Diese Stolpersteine können die Schweizer Olympia-Träume beenden
Nach einigen gescheiterten Anläufen soll es endlich klappen: Die Wintersportnation Schweiz will 2038 erstmals seit 90 Jahren Olympische Winterspiele durchführen. Am Montag stellte der Verein Switzerland 2038 das Projekt vor, inklusive der vorgesehenen Austragungsorte. Auch die Paralympischen Spiele sollen hierzulande stattfinden.
Die Ausgangslage ist auf den ersten Blick verheissungsvoll. Nach dem Scheitern der Bewerbung für 2030 (zum Zug kam Frankreich) nahm das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Lausanne mit der Schweiz einen «privilegierten Dialog» auf. Damit ist sie für 2038 (die Spiele 2034 finden im US-Bundesstaat Utah statt) praktisch gesetzt.
Von einer «Jahrhundertchance» war am Montag die Rede. Erstmals wird es keine «Host City» geben. Die Wettkämpfe sollen über das ganze Land verteilt stattfinden, unter Einbezug aller vier Sprachregionen. Nachhaltigkeit ist ein dominierender Aspekt: Es sollen bestehende oder temporäre Sportstätten genutzt werden.
Eine Portion Skepsis
Das entspricht im Prinzip den Vorgaben des IOC, das teure Neubauten möglichst vermeiden will. Alles paletti also? So einfach ist es nicht. Eine gesunde Portion Skepsis ist angesagt, und das nicht nur wegen der diversen erfolglosen Versuche in den letzten Jahrzehnten. Es gibt einige Stolpersteine, die das Projekt Switzerland 2038 zu Fall bringen könnten.
Logistik
Die Zahl der Wettkampfstätten wurde gegenüber den ursprünglichen Plänen noch einmal reduziert. Ski alpin soll vollständig in Crans-Montana stattfinden (was in ausländischen Medien bereits zu unvermeidlichen Anspielungen führte) und Ski nordisch in Engelberg. Für das Skispringen gibt es dort bislang jedoch nur eine Gross- und keine Normalschanze.
Die ursprüngliche Idee, die bestehende Anlage in Kandersteg zu nutzen, liess man fallen. Sie wäre aus diversen Gründen kaum praktikabel gewesen. Jetzt soll in Engelberg neben der Titlis-Schanze eine zweite Anlage gebaut werden, temporär oder fest. Entsprechende Pläne gebe es bereits. Auch eine Kandidatur für die nordische Ski-WM ist ein Thema.
Als weiteres Provisorium soll eine Eisschnelllauf-Bahn in den Genfer Palexpo-Hallen gebaut werden. Für beides könnte es eine Volksabstimmung brauchen, was vor allem bei der Sprungschanze zum Problem werden dürfte. Sie ist praktisch «alternativlos», meint der «Blick». Sagen die Engelberger – oder der Kanton Obwalden – nein, war es das wohl.
Finanzen
Die fehlende Defizitgarantie war ein Grund für das Scheitern der Bewerbung 2030. Nun sollen die vom IOC geforderten 200 Millionen Franken von Privaten getragen werden, ein Novum bei Winterspielen. Der Unternehmer und «Biathlon-Enthusiast» Michael Hartweg zeigte sich überzeugt, sie bei Personen und Firmen auftreiben zu können.
Selbst wenn dies gelingen sollte, ist das noch keine Garantie für die Durchführung. In einigen Austragungsorten sind Volksabstimmungen möglich. Bei einem Nein müsste wohl eine Alternative gefunden werden, was wegen der langen Vorlaufzeit grundsätzlich möglich wäre. Aber gerade bei Skispringen und Ski nordisch ist dies schwer vorstellbar.
Und da wäre noch der Bund, der sich mit knapp 200 Millionen Franken an den Olympischen und Paralympischen Spielen 2038 beteiligen soll. Hier drängt die Zeit, denn das Dossier muss in etwas mehr als einem Jahr beim IOC eingereicht werden. Das Parlament soll deshalb bis Ende Jahr entscheiden, doch es besteht die Möglichkeit eines fakultativen Referendums.
Es wäre wohl das Aus für die Kandidatur. Alt-Bundesrätin und Swiss-Olympic-Präsidentin Ruth Metzler verwies am Montag darauf, dass ihm in den letzten 15 Jahren nur eine Finanzvorlage unterstellt wurde, die sechs Milliarden Franken für neue Kampfjets. Und noch völlig offen sind die Kosten für die Sicherheit, die man keinesfalls unterschätzen darf.
Euphorie
Sie spüre «Begeisterung in der Wirtschaft und in der Gesellschaft», sagte Ruth Metzler in der SRF-«Tagesschau». Das mag auf Funktionäre und Politiker zutreffen. Aber gilt das auch für die breite Bevölkerung? Sie ist gerade in der Schweiz mit ihren Volksentscheiden ein wichtiger Faktor. Und hier sind mit Blick auf vergangene Flops Zweifel angebracht.
Das zeigte sich vor acht Jahren, als sich Sion und das Wallis für die Winterspiele 2026 bewerben wollten, die im Februar in Mailand und Norditalien stattfinden werden. Ein Augenschein vor Ort ergab, dass anders als 20 Jahre zuvor bei der Kandidatur Sion 2006 wenig Euphorie zu erkennen war. Selbst die Gegner wunderten sich, dass sie kaum Anfeindungen erlebten.
Das olympische Feuer brannte auf Sparflamme. Bei der Volksabstimmung im Juni 2018 sagte der Kanton mit 54 Prozent Nein, womit eine weitere Schweizer Bewerbung erledigt war. Es war keine deutliche Abfuhr, doch wenn sich nicht einmal der Berg- und Skikanton Wallis für Olympia-Pläne erwärmen konnte, dürfte es anderswo noch schwieriger werden.
IOC
Ein nicht zu unterschätzender Stolperstein ist das elitäre IOC, trotz des «privilegierten Dialogs». Denn in der Schweiz soll es nicht nur keine Gastgeberstadt geben. Auch die Unterbringung der Athletinnen und Athleten soll dezentral erfolgen. Das gab es schon früher, auch in Mailand und Cortina gibt es separate Dörfer. Dennoch wäre es ein Bruch mit der Tradition.
Das IOC hat diesen Aspekt schon bei der Bewerbung 2030 kritisiert. Auch die reduzierten Zuschauerkapazitäten zur Vermeidung eines Verkehrschaos könnten zu reden geben. Die Vergabe der Spiele 2038 soll in der zweiten Hälfte 2027 erfolgen. Damit liesse sich ein alternativer Veranstalter finden, falls es mit der Schweiz einmal mehr nicht klappen sollte.
