Olympia in der Schweiz – von Erfolgen, Träumen und (vielen) Abstimmungspleiten
Bewerbungen um Olympische Spiele zeigen in unserem Land ein Muster: Wenn sich Gemeinden oder Kantone an den Kosten – die Spiele kosten inzwischen mehr als eine Milliarde Franken – beteiligen müssen, hat ein Projekt inzwischen keine Chance. «Sion 2006» war die letzte Bewerbung mit demokratischer Legimitation.
Diese bis heute aussichtsreichste Bewerbung seit St. Moritz 1948 scheiterte an der Naivität der Initianten, die auf ihr viel besseres Bewerbungsdossiert vertrauten und die Korruption im IOC sträflich unterschätzten. Die Niederlage gegen Turin boshaft auf den Punkt gebracht: Die IOC-Delegierten kennen eben den Unterschied zwischen einem Raclette und einem Ferrari.
Ein Rückblick auf die Geschichte von Olympischen Spielen in der Schweiz und gescheiterten Kandidaturen:
Winterspiele St. Moritz 1928
St. Moritz setzt sich gegen Engelberg und Davos durch. Das Schweizerische Olympische Committee (SOC, heute Swiss Olympic) hatte dem IOC offiziell einen Dreiervorschlag unterbreitet. Beim IOC-Kongress 1926 fällt der Entscheid einstimmig und bei einer Enthaltung für St. Moritz.
Winterspiele St. Moritz 1948
St. Moritz setzt sich gegen Lace Placid (USA) in einer brieflichen Abstimmung durch. Gemäss IOC-Präsident Sigfrid Edström «mit überwältigender Mehrheit». Die Anzahl Stimmen ist nicht bekannt.
Sommerspiele Rom 1960 und Winterspiele 1960 in Squaw Valley
Einmalig: Die Schweiz bewirbt sich am 16. Juni 1955 beim IOC-Kongress in Paris sowohl um die Winter- als auch um die Sommerspiele.
Squaw Valley setzt sich gegen St. Moritz und Garmisch-Partenkirchen und Innstruck durch. Das SOC hatte zuvor bei einer Bewerbung von St. Moritz und Davos mit 19:5 Stimmen für St. Moritz entschieden.
Am 15. Juli 1952 reicht Lausanne schriftlich seine Kandidatur für die Sommerspiele von 1960 beim IOC ein, die Bewerbung wird vom späteren Bundesrat Pierre Graber orchestriert. Lausanne muss beim IOC-Kongress in Paris gegen Brüssel, Budapest, Rom, Detroit, Mexico City und Tokio antreten und verliert schliesslich in der letzten Abstimmung – sozusagen im Final – mit 24:35 Stimmen gegen Rom.
Winterspiele Grenoble 1968
Sion bewirbt sich für die Spiele von 1968. Es kommt weltweit zur ersten Volksabstimmung über die Durchführung von Olympischen Spielen. Am 11. Dezember 1963 verwirft das Stimmvolk im Wallis mit 13'085 Nein- gegen 12'775 Ja-Stimmen das Projekt und die Bewerbung wird zurückgezogen.
Winterspiele Innsbruck 1976
Sion verliert mit 30:39 Stimmen gegen Denver. Die Amerikaner geben später die Spiele zurück und Innsbruck springt ein. Am 2. November 1969 war bereits das Projekt «Winterspiele 1976 in Zürich» mit 145'347 Nein- gegen 40'912 Ja-Stimmen wuchtig an der Urne gestoppt worden.
Winterspiele Calgary 1988
1980 scheitert das Projekt der Winterspiele von 1988 in Graubünden an der Urne. In Laax mit 42 Ja und 102 Nein, in Chur mit 1141 Ja und 6972 Nein, in Davos mit 1090 Ja und 1318 Nein und am knappsten in St. Moritz mit 612 Ja und 644 Nein. Die Skepsis ist wegen der immer mehr ausufernden Kosten der Spiele gross.
Winterspiele Lillehammer 1994
Zuerst entscheidet sich das SOC mit 59:14 Stimmen für Lausanne und gegen Interlaken als mögliche Standorte. Gegen die Bewerbung bzw. die finanzielle Beteiligung der Stadt Lausanne wird das Referendum ergriffen. Am 26. Juni 1988 bodigt das Stimmvolk in Lausanne die Olympia-Pläne für die Initianten völlig überraschend mit 20'414 Nein gegen 12'341 Ja deutlich. Im Rückblick zeigt sich: Diese Bewerbung hätte mit ziemlicher Sicherheit die Spiele in die Schweiz gebracht.
Winterspiele Salt Lake City 2002
Im Wallis gelingt es, eine Bewerbung für die Spiele von 2002 in Sion demokratisch zu legimitieren: Am 12. Juni 1994 wird das Projekt an der Urne vom Walliser Stimmvolk mit 54'603 Ja gegen 34'830 Nein bewilligt. Salt Lake City bekommt mit 54 Stimmen der IOC-Delegierten den Zuschlag, Sion bringt es nur auf 14 Stimmen.
Winterspiele Turin 2006
In allen tangierten Bezirken wird am 8. Juni 1997 das Projekt «Sion 2006» mit über 60 Prozent Ja-Stimmen bewilligt. Auf Bundesebene wird die Unterstützung im Ständerat ohne Gegenstimme durchgewunken und im Nationalrat mit 145 zu 11 bei sechs Enthaltungen.
Die Bewerbung ist erstklassig und möglicherweise wird das Vertrauen in das eigentlich perfekte Bewerbungs-Dossier den Initianten zum Verhängnis. Sie unterschätzen das «Korruptions-Potenzial» im IOC. Am 19. Juni 1999 unterliegt Sion beim IOC-Kongress den Mitbewerber Turin mit 36:53 Stimmen. Es ist die bitterste Enttäuschung in der Geschichte der helvetischen Olympia-Bewerbungen.
Winterspiele Vancouver 2010
Zwei helvetische Kandidaturen gibt es: Bern Westschweiz und Zürich Ostschweiz. Im Herbst 2001 entscheidet sich das Sportparlament für die Variante Bern-Westschweiz. Diese wird am 22. September 2002 von der Berner Bevölkerung mit 75 Prozent Nein-Stimmen. Die Bewerbung beim IOC muss zurückgezogen werden.
Winterspiele Sotschi 2014
Am 14. September 2004 werfen die Initianten einer Bewerbung für die Spiele in Zürich und Graubünden wegen fehlender Unterstützung das Handtuch.
Winterspiele Peking 2022
Auf Gemeindeebene wird eine Kandidatur bzw. die finanzielle Beteiligung für die Spiele in St. Moritz, Laax, Klosters und Davos vom Stimmvolk gutgeheissen. Die kantonale Abstimmung am 3. März 2013 wird für die Olympia-Optimisten zum demokratischen Waterloo: 41'758 Bündnerinnen und Bündner sagen «Nein» und nur 37'450 «Ja». Es gibt keine Bewerbung.
