Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften am 26.07.2014 im Donaustadion in Ulm (Baden-Wuerttemberg). Markus Rehm beim Weitsprung. (KEYSTONE/DPA/Sven Hoppe)

Markus Rehm: Fliegt er dank der Prothese weiter als andere? Bild: dpa

Deutscher Weitsprung-Meister mit Prothese

Markus Rehm an die EM in Zürich? Es darf nur eine Entscheidung geben

Markus Rehm sorgt mit einem Satz auf 8,24m für heftige Diskussionen. Denn der neue deutsche Weitsprung-Meister trägt eine Beinprothese. Vorteil oder Nachteil? Das Problem liegt nicht beim Athleten, viel mehr beim Deutschen Verband.

Zuerst einige Fakten zum Weitsprung: 

Markus Rehm ist (unter Vorbehalt) neuer deutscher Weitsprung-Meister. Mit 8,24 Metern schockte er die Konkurrenz und verwies Christian Reif (8,20m) um vier Zentimeter auf Rang 2. Rehm war danach selbst überrascht. Im Vorfeld hatte er eine Verbesserung der eigenen Bestmarke (vorher 7,95m) um bis zu zehn Zentimeter für realistisch gehalten. Nach seinem Sprung erklärte er seinen Versuch als perfekt, wie er vielleicht nur einmal in der Karriere gelingt. 

Experten geben zwar zu bedenken, dass ein Weitspringer die 100 Meter in 10,60 Sekunden laufen müsse, um acht Meter weit zu springen. Rehms Bestleistung steht bei 11,46 Sekunden. Seine Anlaufgeschwindigkeit liegt nur leicht über dem Niveau der Frauen. 

Animiertes GIF GIF abspielen

Markus Rehm an den deutschen Meisterschaften. Gif: ARD

Klar ist aber: 8,24 Meter weit springt man auch mit einer Karbonprothese nicht, wenn man zweimal in der Woche trainiert und täglich sein Müesli isst. Rehm arbeitet halbtags als Orthopädie-Techniker, den Rest nutzt er fürs Training, unter anderem in der paralympischen Sportfördergruppe der Bundeswehr. Der Behindertensport hat sich in den letzten Jahren extrem entwickelt und professionalisiert. 

Fakt ist: Momentan kann niemand sagen, ob die Prothese hilft

Doch neben Lob und Freude gesellt sich auch Kritik zur Leistung. Hilft ihm die Beinprothese? Katapultiert ihn die Karbon-Feder im Sprungbein weiter, als dies ein gesundes Bein könnte? Die Debatte läuft heiss, aber eigentlich gibt es dazu momentan nur eines zu sagen: Wir können es nicht sagen.

Die Diskussion macht derzeit etwa so viel Sinn wie wenn man die unzähligen Transfergerüchte im Fussball ernst nehmen würde. Man sollte sich dort auf definitive Wechsel beschränken und im Fall Rehm die Entscheidung den Profis überlassen.

Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften am 26.07.2014 im Donaustadion in Ulm (Baden-Württemberg). Markus Rehm beim Weitsprung. (KEYSTONE/DPA/Sven Hoppe)

Markus Rehm verbesserte seinen eigenen Rekord gleich um 29 Zentimeter. Bild: dpa

Diese haben während den Meisterschaften die Sprünge des Leverkuseners mit Hochleistungskameras aufgezeichnet. Die Auswertung der biomechanischen Leistungsdiagnostik-Daten – die angeblich eine hohe fünfstellige Euro-Summe kostet – soll bis Mittwoch vorliegen. Dann will der deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) entscheiden, ob der 25-Jährige an die EM in die Schweiz darf oder nicht.

Der DLV gibt selbst zu, dass die Situation selbstverschuldet ist. Sie gewährte dem Athleten das Startrecht, unter Vorbehalt zwar, aber die Messungen, ob die Karbon-Prothese ihn bevorteilt oder nicht, hat er erst für den Wettkampf verordnet.

War der deutsche Verband zu blauäugig?

Vielleicht war der DLV zu blauäugig. Wer konnte schon ahnen, dass Rehm ein Quantensprung von 29 Zentimetern gelingt und er nicht nur seine eigene Bestleistung pulverisiert, sondern auch den Titel gewinnt? Wäre Rehm Vierter geworden, wen hätte dann die Prothese interessiert? Es ist ein bisschen wie im Radsport während der Armstrong-Ära. Die Sieger werden in der breiten Öffentlichkeit von Dopingjägern gehetzt, aber ob der Fahrer auf Rang 12, 34, 89 oder 163 der Tour de France auch unerlaubte Mittel benutzt, geht unter und interessiert die Zuschauer nicht. 

