Sport
Interview

Dominic Stricker über Trennung von den Eltern und finanzielle Sorgen

Der Schweizer Tennisspieler Dominic Stricker bei einem Training, am Dienstag, 3. Februar 2026, in Biel. Das Schweizer Davis Cup Team trifft in der Weltgruppe I Play-offs auf Tunesien. (KEYSTONE/Andrea ...
Dominic Stricker hat sein Umfeld neu geordnet – und muss nach seinen Verletzungen von vorne anfangen.Bild: keystone
Interview

«Muss ganz unten anfangen»: Stricker über Trennung von Eltern und finanzielle Sorgen

Der 23-jährige Berner Tennisspieler im schonunglos ehrlichen Gespräch über seine schwierigen letzten Monate.
05.03.2026, 07:0205.03.2026, 07:02
simon häring / ch media

Das Netz ist nicht gespannt und der Sandplatz des Tennisclubs schlummert noch im Winterschlaf. Es ist kühl an diesem Montag Anfang März, doch die Sonne scheint, Vögel zwitschern und im Berner Quartier Dählhölzli kündigt sich der Frühling an. Auch im Leben von Dominic Stricker?

Hier spricht der 23-Jährige ausführlich und schonungslos ehrlich über seine schwere Verletzung, die Trennung von den Eltern, den Tod eines engen Vertrauten, Gedanken an den Rücktritt und finanzielle Sorgen.

Ende Januar sind Sie nach einem Riss des Innenbands im rechten Knie zurückgekehrt. Zuletzt erreichten Sie beim Challenger-Turnier in Lugano die Viertelfinals. Welches Fazit ziehen Sie?
Dominic Stricker: Die erste Woche war positiv. Im Davis Cup ist mir ein gutes Doppel gelungen. Und in Lugano habe ich mich extrem gut gefühlt und auf gutem Niveau gespielt. Der Weg ist noch lang, aber die beiden überzeugenden Auftritte dort geben mir viel Vertrauen.

epa12712850 Switzerland's Jakub Paul, left, and Dominic Stricker, right, celebrate after winning against Tunisia's Moez Echargui and Skander Mansouri in the men's doubles match of the D ...
Im Davis Cup spielte Stricker im Doppel mit Jakub Paul.Bild: keystone

Sie standen im Oktober bei einem Challenger-Turnier im Viertelfinal – dann rissen Sie sich das Innenband. Was ging Ihnen durch den Kopf?
Ich gewann die Qualifikation, gewann zwei Spiele im Hauptfeld und besiegte den Topgesetzten Jacob Fearnley. Ich glaubte, mein Niveau sei wieder da. Alles lief nach Wunsch. Dann sprintete ich auf einen Stoppball, rutschte aus und spürte sofort: Etwas ist nicht gut.

Wie ging es dann weiter?
Die ersten Abklärungen in Frankreich zeigten keine Verletzung und ich freute mich auf die Swiss Indoors Basel. Zuhause in der Schweiz zeigte ein MRI dann aber, dass das Innenband gerissen war.

«Im Nachhinein sehe ich tatsächlich viel Positives an der Verletzung.»

Wie war das mental für Sie?
In den ersten Wochen ist es am schlimmsten, weil man nichts machen kann. Aber im Nachhinein sehe ich tatsächlich viel Positives.

Was genau?
Einerseits den wichtigen körperlichen Aufbau, den ich machen konnte. Andererseits die Arbeit im mentalen Bereich.

Wie haben Sie konkret am mentalen Aspekt gearbeitet?
Gerade bei Verletzungen wird dieser Bereich stark unterschätzt. Ich habe gespürt, wie sehr mich das in Anspruch nimmt, weil es immer wieder kleine Rückschläge geben kann. Ich war und bin hier in einem engen Austausch mit dem Sportpsychologen Alain Meyer, mit dem ich schon früher zusammengearbeitet habe. Auch die Gespräche mit meinem Hypnosespezialist, Hansruedi Wipf, halfen mir. Dazwischen traf ich mich auch mit Jörg Wetzel (langjähriger Sport- und Notfallpsychologe während Olympischen Spielen, Anm. d.Red.).

