Eishockey für immer den Rücken zuzukehren. Diese Stimmen muss man ignorieren – aus mehreren Gründen.

Erstens ist systemischer Rassismus nicht nur politisches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Gegen Rassismus zu protestieren ist demnach mehr als nur politisches Statement: Es ist eine gesellschaftliche Pflicht.

Zweitens, selbst wenn es nur ein politisches Statement wäre, ist die Trennung von Sport und Politik eine Utopie. Sport ist seit jeher politisch. Der Olympiasieg des US-Eishockeyteams 1980 gegen die übermächtige Sowjetunion war politisch. Der Einstieg von Scheichs und Oligarchen und anderen Geldgebern in den Weltfussball ist politisch. Sport und Politik sind mittlerweile derart verbandelt, dass sich das nicht mehr trennen lässt.

Zudem sind Sportler eben nicht nur Sportler, sondern auch Menschen mit eigenen Meinungen. Menschen, die unter Umständen selbst einmal von Rassismus betroffen waren und deshalb durchaus das Recht haben, ihre Meinung kundzutun.

Und drittens müssen die NHL und das Eishockey bereit sein, auf Fans zu verzichten, die ein menschenfeindliches Weltbild haben. Das Argument, dass diesen Menschen der Sport als Rückzugsort aus ihrem Leben «verdorben» wird, ist lächerlich. Schwarze können sich auch nicht einfach vom Rassismus zurückziehen.

Es ist zu hoffen, dass sich deshalb nicht viele Fans vom Sport abwenden. Doch selbst wenn das der Fall sein sollte, wäre es das wert. Mittelfristig wird es sich auszahlen, wenn sich das Eishockey zu einem Sport für alle Bevölkerungsschichten entwickelt. Der Protest der Spieler und die erzwungene Pause waren ein gutes, wenn auch verspätetes Zeichen. Nun muss aber mehr folgen.

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