Hätte Rehm die EM-Limite nicht übersprungen würden jetzt alle den DLV loben, wie fortschrittlich dieser sei und wie offen gegenüber behinderten Sportlern. Jetzt aber steht er in der Schusslinie.

Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften am 26.07.2014 im Donaustadion in Ulm (Baden-Württemberg). Markus Rehm beim Weitsprung. (KEYSTONE/DPA/Sven Hoppe)

Die Limite ist geschafft, aber die Teilnahme an der EM will sich der 25-Jährige nicht gerichtlich verschaffen. Bild: dpa

Den schwarzen Peter dürfte der Verband aber weitergeben. Ob bis am Mittwoch, dem Tag der EM-Nominierung, tatsächlich stichhaltige Resultate vorliegen, ist offen. Nominiert der DLV Rehm, muss der europäische Verband (EEA) entscheiden. Generaldirektor Christian Milz hat da schon einmal vorgesorgt und erklärt: «Der europäische Kontinentalverband kann diese Entscheidung nicht treffen, dies muss der Weltverband IAAF tun.» Und wie soll der IAAF bis zum Start der EM eine faire Entscheidung fällen können? Startet Rehm am Ende wie in Deutschland «unter Vorbehalt» im Letzigrund? Was wenn er dann wieder aufs Podest springt? 

FRANKFURT AM MAIN, GERMANY - MAY 03:  Aleksi Akhvlediani (C), President of Georgian Athletics Federation, Hansjoerg Wirz (R), President of European Athletics, and Christian Milz, Director General of European Athletics, pose after signing the contract for Tblisi to host the 2016 European Athletics Youth Championships during the 139th European Athletics Council Meeting at Steigenberger Airport Hotel on May 3, 2014 in Frankfurt am Main, Germany.  (Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Christian Milz (l.) sagt, der europäische Verband könne die Entscheidung über Markus Rehm nicht treffen. Bild: Getty Images Europe

Ohne Abklärung, kein Start

Rehm ist nach Oscar Pistorius der zweite behinderte Sportler, der bei den Nichtbehinderten mitmachen darf. Wegen der erwähnten zunehmenden Professionalisierung des Behindertensports werden diese Fälle in Zukunft vermehrt vorkommen. Die Beurteilung der «Hilfsmittel» ist extrem komplex. Daher ist ein Entscheid der für alle gilt sehr schwierig und die Zulassung von «genormten Prothesen für den Spitzensport» kaum umsetzbar. Obwohl dies im Interesse aller wäre. Rehm selbst sagt gegenüber der Welt: «Wenn die Untersuchung ergibt, dass eine Prothese Vorteile bringt, ist es klar und richtig, dass ich nicht mehr im Feld der Nichtbehinderten starte.» Seine EM-Teilnahme für Zürich vor einem Gericht erstreiten – wie dies Pistorius mit der Olympia-Teilnahme 2012 tat – will er nicht.

Es darf momentan nur eine Entscheidung geben für alle Wettkämpfe: Solange nicht im Voraus genau geklärt ist, ob die Prothese einem Athleten einen Vor- oder auch Nachteil verschafft, sollte er nicht starten dürfen. Für den Sport, für die Gegner und auch für sich selbst.



Das könnte dich auch interessieren:

Anschuldigungen gegen Boeing und US-Flugaufsicht

Link zum Artikel

Boeing 737 Max 8: Diese europäischen Airlines setzen ebenfalls auf die Unglücksmaschine

Link zum Artikel

«Er hatte keine Zeit für mich» – Streit zwischen Federer und Djokovic eskaliert

Link zum Artikel

Mein Abstieg in die Finsternis – Wie ich zur Katzenfrau wurde

Link zum Artikel

So ticken die Putinversteher

Link zum Artikel

Es lebe die Superheldin! Steckt euch euren «Feminismusscheiss» sonstwohin

Link zum Artikel

5 Elektroauto-Gerüchte im Check: Ein paar sind richtig, ein paar aber kreuzfalsch

Link zum Artikel

Hat das Parlament gerade unser Internet gerettet? – Es soll kein Zwei-Klassen-Netz geben

Link zum Artikel

Kevin Schläpfer – Oltens verpasste «Jahrhundert-Chance» und Langenthals «Anti-Anliker»

Link zum Artikel

«Vielleicht sind die Regeln einfach falsch» – VAR-Penalty sorgt für hitzige Diskussionen

Link zum Artikel

«Doping ist wie beim Hütchenspiel. Du weisst, dass es Betrug ist. Aber du spielst mit»

Link zum Artikel

Man liebt den Verrat, aber selten die Verräterin – nein, Galladé verdient Lob

Link zum Artikel

Der EHC Kloten, die Hockey-Titanic – so viel Talent, so miserabel trainiert und gecoacht

Link zum Artikel

Das Huber-Quiz! Heute mit einer Premiere!

