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Dringend gesucht: Gegner für Marco Odermatt

epa11141469 Marco Odermatt of Switzerland in action during the first run of Men's Giant slalom race at the FIS Alpine Skiing World Cup event in Bansko, Bulgaria, 10 February 2024. EPA/VASSIL DONE ...
Marco Odermatt beim Riesenslalom in Bansko.Bild: keystone

Dringend gesucht: Gegner für Marco Odermatt

Der Nidwaldner ist diesen Winter der Konkurrenz krass überlegen - wer könnte ihm künftig den Gesamtweltcup streitig machen?
24.02.2024, 06:45
Dominic Wirth / ch media
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Am letzten Wochenende steht Marco Odermatt in Norwegen vor einem Fernsehmikrofon. Gerade ist er in Kvitfjell im Super-G auf den dritten Platz gefahren. Jetzt, im Interview, geht es um die vielen Kristallkugeln, die der Nidwaldner diesen Winter gewinnen kann, Abfahrt und Super-G, Riesenslalom und Gesamtwertung. Beiläufig sagt der Fernsehreporter, dass man letztere ja schon mal abhaken könne.

Den Gesamtweltcup abhaken, ganz beiläufig, und das Mitte Februar, mitten in der Weltcup-Saison, wenn noch elf Rennen zu fahren sind: So läuft das mit Marco Odermatt. Er hat das Siegen zur Gewohnheit, gar zu einer Selbstverständlichkeit gemacht. Auch wenn er immer mal wieder darauf hinweist, dass es gerade das nicht sei: Irgendwie fühlt es sich eben doch für alle so an.

Auf den Spuren von Maier und Zurbriggen

Die Chancen des Schweizers, diesen Winter vier Kristallkugeln zu gewinnen, sind vorzüglich. Zuletzt gelang das Hermann Maier in der Saison 00/01; Pirmin Zurbriggen holte 1987 gar fünf Kugeln.

Jetzt stehen in Abfahrt und Super-G noch je ein Rennen aus, zu denen Odermatt beim Weltcupfinal in Saalbach Hinterglemm mit einem schönen (Abfahrt) und sehr schönen (Super-G) Polster starten wird. Im Riesenslalom dominiert er nach Belieben; wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, ist ihm die Kugel nicht zu nehmen.

Im Gesamtweltcup schliesslich liegt er elf Rennen vor Schluss 918 Punkte vor dem ersten Verfolger. Rechnerisch ginge für den einen oder anderen Konkurrenten noch etwas, weil es bis zum Saisonende noch 1100 Punkte zu gewinnen gibt. Aber das ist nicht mehr als graue Theorie, die sich schon am Samstag, beim Riesenslalom in Palisades Tahoe, in Luft auflösen könnte. Und in der Praxis gilt sowieso schon jetzt: Abgehakt. Wahrscheinlich gewinnt Odermatt die Gesamtwertung gar mit dem grössten Vorsprung, den je ein Fahrer herausgeholt hat.

Und so fährt der 26-Jährige in dieser Saison vor allem noch gegen einen: sich selbst. Gegen seinen eigenen Weltcup-Punkterekord, aufgestellt im Vorjahr. Gegen den Rekord von 13 Siegen in einem Winter, den er seit dem letzten Winter mit den Grössen Ingemar Stenmark, Hermann Maier und Marcel Hirscher hält - und bald vielleicht alleine.

epa11141908 Marco Odermatt of Switzerland celebrates winning the Men's Giant slalom race at the FIS Alpine Skiing World Cup event in Bansko, Bulgaria, 10 February 2024. EPA/VASSIL DONEV
Der Sieg im Gesamtweltcup ist ihm nur noch theoretisch zu nehmen: Marco Odermatt.Bild: keystone

Die vielen Zahlen untermauern Odermatts Status als Ausnahmeathlet. Diesen Winter sagte der 26-Jährige einmal im Zusammenhang mit seinen Siegen und Podestplätzen, er werde vielleicht erst nach seiner Karriere wirklich realisieren, was da gerade abgehe. «Es ist manchmal schwierig zu verstehen», fügte Odermatt noch an.

Eigentlich ist Odermatt zu überlegen

Wenn man ganz ehrlich ist, die Schweizer Brille einmal kurz ablegt, dann ist es doch eigentlich so: Odermatt ist gerade so überlegen, dass es schon fast zu viel wird, zumindest für den Gesamtweltcup gilt das. Der Sport lebt von Duellen. So entstehen Geschichten, die bleiben. Federer gegen Nadal. Ullrich gegen Armstrong. Ali gegen Frazier.

Auch Odermatt mag es ganz gerne, wenn er gejagt wird, «motivierend» findet er das. So hat er es diesen Winter in Alta Badia gesagt. So lebt er auch seine Duelle in den Speed-Disziplinen, lange gegen Aleksander Kilde, zuletzt gegen Cyprien Sarrazin.