Jörg Wetzel ist im Frühling 2025 auf einer Joggingrunde überraschend verstorben. Wie gingen Sie mit dieser Nachricht um?
Das hat mich enorm getroffen. Wenn man so eng zusammenarbeitet, lernt man sich gut kennen. Er war ein wichtiger Begleiter für mich.

joerg jörg wetzel
Der im vergangenen Jahr verstorbene Sportpsychologe Jörg Wetzel.Bild: swiss shooting

Sie haben ihr Umfeld neu organisiert. Seit Dezember haben Sie mit Henri Laaksonen einen neuen Trainer. Was erhoffen Sie sich von ihm?
Henri kennt mich sehr gut und ich kenne ihn. Wir haben drei Mal gegeneinander gespielt und waren zusammen im Davis Cup. Er weiss genau, was meine Stärken und meine Schwächen sind und was ich verbessern kann. Auf dem Platz arbeiten wir sehr intensiv. Und daneben verstehen wir uns ausgezeichnet. Wir waren auch schon Padel spielen. Und wir messen uns regelmässig im Backgammon, wobei ich gestehen muss, dass er noch deutlich besser ist (lacht).

«Nun habe ich das Gefühl, dass ich Menschen um mich habe, die in ihren Bereichen absolute Profis sind. Das gibt mir enorme Ruhe.»

Laaksonen trat erst vor etwas mehr als einem Jahr zurück. Ausser ein paar Monaten mit Mika Brunold bringt er als Trainer keine Erfahrung mit. Wie beurteilen Sie diesen Umstand?
Natürlich ging mir das auch durch den Kopf. Er bringt noch wenig Erfahrung mit, aber die Inputs, die er mir gibt, helfen mir enorm. Die Spieler, den Sport und das Umfeld kennt er gut. Zudem finde ich, hat Mika Brunold in der kurzen Zeit mit Henri sichtbare Fortschritte gemacht. Das stimmt mich zuversichtlich. Die Chemie stimmt.

epa09247220 Henri Laaksonen of Switzerland in action during the 3rd round match against Kei Nishikori of Japan at the French Open tennis tournament at Roland Garros in Paris, France, 04 June 2021. EPA ...
Henri Laaksonen ist Dominic Strickers neuer Trainer.Bild: EPA

Sie haben turbulente Wochen hinter sich – sportlich, aber auch privat mit der Trennung von Ihrem Vater als Manager. Hatten Sie in dieser Zeit jemals das Gefühl, die Kontrolle über Ihre Karriere zu verlieren?
(Denkt lange nach). In den vergangenen Monaten ist viel passiert, ich habe viel verändert und neu organisiert. Nun habe ich das Gefühl, dass ich ein tolles Team um mich geschaffen habe mit Menschen, die in ihren Bereichen absolute Profis sind. Das gibt mir enorme Ruhe.

Sie hatten also nie das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren?
Nein, das nicht. Aber es war keine leichte Phase, das wissen wir alle.

Wie reagieren Sie, wenn Sie etwas belastet?
Ich werde ruhig, ziehe mich zurück und versuche, die Dinge mit einer gewissen Distanz zu betrachten, um dann eine gute Lösung zu finden.

Wo sehen Sie die Ursachen dafür, dass es nach dem Achtelfinalvorstoss bei den US Open 2023 nicht ähnlich erfolgreich weiter ging?
Die Verletzungen haben sicher nicht geholfen, sind aber nicht der einzige Grund. Es ging extrem schnell, immer bergauf, vielleicht auch zu schnell. Diese zwei Jahre waren schwierig und lehrreich. Nun muss ich wieder ganz unten anfangen. Physisch und menschlich bin ich heute weiter und fühle mich besser als damals.

Wie viel davon war Pech, was ist eigenen Fehlern zuzuschreiben?
Verletzungen sind bis zu einem gewissen Grad Pech, aber nicht nur. Es gibt Dinge, die ich heute sicher anders machen würde.