Link zum Artikel

«Rape Day»: Gaming-Plattform bringt Vergewaltigungsgame raus – und löst Shitstorm aus

Link zum Artikel

Schär ist der beste Verteidiger in England – nach dem Supertor dreht sogar Shearer durch

Link zum Artikel

Warum die FDP (vielleicht) gerade unsere Beziehung zu Europa gerettet hat

Link zum Artikel

Erleuchtung für 190 Franken: Ist diese 17-Jährige die neue Uriella?

Link zum Artikel

10 Schauspieler, die ihre grössten Rollen nicht mehr leiden können

Link zum Artikel

Papst Franziskus – der Reformer, der keiner ist

Link zum Artikel

Stellt das Popcorn bereit: Trumps Anwalt Michael Cohen will auspacken

Link zum Artikel

Samsung hat das Galaxy Fold enthüllt, das unsere Smartphones für immer verändern könnte

Link zum Artikel

Im Juni wurde «The Beach» geschlossen – jetzt zeigt sich, wie gut dieser Entscheid war

Link zum Artikel

Warum der Schweizer Klubfussball auf dem absteigenden Ast ist

Link zum Artikel

5 Promi-Seitensprünge und ihre Ausgänge (und was diese Dame damit zu tun hat)

Link zum Artikel

9 Grafiken rund um das Elektroauto in der Schweiz

Link zum Artikel

Zwangsschulfrei wegen Masern: Schon 12 Fälle an Steiner-Schule – warum das kein Zufall ist

Link zum Artikel

Ihr spinnt! Wieso trinkt ihr im Restaurant kein Leitungswasser?

Link zum Artikel

Diese Schweizerin trug 365 Tage lang dasselbe Kleid

Link zum Artikel

Hinter den Kulissen von «Game of Thrones» haben sich alle lieb. Hier 15 Beweis-Bilder!

Link zum Artikel

Und jetzt: Die fiesen Sex-Fails der watson-User! 🙈

Link zum Artikel

Hier kommt ein Feel-Good-Dump für alle, die ein bisschen Aufmunterung gebrauchen können

Link zum Artikel

27 Sprüche, die zeigen, dass wir unbedingt auch Jahrbücher in den Schulen brauchen

Link zum Artikel

«Breaking Bad» kommt zurück – dazu die 10 besten Zitate von Jesse Pinkman

Link zum Artikel

Die Post lässt sich ein bisschen hacken – und macht sich zum Gespött der Hacker

Link zum Artikel

Sorry, aber wir müssen wieder über Trump und Faschismus reden

Link zum Artikel

«Eine Hure zu sein, war oft top», sagt Virginie Despentes aus Erfahrung

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • #10 28.07.2014 20:17
    Highlight Highlight Was ist denn das für ein Technokrat, für ein Beckmesser… dieser Autor?! Wer auf dieser Welt verliert denn irgendwas, wenn ein Sportler mit Unterschenkelprothese an der EM auf den fünften, vierten oder meinetwegen auch auf einen Medaillenplatz springt? Nichts, rein gar nichts, Markus Rehm dagegen zeigt der Welt - behindert oder nicht auf - dass man trotz eines derart schwerwiegenden Handicaps mit hartem Training etwas erreichen, sich messen kann mit der Elite. Da lob' ich mir den Zweitplatzierten der deutschen Meisterschaft, der Rehm zu seinem Erfolg gratuliert hat.

(K)ein Grund zur Panik – muss der SCB nach dem Playoff-Fehlstart bereits zittern?

Nach der Niederlage im ersten Spiel der Playoff-Viertelfinal-Serie gegen Servette steht der Qualisieger Bern heute bereits mächtig unter Druck. Beruhigen dürfte den SCB die bisherige Playoff-Bilanz gegen Servette.

Das nennt man dann wohl einen klassischen Fehlstart. Der hoch favorisierte SC Bern unterlag in seinem ersten Playoff-Viertelfinal auf eigenem Eis dem klaren Aussenseiter Servette Genf mit 0:2. Stellt sich die Frage: Ist diese Niederlage für die Berner ein blosser Betriebsunfall oder muss man sich beim Titelfavoriten Nummer eins bereits ein wenig Sorgen machen?

Der historische Blick zurück zeigt, dass derartige Fehlstarts keine Seltenheit sind. Seit der Einführung des Bestof-7-Formats in der …

Artikel lesen
Link zum Artikel