Das Wachstum bremst Karriere von Schweizer Tennisjuwel
Als er am Sonntagabend an der Seite seines Vaters Robert im SRF-Studio in Zürich-Leutschenbach im Publikum der Sports Awards Platz nimmt, sitzt der Anzug makellos. Kein Fältchen stört die klare Linie, kein Detail wirkt dem Zufall überlassen. Nur die Krawatte gehört eigentlich nicht ihm. «Die musste ich meinem Vater klauen», sagt der 19-Jährige mit einem flüchtigen Lächeln — gebunden hat sie eben jener Vater, der neben ihm sitzt.
Der Anzug passt. Und doch haftet ihm etwas Vorläufiges an, als wäre er für diesen Moment gemacht, aber noch nicht ganz für den, der ihn trägt. Als müsste das Tennisjuwel erst noch in den edlen Zwirn hineinwachsen.
Spätestens seit er am 25. Januar 2025, notabene an seinem 18. Geburtstag, als erster Schweizer Junior die Australian Open gewonnen hat, gilt Henry Bernet als grösster Hoffnungsträger einer verwöhnten Tennisnation. Doch auch für den hoch Veranlagten wachsen die Bäume nicht in den Himmel.
Immer wieder Absagen bei Turnieren
Seine ersten Turniersiege bei den Profis im Spätsommer des vergangenen Jahres – erst vor seiner Haustür Muttenz, zwei Wochen später in Lausanne – katapultierten ihn in der Weltrangliste um 300 Positionen nach vorn bis auf Rang 479. Seither stagniert Bernets Klassierung und die Entwicklung.
Im letzten Halbjahr gelang ihm nur noch ein Sieg, der letzte datiert von Mitte Februar im italienischen Trento. 2026 bestritt er zudem erst sechs Turniere. Immer wieder musste Bernet Turnierteilnahmen absagen, weil er an kleineren Verletzungen laborierte und der Körper nicht bereit war.
Mit ein Grund dafür dürfte das Wachstum gewesen sein, vermutet Bernet. «Ich habe das Gefühl, dass ich noch spät gewachsen bin.» 1,91 Meter ist er inzwischen gross. Für einen Tennisspieler sind das absolute Gardemasse.
Schon 2025 fünf Monate Pause
Doch das späte Wachstum bringt auch Herausforderungen mit sich. «Die Winkel verändern sich», erklärt Bernet. Und damit auch die Abläufe im Bewegungsapparat und die Belastungen für Gelenke und Muskeln. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, weshalb er immer wieder verletzt war.
Schon 2025 musste er länger pausieren: Erst sagte er kurzfristig seine Teilnahme beim Challenger-Turnier in Lugano ab, dann trat er auch beim Future-Turnier in Trimbach nicht an. Fast fünf Monate spielte Bernet nicht mehr, weder bei den Junioren, wo er im März die Weltrangliste anführte, noch bei den Profis. Die Spätfolgen eines Ermüdungsbruchs der Rippe, der ihn bei den Australian Open 2025 beinahe zur Aufgabe gezwungen hätte.
Bernet: «Mein Körper muss robust sein»
Danach machte er einen Fehler, den viele machen: Er wollte zu früh zu viel. «Ich wollte es nicht wahrhaben und war wohl zu ungeduldig.» Wenn es die Schmerzen zuliessen, trainierte er und verzögerte damit wohl den Heilungsverlauf. «Ich hätte mir Zeit nehmen und ein paar Wochen gar nichts machen sollen», sagte er im Vorfeld der Swiss Indoors Basel 2025.
Bernet weiss: «Für mich ist es enorm wichtig, dass mein Körper auf ein gewisses Level kommt. Er muss robust sein und ich muss ihm vertrauen können.» Im Tennis seien die Belastungen für den Körper gross und die Intensität bei den Profis noch einmal deutlich höher als bei den Junioren.
Neuer Konditionstrainer aus Italien
Helfen soll ihm der Italiener Lorenzo Petrucci, mit dem er seit Montag in Mailand an seiner Fitness arbeitet, ehe er in der kommenden Woche ein Challenger-Turnier in Madrid bestreitet. Petrucci ist ein ausgewiesener Fachmann und arbeitete zwischen 2019 und 2022 in der Akademie von Riccardo Piatti als Konditionstrainer, als dieser Jannik Sinner betreute.
Die Zusammenarbeit sei gut angelaufen, sagt Bernet. «Das Training ist individuell auf mich zugeschnitten und sehr spezifisch ausgestaltet.»
Anfang des letzten Jahres trainierte er im nationalen Leistungszentrum in Biel unter der Leitung von Beni Linder, Headcoach Athletik bei Swiss Tennis, um den Anforderungen des Profi-Tennis gerecht zu werden. Bernet sagte damals: «Auf der Tour sind alle Athleten, ich bin körperlich noch ein Bub.» Das zu ändern, beansprucht offenbar mehr Zeit als einst erhofft.
Dank Sponsoren hat Bernet Zeit
Doch Bernet hat Zeit und steht finanziell weniger unter Druck als andere. Seit Frühling 2025 steht er bei der britischen Agentur Starwing Sports unter Vertrag, die auch Jannik Sinner, Gaël Monfils und Stan Wawrinka vertritt. Und bei der Sportbekleidungsmarke On unterschrieb er für fünf Jahre.
Am Ende wird Henry Bernets weiterer Weg vor allem eine Frage der Zeit sein – und davon, wie gut es ihm gelingt, seinen Körper anzupassen. Erst dann kann sich auch sein sportliches Potenzial wieder voll entfalten. (aargauerzeitung.ch)