Was würden Sie anders machen?
Ende 2023 spielte ich trotz Rückenschmerzen die NextGen-Finals in Saudi-Arabien, musste dort im Halbfinal aufgeben und danach ein halbes Jahr pausieren.

«Rücktrittsgedanken sind völlig normal. Aber es stand nie im Raum, dass ich wirklich aufhöre.»

Der Sieger erhielt mehr als eine halbe Million Dollar Preisgeld. Welche Rolle spielte das Geld?
Mir ging es darum, dass es ein Turnier ist, für das ich das ganze Jahr gearbeitet hatte. Es ist ein Event, auf den die ganze Welt schaut.

Es gab auch Spekulationen über einen Rücktritt.
Ich glaube, diese Gedanken sind völlig normal und es ist auch nicht so, dass ich diese nie gehabt hätte. Aber es stand nie im Raum, dass ich wirklich aufhöre. Sich zu überlegen, was danach kommt, finde ich aber durchaus spannend und auch etwas, worüber ich gerne rede.

Und was können Sie sich noch vorstellen?
Ich weiss nicht, was ich sonst machen will. Aber vor allem deswegen, weil mir mein Leben viel zu viel Spass bereitet. Tennis zu spielen, um die Welt zu reisen und dieses Adrenalin zu spüren, ist einzigartig.

Sie werden seit einigen Wochen von der Agentur AVD vertreten. War dieser Schritt eine bewusste Abgrenzung von der familiären Lösung?
Anfang des vergangenen Jahres habe ich mich dazu entschieden, das Management zu professionalisieren und danach viele Gespräche geführt. Mir war es wichtig, dass es familiär ist und dass es Leute aus der Region sind. Anouk Vergé-Dépré habe ich schon gekannt, und mit Nicola Kusy habe ich in der Nati B im Interclub für Thun gespielt. Sie haben mich in der Vergangenheit schon einmal angefragt. Nun hat mich überzeugt, was sie mit mir vorhaben.

«Meine Eltern haben sich zurückgezogen und helfen nur noch bei einigen organisatorischen Dingen mit.»

Wir haben gehört, dass viele Management-Agenturen gerne mit Ihnen zusammenarbeiten würden, sie aber Bedenken haben wegen der Rolle ihres Vaters Stephan. Was sagen Sie dazu?
Das ist etwas, das sich herumgesprochen hat, das lässt sich nicht abstreiten. Nun ist die Konstellation aber eine andere. Meine Eltern haben sich zurückgezogen und helfen nur noch bei einigen organisatorischen Dingen mit. Ich sehe mich gut aufgestellt.

In der Tennisszene heisst es, ihr Vater habe im Umgang mit Sponsoren, Veranstaltern und dem Verband Spannungen verursacht. Können Sie nachvollziehen, woher diese Stimmen kommen?
Es ging alles sehr schnell vom Junioren-Titel bei den French Open 2021 bis zum US-Open-Achtelfinal 2023. Meine Eltern haben in dieser Zeit einen super Job gemacht, mich enorm unterstützt, auch beim Sponsoring. Ich bin meinem Vater enorm dankbar für alles, was er getan hat. Es war für ihn auch nicht immer einfach. Jetzt war der Moment, es in professionellere Hände zu geben. Das geht nicht von heute auf morgen und war ein schwieriger Prozess für uns alle.

Dominic Stricker Vater Stefan, Pressekonferenz, Portrait, Portraet *** Dominic Stricker father Stefan, press conference, portrait, portraet Copyright: xJuergenxHasenkopfx
Vater Stephan Stricker.Bild: imago

Wie haben Sie diese Phase der Entscheidungsfindung erlebt?
Ich spüre, wie eine Last von mir abfällt. Es war für meine Eltern kein leichter Schritt, wie für mich auch nicht. Wenn die Familie im Spiel ist, macht es das schwieriger, weil es eine emotionale Verbindung gibt. Ich habe lange mit mir gerungen, mir viele Gedanken gemacht. Ich bin ein Familienmensch und mir ist es wichtig, dass wir es gut haben. Jetzt merken wir, dass es für alle ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Bei der Dominic Stricker GmbH, in die Ihre Einnahmen fliessen, halten Ihre Eltern weiterhin die Zügel in der Hand. Sie selbst haben keinen alleinigen Zugriff auf Ihr verdientes Geld. Weshalb ist das so?
Seit Mai 2025 bin ich Geschäftsführer. Inzwischen habe ich auch das Mehrheitsstimmrecht. Es ist eine komplexe Sache, bei der viele Dinge berücksichtigt werden müssen und bei der es auch um die genaue Verteilung geht. Unser Ziel ist es, dass das in diesem Jahr geschieht.

