Meta Antenen liest in ihrem Haus in Walchwil am Zugersee im Buch «Meta Antenen». 1972 hatte ihr langjähriger Trainer Jack Müller den ersten Teil ihrer beeindruckenden Karriere in Buchform festgehalten – mit allen Nuancen und Details. Es ist ein Blick auf eine aussergewöhnliche Sportlerin, deren Wert für die Entwicklung und die Akzeptanz des Frauensports in der Schweiz bedeutender war, als dass sie es selbst je wahrnahm.
Die 74-Jährige, wie damals auch heute noch mit blondem Haar, will vorbereitet sein, wenn sie dem Besucher Auskunft über ihren internationalen Durchbruch 1966 als Siebzehnjährige geben soll. Schliesslich hat sie als erste erfolgreiche Frau der Schweizer Leichtathletik so vieles erlebt und liegen diese Erfahrungen stolze 57 Jahre zurück.
Damit ihre ausserordentlichen sportlichen Heldentaten nicht verblassen, dienen neben dem Buch auch zwei riesige Bundesordner voll mit allen Zeitungsberichten über sie. Die Arbeit eines stolzen Vaters. Darin finden sich auch viele Ausschnitte aus Boulevard-Medien. «Schätzchen der Nation» wurde dort getitelt oder «Blonde Meta ist die Königin von Lugano».
In einem Text über ihren EM-Auftritt 1966 in Budapest, sie war neben 14 Schweizer Leichtathleten die einzige Frau im Team, wurde Meta Antenen wie folgt beschrieben: «Siebzehn Jahr, blondes Haar und Rekorde. Das Mädchen ist frisch wie ein Apfel, lässig wie ein Cowboy, begabt wie ein Rennpferd und eifrig wie eine Rangierlokomotive.» Heute wären solche Vergleiche für eine Sportlerin politisch nicht mehr korrekt. Meta Antenen hat es damals nicht gestört, sie stört sich auch heute nicht daran.
1966 ging ihr Stern kometenhaft auf. Zuerst brillierte sie am ersten Grossanlass der Karriere in Budapest mit zwei Diplomen in ihren stärksten Disziplinen Fünfkampf (6.) und Weitsprung (8.). Nach dem eröffnenden Hürdensprint des Mehrkampfs lag sie sogar in Führung – und wurde an der Anzeigetafel im Nep-Stadion als Sowjet-Athletin bezeichnet. Zwei Wochen später gewann sie an den europäischen Jugendspielen in Odessa in der damaligen Sowjetunion Gold im Fünfkampf und im Hürdensprint.
Sie selbst hatte zu einer Zeit, in welcher man den Begriff «mentales Training» noch gar nicht kannte, eine besondere Gabe. «Ich habe rund um meinen Wettkampf nichts wahrgenommen. Ich war wie in einem Tunnel. Meine Konzentrationsfähigkeit muss enorm gewesen sein», sagt sie.
Die frühen Erfolge der Siebzehnjährigen mit zusätzlich fünf nationalen Titeln bei der Elite, einem Schweizer Mehrkampf-Rekord sowie einem Hürdensieg bei Weltklasse Zürich blieben derart einprägsam, dass die Schweizer Sportjournalisten sie Ende Jahr zur Sportlerin des Jahres kürten. Damals gab es geschlechterübergreifend nur eine Kategorie.
Meta Antenen schrieb nach der Nomination übrigens einen Brief an die Jury, dass sie wegen ihrer Wahl Bedenken habe: «Ich möchte sie fragen, ob nicht andere Sportler dadurch zu kurz gekommen sind oder sich wegen mir übergangen fühlen könnten», schrieb die Siebzehnjährige demütig.
Bescheidenheit, Fairness und Achtung vor den Mitmenschen blieben ihr ganzes Leben lang eindrückliche Charaktermerkmale. Sie erhielt 1971 für ihr Verhalten gegenüber einer Konkurrentin sogar den Fairplay-Preis der Unesco. In jenem Jahr gewann die Schaffhauserin in Helsinki EM-Silber im Weitsprung. Gold gewann Ingrid Mickler-Becker, die ihren Weitsprung eigentlich wegen eines Staffel-Einsatzes verpasste, ihn aber dank der Initiative von Antenen nachholen durfte. Antenens damaliger «Jahrhundertsprung» auf 6,73 cm hielt 39 Jahre als Schweizer Rekord Bestand. 1971 wurde sie erneut Sportlerin des Jahres.
