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19.10.2016; Napoli; Fussball Champions League - SSC Neapel - Besiktas, Istanbul; Die Champions League Baelle und der Slogan No To Racism
 (Cesare Purini/Insidefoto/freshfocus)

Die UEFA hat sich «No to Racism» gross auf die Flagge geschrieben. Tatsächlich gehandelt wird aber selten. Bild: Cesare Purini/Insidefoto

Kommentar

Es reicht.



Am Wochenende haben erneut rassistische Vorfälle ein Fussballspiel überschattet. Der Tatort war diesmal das Metalist-Stadion in Charkiw im Osten der Ukraine, wo Schachtar Donezk seine Heimspiele austrägt.

In der Partie gegen Dynamo Kiew wurde der Brasilianer Taison erst rassistisch beleidigt, reagierte mit dem Mittelfinger gegen die betreffenden Fans und wurde nach einem kleinen Unterbruch vom Schiedsrichter mit der Roten Karte bestraft.

Das Drei-Stufen-Protokoll der UEFA

1. Wird ein Schiedsrichter das erste Mal auf rassistische Beleidigungen aufmerksam gemacht, muss er die Partie unterbrechen und eine Stadiondurchsage veranlassen.
2. Werden die rassistischen Anfeindungen daraufhin nicht eingestellt, wird der Schiedsrichter angehalten, das Spiel für fünf bis zehn Minuten zu unterbrechen. Zudem wird eine zweite Durchsage durch den Stadionsprecher in Auftrag gegeben.
3. Wenn der Schiedsrichter ein drittes Mal rassistische Zwischenfälle wahrnimmt oder darauf aufmerksam gemacht wird, ist er dazu aufgefordert, das Spiel endgültig abzubrechen.

Es ist ein weiterer Tiefpunkt im vermeintlichen Kampf der Verbände gegen Rassismus. Zwar hat die UEFA am 15. Oktober 2019 ein Drei-Stufen-Protokoll herausgegeben, doch dieses ist einerseits zu milde und wird andererseits nicht konsequent durchgezogen. Zudem ist dort ziemlich deutlich vermerkt, dass das Spiel nur im Notfall abgebrochen werden soll: «Eine Entscheidung über den Abbruch des Spiels wird erst getroffen, nachdem alle anderen möglichen Massnahmen umgesetzt und die Auswirkungen des Abbruchs auf die Sicherheit der Spieler und der Öffentlichkeit bewertet wurden.»

In anderen Anti-Rassismus-Manifesten schreibt die UEFA von «Null-Toleranz» gegenüber dem Rassismus. Die Widersprüche sind offensichtlich.

Tatsache ist, dass es mindestens drei Vergehen in einer Partie braucht, bis der Schiedsrichter angehalten ist, ein Spiel abzubrechen. Anders ausgedrückt: Solange Spieler «nur» zwei Mal pro Partie rassistisch beleidigt werden, reichen Spielunterbrüche und Stadiondurchsagen. Bisher hatte kein Schiedsrichter im Spitzenfussball die Courage, ein Spiel wegen Rassismus abzubrechen, um dann selbst unfreiwillig im Mittelpunkt zu stehen.

An dieser Stelle sind die Spieler gefordert. Zwar zeigen sich Mitspieler und Gegner oft solidarisch und unterstützen die Betroffenen mit aufmunternden Worten oder Gesten, doch das ist zu wenig. Es gibt nur eine konsequente und richtige Lösung: Geschlossen das Spielfeld zu verlassen und nicht zurückzukehren.

Dann reagieren vielleicht auch mal die Verbände. Denn in den meisten Ligen wären die technischen Hilfsmittel (Kameras) vorhanden, um die Täter zu stellen. Doch es fehlt offenbar am Willen oder der nötigen Einsicht.

Als vor einem halben Jahr in Italien der dunkelhäutige Moise Kean rassistisch angegangen wurde, verzichtete die italienische Liga auf eine Strafe gegen die Cagliari-Fans mit der Begründung, dass die Vorfälle zwar «zweifellos kritisierbar» und «verwerflich» seien, aber eine «objektiv begrenzte Relevanz» hätten.

Weil Schiedsrichter und Verbände nicht oder nicht vehement genug handeln, haben betroffene Spieler begonnen, selbst auf rassistische Vorfälle zu reagieren. Letzte Woche kickte Mario Balotelli den Ball wütend in die Ränge und sah dafür die Gelbe Karte, gestern wurde Taison gar des Feldes verwiesen, weil er den Fans zusätzlich noch den Mittelfinger zeigte.

Paradox, dass die Opfer dadurch plötzlich selbst zu Tätern werden. Wer von den Rängen Spieler mit Affenlauten verhöhnt und beleidigt, wird vom Stadionspeaker ermahnt, zeigt ein Spieler den Mittelfinger, wird er des Feldes verwiesen.

Dass der Rassismus im Fussball mehr als nur angekommen ist, zeigt nicht nur die Anzahl der Vorfälle in den letzten Wochen, sondern auch die Tatsache, dass es sich nicht um Einzelpersonen, sondern oft um ganze Fankurven handelt. Zudem sprechen wir hier nicht von Handlungen im Affekt, sondern von systematischem Rassismus. Die Kiew-Fans haben sogar Sticker angefertigt mit der Aufschrift «Ja zu Rassismus». Ihre Intention war klar und sie haben ihr Ziel erreicht, indem zwei der Schachtar-Brasilianer das Feld unter Tränen verliessen.

Der Ball liegt eigentlich bei den grossen Verbänden FIFA und vor allem UEFA. Sie könnten und müssten fehlbare Klubs drakonisch bestrafen und unter Umständen von europäischen Wettbewerben ausschliessen. Wenn sich Ligen nicht an ein übergeordnetes Anti-Rassismus-Protokoll halten, müssten auch diese mit harten Sanktionen belegt werden.

Die UEFA fährt ihre «No to Racism»-Kampagne mit Schlagwörtern wie «Null Toleranz» oder «Respekt» gegen aussen ganz gross. Diese Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Denn zu Massnahmen wie richtig hohen Bussen, langen Stadionsperren oder Ausschlüssen von Vereinen oder Liga-Verbänden hat sich die UEFA dann doch nicht durchringen können.

Als bulgarische Fans in der EM-Qualifikation gegen England Hitlergrüsse zeigen und Affenlaute von sich gaben, lautete die Strafe für den Verband, als Wiederholungstäter notabene, gerade mal 85'000 Euro Busse und zwei Geisterspiele – eines davon auf Bewährung.

Zeit, dass sich die Spieler wehren. Solidarisch und konsequent. Irgendwann werden dann auch die Verbände angemessen reagieren.

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