Lackschuhe, Glitzerkleider, Dankesreden und Konfettiregen für die Sieger und Siegerinnen. Wie jedes Jahr betrieb das Schweizer Fernsehen auch an diesem Sonntag einen grossen Aufwand, um die Besten des Schweizer Sports auszuzeichnen und zu inszenieren. Fast drei Stunden dauerte die Sendung. Viel Zeit also, um die emotionalsten Momenten des Sportjahres, die Höhepunkte und Tiefpunkte, noch einmal Revue passieren zu lassen.
Sport spricht die Sprache des Lebens: Er ist ein ständiges Ringen zwischen Scheitern und Erfolg, zwischen Höhepunkten und Tiefschlägen, zwischen Schmerz und Triumph, Selbstbewusstsein und Zweifel, vor allem zwischen Sieg und Niederlage. Und manchmal eben auch: zwischen Leben und Tod.
Die Sports Awards bilden dieses emotionale Wellenbad allerdings nur sehr bedingt ab. Natürlich sieht man in den Einspielern auch hängende Köpfe wie bei den Schweizer Fussballern nach dem verlorenen Penaltyschiessen der Männernati im EM-Viertelfinal gegen England. Oder die leeren Blicke der Eishockeyspieler nach dem verlorenen WM-Final gegen Tschechien.
Auch Nostalgie hatte ihren Platz. Etwa bei der Würdigung von Heinz Frei, dem Pionier des Schweizer Parasports, dem ein Ehrenpreis verliehen wurde. Oder dem Rückblick auf die erfolgreiche Karriere von Daniela Ryf. «Seid nicht froh, dass es vorbei ist. Seid froh, dass es passiert ist», hatte die Triathletin bei ihrem Rücktritt geschrieben. Es ging dabei um: Erfolg.
Die Sports Awards sind das jährliche Treffen der Schweizer Sportfamilie. Es ist ein heiterer Anlass, bei dem gelacht, in Erinnerungen geschwelgt und gefeiert wird. Es ist eine Nacht der Siegerinnen und Sieger. Aber vielleicht nicht der ganz grossen Emotionen. Kein Platz ist für: Tod und Trauer.
Denn was vom Sportjahr 2024 auch in Erinnerung bleibt, ist der tragische Tod von Muriel Furrer bei der Velo-WM in Zürich, deren Rennen das Schweizer Fernsehen produzierte. Sie war am Donnerstag, 26. September, in einer Linkskurve in einem Waldstück oberhalb von Küsnacht gestürzt, hatte dabei ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und erlag tags darauf im Universitätsspital Zürich ihren Verletzungen. Furrer wurde nur 18 Jahre alt.
Schon im letzten Jahr hatte es das Schweizer Fernsehen verpasst, im Rahmen der Sports Awards im Andenken an einen jung verstorbenen Sportler kurz innezuhalten. Es war das Jahr, in dem die Radsport-Hoffnung Gino Mäder tödlich verunglückte. Mitte Juni stürzte Mäder an der Tour de Suisse während einer Abfahrt vom Albula, wurde zunächst reanimiert, erlag dann seinen Verletzungen im Spital Chur. Er wurde nur 26 Jahre alt.
Die Begründung war damals wie nun bei Muriel Furrer die gleiche. «Die Sendungsverantwortlichen kamen zum Schluss, dass das Format der Sports Awards nicht den richtigen Rahmen bietet, um Muriel Furrers Tod aufzugreifen», schreibt Susan Schwaller, Chefredaktorin Sport bei SRF, auf Anfrage von CH Media. Zudem verweist SRF auf verschiedene andere Formate, in denen ausführlich über Muriel Furrers Tod berichtet wurde.
Heisst konkret: Beim Jahresrückblick mit Ehrungen sind nur Jubel, Trubel und Heiterkeit erwünscht. Als würde der Sport nur freudige Geschichten schreiben. Die Sports Awards als Nacht der Siegerinnen und Sieger.
Ein Verständnis, das sich nicht nur im Umgang mit dem Tod von Muriel Furrer zeigt. Auch andere Todesfälle werden lieber verschwiegen. Wie bei der Snowboarderin Sophie Hediger (†26) oder dem OL-Läufer Pascal Buchs (†27), die im Dezember in den Bergen tödlich verunglückten. Oder bei Läufer Adrian Lehmann, der drei Tage vor dem Zürich Marathon einen Herzinfarkt erlitten und am Tag des Rennens 34-jährig verstorben war.
Oder bei Josef «Sepp» Haas, der bei den Olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble über 50 Kilometer für die erste olympische Langlaufmedaille für die Schweiz sorgte und im gleichen Jahr Sportler des Jahres wurde. Oder bei Robert Dill-Bundi (†65), der bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau in der Einzelverfolgung über 4000 Meter Gold gewann und bis heute der einzige Schweizer Olympiasieger auf der Bahn ist.
Sie alle haben Schweizer Sportgeschichte geschrieben. Mit Millionen von Fans ihre Emotionen geteilt und uns Momente der Freude geschenkt, an die sich viele von uns ihr Leben lang erinnern. Sie haben es verdient, dass ihner im Rahmen der Sports Awards gedacht wird. Es wäre ein Moment des Innehaltens, der der Festlichkeit keinen Abbruch täte. Es bleibt zu hoffen, dass es das Schweizer Fernsehen in Zukunft anders machen wird.
Dass es auch anders geht, bewies Swiss Cycling im Dezember im Rahmen der Swiss Cycling Night. An seiner eigenen Gala würdigte der Schweizer Radverband Muriel Furrer. Ohne grosse Worte. Mit einem emotionalen Video. Weggefährtinnen erinnerten sich, erzählten Anekdoten. Auch Bilder von Furrer wurden gezeigt. Es war ein würdiger Akt des Erinnerns. (riz/aargauerzeitung.ch)