Es ist kein Zufall, dass sich Meta Antenen im Rückblick auf ihre doppelte Reise hinter den Eisernen Vorhang von 1966 besser an die Zeit in Odessa als jene in Budapest erinnert. Sie sah als von Haus aus behüteter Teenager dort erstmals das Meer und alle Teilnehmenden waren in einem riesigen Ozean-Dampfer im Hafen der Stadt untergebracht. «Damit man uns besser kontrollieren konnte», wie sie vermutet. Antenen weiss noch, dass das sowjetische Essen kaum geniessbar war und sie sehr froh um das mitgebrachte Knäckebrot und Bündnerfleisch war.
Auch der damalige Trip in die heutige vom Krieg malträtierte ukrainische Stadt war speziell. Der Charterflug aus Moskau hatte Verspätung, sodass sie gemeinsam mit den anderen westeuropäischen Leichtathleten 28 Stunden auf dem Flughafen Frankfurt verbringen musste.
Da der Schweizer Leichtathletikverband kein Geld für Antenens Teilnahme hatte, schloss ihr Trainer Jack Müller einen Deal mit der Schweizer Illustrierten. Die Zeitung zahlte die notwendigen 2500 Franken, er lieferte exklusives Text- und Bildmaterial aus Odessa.
Meta Antenens Eindrücke an Budapest und Odessa waren geprägt von vielen Grautönen. «Alles in diesen Städten war so düster – die Strassen, die Häuser und auch die Kleider der Menschen», sagt sie. Und in Budapest passierte zudem etwas, was nicht nur aus heutiger Sicht skandalös anmutet: Sämtliche weibliche Teilnehmerinnen mussten vor einer vornehmlich aus Männern zusammengestellten Gruppe von Ärzten bei der «Pflichtkontrolle zur Feststellung der Weiblichkeit» beweisen, dass sie auch wirklich Frauen waren.
Meta Antenen erinnert sich: «Wir wurden nackt in einen Raum geführt, wo uns Männer und Frauen in weissen Kitteln begutachteten. Danach erhielt ich ein offizielles Zertifikat, dass ich eine Frau sei. Ich weiss, dass die eine oder andere Gegnerin aus dem Osten im Wettkampf nicht mehr erschien.»
An den kommenden Grossanlässen wie den Olympischen Spielen in Mexiko wurde für diesen «Sextest» zumindest auf Haarproben und Speichelabgabe gewechselt. Das Prozedere von Budapest war offensichtlich bereits zu jener Zeit anstössig.
Meta Antenen war als Fünfzehnjährige erstmals Schweizer Meisterin im Weitsprung. Sie ist damit bis heute die jüngste Titelträgerin bei der Elite. Sie gewann in ihrer Karriere, die sie 1976 kurz vor den Olympischen Spielen von Montreal wegen einer Verletzung beendete, neun EM-Medaillen und 34 Schweizer Meistertitel. Insgesamt verbesserte die gelehrte Elektrozeichnerin 80 Landesrekorde. 1969 hielt sie für kurze Zeit sogar den Weltrekord im Fünfkampf. Ein Jahr zuvor war Meta Antenen die jüngste Schweizer Sportlerin im Olympiateam von Mexiko.
Nicht nur ihre Haarfarbe war ein prägendes Merkmal. Im Gegensatz zu den vielen vor Kraft strotzenden Gegnerinnen war Meta Antenen eine feingliedrige, elegante und anmutige Athletin. «Ein Grund für die Art und Weise, wie ich mich bewegte, war sicherlich die klassische Ballettausbildung als Kind», sagt sie.
Meta Antenen wurde nicht nur zu einer gefragten Sportlerin für die Boulevardmedien, sondern auch für die Werbung. Sie stand Modell bei einer Inseratekampagne für Schweizer Milch. Doch dafür gab es vom Internationalen Olympischen Komitee IOC eine Verwarnung wegen Missachtung des damals heiligen Amateurstatus.
Ihrer Bedeutung für den Frauensport wurde sie sich erst nach der Karriere richtig bewusst. «Ganz grundsätzlich kann man das Leben von damals nicht mit heute vergleichen. Da liegen Welten dazwischen – auch, was den Sport betrifft». Für sie sei diese Rolle damals auch nicht wichtig gewesen. Sie habe sich stets auf ihre Leistungen konzentriert. «Ich wusste ja nicht einmal über meine Konkurrentinnen etwas», sagt sie. Internet zur Informationsbeschaffung gab es damals nicht.
Heute geniesst Meta Antenen den Naturgarten mit Blick auf den Zugersee. Sie spielt Tennis und blickt mit Freude und Dankbarkeit auf die vielen Schweizer Erfolge in der Leichtathletik. Ein Sportler hat es ihr besonders angetan: Zehnkämpfer Simon Ehammer. (aargauerzeitung.ch)
PS
Sie ist wohl eher gelernte als „gelehrte“ Elektrozeichnerin