Warum nicht schon im vergangenen Jahr ein klarer Schnitt?
Wir wollen keine Fehler machen und es muss auch rechtlich passen. Inzwischen kann ich auf tolle Partner zählen, die sich darum kümmern, dass alles sauber läuft. Das braucht Zeit.

«Allzu viele solche Saisons kann ich mir nicht leisten.»

Die Kosten im Tennis sind sehr hoch. Sie haben in diesem Jahr 905 Dollar Preisgeld verdient. Wir fragen ganz direkt: Wie viele solche Jahre wie die vergangenen beiden können Sie sich noch leisten?
Es sind sicher nicht die einfachsten Jahre (lacht). Allzu viele solche Saisons kann ich mir nicht leisten, das ist kein Geheimnis. Andererseits bin ich sehr dankbar, dass ich langfristige Sponsoren habe, die an mich glauben. Das gibt mir Ruhe und Zeit.

Sie haben also noch etwas Geld in der Kasse?
Ja, ja. Finanziell sind es schwierige Jahre. Ich muss nun andere Wege finden. Mittlerweile reise ich ohne Physio, was vorher möglich war. Das sind Dinge, die ich mir wieder verdienen muss.

Der Schweizer Tennisspieler Dominic Stricker bei einem Training, am Mittwoch, 4. Februar 2026, in Biel. Das Schweizer Davis Cup Team trifft in der Weltgruppe I Play-offs auf Tunesien. (KEYSTONE/Andrea ...
Dominic Stricker will wieder mit dem Sport für Schlagzeilen sorgen.Bild: keystone

Was wünschen Sie sich persönlich für das kommende Jahr?
Natürlich Gesundheit, dass es der Familie gut geht und dass es sich so entwickelt, wie ich es mir vorstelle. Sportlich ist das wichtigste Ziel, dass ich keine Verletzungen habe. Wenn mir das gelingt, wird sich das auch auf dem Platz und im Ranking auszahlen.

Und welche Schlagzeilen wünschen Sie sich über sich?
Das überlasse ich Ihnen (lacht). Aber mein Wunsch ist es sicher, dass ich wieder zurück bin, dass in meinem Umfeld alles geklärt ist und dass ich wieder mit dem Sport für Schlagzeilen sorge.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
60 Sportfotos, die unter die Haut gehen
1 / 62
60 Sportfotos, die unter die Haut gehen
7. Februar 1988: Michael Jordan gewinnt beim NBA-All-Star-Game den Slam-Dunk-Contest. Bei seinem letzten Versuch springt er von der Freiwurflinie ab.
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Grossglockner-Prozess löst Alpine-Divorce-Debatte aus
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
1 Kommentar
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
1
«Eines der brutalsten Fouls»: Dennoch blieb diese Aktion von Rüdiger ungestraft
Real Madrid verliert in La Liga mit 0:1 gegen Getafe und hat mittlerweile vier Punkte Rückstand auf Leader Barcelona. Bei der Heimniederlage sorgt eine Aktion von Antonio Rüdiger für viele Diskussionen.
Zum zweiten Mal nacheinander verliert Real Madrid in der spanischen Meisterschaft. Nach einem enttäuschenden Auftritt verlieren die Königlichen mit 0:1 im heimischen Bernabéu gegen Getafe. Den einzigen Treffer der Partie erzielte Martin Satriano in der 39. Minute. Die Aktion, die für die grössten Diskussionen sorgte, geschah allerdings eine knappe Viertelstunde zuvor.
Zur Story