Beide, Kilde und Sarrazin, dürften den Schweizer in den Speed-Disziplinen auch künftig fordern. Doch im Gesamtweltcup ist das eher unwahrscheinlich. Der Norweger und der Franzose können zwar durchaus Riesenslalom fahren, Kilde wurde diesen Winter in Adelboden gar Zweiter, bevor er sich in Wengen schwer verletzte. Doch ihr Fokus lag zuletzt klar auf Abfahrt und Super-G.

Um mit Odermatt mitzuhalten, reicht das nicht, weil der in drei der vier klassischen Disziplinen stets zu den Sieganwärtern zählt. Das unterscheidet ihn von vielen Gesamtweltcup-Siegern vor ihm, auch einem Marcel Hirscher. Und engt den Kreis jener, die ihm nicht heute, aber vielleicht morgen oder übermorgen die grosse Kugel streitig machen können, stark ein.

Doch wer kommt dafür überhaupt in Frage?

Schwarz, Meillard und die jungen Norweger

Natürlich ist da zuallererst Marco Schwarz, der vielseitige Österreicher. Bevor der Österreicher sich in Bormio das Kreuzband riss, lag er in der Gesamtwertung sogar vor Odermatt. Schwarz startete furios in den Winter, bestritt als einziger jedes Rennen, fuhr in vier Disziplinen in die Top 10, in drei in die Top 5, in zwei aufs Podest. Und das, obwohl der Techniker in den Speed-Rennen noch kaum Erfahrung aufweist.

epa11041537 Winner Marco Schwarz of Austria celebrates on the podium for the Men's Slalom race at the FIS Alpine Skiing World Cup in Madonna di Campiglio, Italy, 22 December 2023. EPA/ANDREA SOLE ...
Marco Schwarz könnte Marco Odermatt in Zukunft gefährlich werden.Bild: keystone

Damals, im Dezember, kündigte sich ein spannendes Duell zwischen dem Schweizer und dem Österreicher an. Doch dann verletzte sich Schwarz. Wann und wie stark er zurückkehrt, ist offen. Das gilt auch für Alexis Pinturault. Der Franzose war in der Saison 2020/21 der Letzte, der Odermatt im Gesamtweltcup besiegt hat. Jüngst verzichtete er auf die Slaloms und wichtige Punkte, bestritt dafür vermehrt Abfahrtsrennen - und riss dann auch sein Kreuzband, in Wengen.

Diese Saison finden sich in den Top 20 der Gesamtwertung nur eine Handvoll Fahrer, die in drei Disziplinen gepunktet haben. James Crawford, der junge Kanadier, gehört dazu, und vor allem auch: Loic Meillard. Über den Walliser heisst es, dass ihm technisch kaum einer das Wasser reichen kann. Meillard ist in seiner Karriere schon im Slalom, Riesenslalom und Super-G aufs Podest gefahren, zudem bestreitet er seit längerem auch Abfahrtstrainings. Zuweilen verschwindet der 27-Jährige im riesigen Schatten von Teamkollege Odermatt. Aber vielleicht ändert sich das ja irgendwann.

Schliesslich dürfen die jungen, wilden Norweger nicht vergessen gehen. Sie heissen Atle Lie McGrath und Alexander Steen Olsen, bestreiten derzeit nur die technischen Disziplinen, haben aber auch schon erste Speed-Erfahrung gesammelt.

Switzerland's Loic Meillard celebrates on the podium after taking second place in an alpine ski, men's World Cup slalom race, in Chamonix, France, Sunday, Feb. 4. 2024. (AP Photo/Marco Trova ...
Loic Meillard: Der Schweizer fährt in drei Disziplinen in die Punkte.Bild: keystone

Das gilt auch für Lucas Braathen, der in jungen Jahren schon so schnell war, in Riesenslalom und Slalom gewann, im einzigen Weltcup-Super-G seiner Karriere Siebter wurde. Dann trat der 23-Jährige nach einem Streit mit dem norwegischen Verband vor dem Saisonstart unvermittelt zurück. Gerüchte, dass der Norweger zurückkehren könnte, sind indes immer wieder zu hören. Vielleicht macht er dereinst Odermatt die grosse Kugel streitig. Wobei es bezeichnend ist, dass auf dieser Liste auch ein Phantom auftaucht.

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9 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Atavar
24.02.2024 10:42registriert März 2020
In Anbetracht dessen, dass sich die möglichen Gegner recht früh in der Saison mit Verletzungen aus dem Spiel genommen haben finde ich die Überschrift - auch mit Rücksicht auf die phänomenalen Leistungen von Odi - ziemlich Respektlos.
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Glenn Quagmire
24.02.2024 07:35registriert Juli 2015
Hochmut kommt vor dem Fall.
Geniessen wir einfach den Moment, die 90er und 00er waren teils düster
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… sonst wird es Zeit, über die Entlassung von Patrick Fischer nachzudenken
Das Dutzend und das Mass sind voll. 13 Niederlagen in Serie. Nach den zwei schmachvollen, peinlichen, blamablen, beschämenden, demütigenden und unrühmlichen Niederlagen im slowakischen Humenné (0:3, 3:5) befindet sich die Schweizer Eishockey-Nati in der schlimmsten Verfassung in diesem Jahrtausend. Eine dringend notwendige Polemik.

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