Wer nur fragt, was Olympia kostet, stellt die falsche Frage
Kaum steht eine mögliche Olympia-Kandidatur im Raum, folgt zuverlässig derselbe Reflex: Wer soll das bezahlen? Auch das Projekt 2038 ist da keine Ausnahme: Ganze 92 Prozent der Personen, die Winterspiele in der Schweiz ablehnen, geben dafür Kostengründe an, wie aus einer exklusiven watson-Umfrage hervorgeht.
Die Kampagne für die Winterspiele 2038 soll bei einem Gesamtbudget von 2,2 Milliarden Franken mit rund 400 Millionen Franken von der öffentlichen Hand auskommen. Das ist natürlich sehr viel Geld. Aber 2024 betrug das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz über 850 Milliarden Franken. Die 400 Millionen Franken entsprechen rund 0,047 Prozent davon.
Das Argument von Gegnern, Olympische Spiele in der Schweiz würden den Steuerzahler zu stark belasten, zieht nicht. Das Budget wird weitgehend privat finanziert, auch die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) geforderte Defizitgarantie soll von Privaten geleistet werden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, was Olympia kostet. Sondern was Olympia der Schweiz bringen kann. Die Spiele können Gräben zuschütten, zwischen Stadt und Land, zwischen Deutsch- und Westschweiz.
Eine der grossen Stärken der Kandidatur ist ihre Dezentralität. Die Olympischen Spiele würden nicht nur im Engadin oder im Wallis ausgetragen werden. Sondern in neun Kantonen, zwischen Genf und St. Moritz, zwischen Zürich und Lugano. Der überwiegende Teil der Infrastruktur steht schon und wurde unlängst (Biathlon, Ski Freestyle) – oder wird bald (Eishockey, Ski alpin) für Weltmeisterschaften verwendet.
Noch ungeklärt ist der Bau einer kleinen Schanze in Engelberg. Möglicherweise erübrigt sich dieses Projekt, falls die IOC-Funktionäre sich dazu entschliessen, Wettkämpfe auf der im Weltcup-Alltag kaum verwendeten Normalschanze zu streichen. Schliesslich bestreiten auch Weitspringer im Sommer nicht zwei Wettkämpfe – einen mit kurzem und einen mit langem Anlauf.
Das ist der wohl grösste Trumpf: Viel gebaut werden müsste nicht. Und wenn ausserhalb der Sportstätten, etwa beim öffentlichen Verkehr, investiert wird, so kommen diese Investitionen allen zugute, nicht nur den zu erwartenden rund 3000 Sportlerinnen und Sportlern. Bis 2038 dauert es zwölf Jahre, was eine lange Zeit ist, um seriös und nachhaltig zu planen.
Niemand braucht Olympische Spiele. Aber wenn, dann doch am liebsten an einem Ort, wo der Wintersport zuhause ist. Statt auf autokratische Regimes zu zeigen, kann die Schweiz den Beweis antreten, dass Olympische Spiele nach wie vor auch in einer demokratischen, offenen Gesellschaft möglich sind. In einer politisch stabilen, verlässlichen und sicheren Nation.
Geld ist nicht nur für Notwendiges da, sondern auch für Lebensqualität. Für Kultur, für Feste – und dann und wann auch für ein nationales Grossereignis. Genau als das sollte diese Olympia-Kandidatur verstanden werden: als Angebot an die Schweizer Bevölkerung, ihr ein einmaliges Erlebnis zu ermöglichen.
