DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Vorhang auf für einen neuen Star: Fatih Arda İpcioğlu in Oberstdorf.
Vorhang auf für einen neuen Star: Fatih Arda İpcioğlu in Oberstdorf.Bild: IMAGO / Ulrich Wagner

«Turkish Flyer» – ein Türke schreibt Skisprung-Geschichte

Ein guter Skispringer aus der Türkei? Fatih Arda İpcioğlu hat an der traditionsreichen Vierschanzentournee viele Fans überrascht, als er es zum Auftakt sensationell in die Weltcuppunkte schaffte. In der Heimat hat der Wintersportler gar einen Hype ausgelöst.
02.01.2022, 10:38
Alexander Kohne, Garmisch-Partenkirchen / t-online
Ein Artikel von
t-online

Fatih Arda İpcioğlu strahlt dieser Tage die Leichtigkeit des Seins aus. Der 24-jährige Skispringer scheint auf Wolke sieben zu schweben, nachdem er zum Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf als erster Türke überhaupt den Finaldurchgang erreichte und als 29. überraschend zwei Weltcuppunkte sammelte.

«Ich bin wirklich glücklich, Geschichte geschrieben zu haben», sagte İpcioğlu gegenüber t-online am Rande der Qualifikation zum zweiten Tournee-Springen in Garmisch-Partenkirchen. Das breite Grinsen war dem «Turkish Flyer», wie er in seiner Heimat genannt wird, auch unter der grossen weissen Maske und dem schwarzen Helm mit einem goldenen türkischen Halbmond anzusehen – auch wenn es ihm letztlich knapp nicht zur Teilnahme am Neujahrsspringen reichte.

Kobayashi gewinnt erneut
Der Japaner Ryoyu Kobayashi nimmt Kurs auf den zweiten Titel beim Traditions-Event, den er vor drei Jahren per Grand Slam einflog. Er könnte als erster Skispringer überhaupt zweimal alle vier Wettkämpfe gewinnen. Nachdem er bereits in Oberstdorf gewonnen hatte, siegte er auch im Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen (mit bloss 0,2 Punkten Vorsprung auf Markus Eisenbichler). Die Gesamtwertung führt Kobayashi mit 13,2 Punkten Vorsprung auf den Norweger Marius Lindvik an. (ram/sda)

Im Vergleich zu den Topstars aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz hört sich ein 29. Rang nicht übermässig berichtenswert an. Allerdings hat İpcioğlu auch ganz andere Voraussetzungen. Er stammt aus dem türkischen Wintersportzentrum Erzurum in Ostanatolien, das auf rund 1500 Metern liegt. Dort gibt es einen Wintersportstützpunkt mit Sprungschanzen und Eishockeyhallen. Mit mitteleuropäischen Standards ist İpcioğlus Training in Erzurum allerdings nicht unbedingt vergleichbar.

Das besondere Trainingskonzept

Die Schanze dort ist nicht präpariert. Deshalb kommt er nur auf rund 460 Sprünge im ganzen Jahr. So viele absolvieren die Springer aus Deutschland, Österreich oder Polen allein im Sommer. Doch seitdem Frank Nejc neuer Trainer der türkischen Mannschaft ist, hat sich einiges getan. «Wir trainieren im Schnitt 40 bis 50 Tage in Slowenien, dann geht es für die Jungs in die Heimat zurück. Dort können sie dann nur Athletiktraining machen», sagte Nejc, der zuvor neun Jahre Co-Trainer der Slowenen war, der Zeitung «Die Welt».

Das auf knapp 2000 Metern gelegene Erzurum hatte sich auch schon um die Ausrichtung Olympischer Winterspiele bemüht.
Das auf knapp 2000 Metern gelegene Erzurum hatte sich auch schon um die Ausrichtung Olympischer Winterspiele bemüht.Bild: IMAGO / agefotostock

Und dieses Konzept geht offenbar besonders bei İpcioğlu auf. Das scheint auch in der Heimat nicht verbogen zu bleiben – vor allem nach seinem historischen Ergebnis in Oberstdorf. Wie viele Interviews er in den vergangen Tagen gegeben hat, zählt der Lehramtsstudent gar nicht mehr. Er sagt nur mit einem Lächeln: «Es waren wirklich sehr viele.»

Medienhype in der Türkei

Und diese Aufmerksamkeit geniesst İpcioğlu sichtlich. «Der Medienhype ist toll. Denn in den letzten Jahren hat kaum wer mitbekommen, dass wir Türken überhaupt skispringen», erklärt er gegenüber t-online. «Die Aufmerksamkeit jetzt macht mich glücklich und motiviert mich zusätzlich – auch weil wir die türkische Kultur und den türkischen Wintersport erklären können.» Als stressig empfinde er das während der eigentlich anstrengendsten Tage des Skispringer-Jahres überhaupt nicht.

Und das verwundert kaum. Denn obwohl İpcioğlu der bekannteste Wintersportler seines Landes ist und bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang sogar Fahnenträger war, fristet Skispringen in der Türkei ein Nischendasein. «Wir haben keine Skisprungkultur wie beispielsweise Deutschland oder Polen», gibt er offen zu. Sponsoren stehen nicht gerade Schlange. Und während die Spitzennationen nur für die Vierschanzentournee vier Sprunganzüge haben, muss Student İpcioğlu, der aktuell seine Master-Arbeit schreibt, damit durch die gesamte Saison kommen.

Doch daran könnte sich bald etwas ändern. «Ich weiss nicht genau, wie viele Menschen in der Türkei Skispringen im TV verfolgen, aber meinen Sprung am Dienstag in Oberstdorf haben auf meinem Twitter-Profil knapp 500'000 Menschen gesehen», erklärt İpcioğlu.

Doch damit nicht genug. Einen Trainingssprung aus dem September haben über das Instagram -Profil des 24-Jährigen sogar 15 Millionen verfolgt . «Das zeigt: Die Leute in der Türkei sind an Skispringen interessiert.»

Dabei wollte seine Mutter eigentlich gar nicht, dass İpcioğlu mit dem Skispringen beginnt, als der als Kind begeisterte Skifahrer diesen Sport mit 13 Jahren für sich entdeckte. «Meine Mutter sagte: ‹Geh da nicht hin, das kannst du nicht machen, das ist viel zu gefährlich.›» Damit sollte sie nicht unrecht haben, denn vor sieben Jahren brach sich ihr Sohn im Training beide Beine.

Im Training beide Beine gebrochen

Heute scheint İpcioğlu diesen Horror-Verletzungen keine grössere Bedeutung mehr beizumessen. «Es ist doch so: Steht man auf und macht weiter, ist alles möglich. Bleibt man liegen, ist es vorbei. Ich bin aufgestanden.»

Diese Attitüde könnte ihn im Weltcup noch weiter nach oben führen – zumindest nach Einschätzung seines Trainers. «Alles ist möglich. Wir haben noch viel Arbeit vor uns, aber er bringt physisch alle Voraussetzungen mit», so Nejc.

Und auch İpcioğlu selbst hat seine Ansprüche. Im Hinblick auf eine Top-10-Platzierung sagt er: «Ich traue mir schon zu, alle zu überraschen.» Wenn es nach seiner Mutter geht, soll damit noch lange nicht Schluss sein. Die träumt nun nämlich schon davon, dass er aufs Podest springt. Das sie sich einmal so etwas wünscht, hätte sie sich vor elf Jahren sicher nicht vorstellen können.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Was fürs Auge – die schönsten Skisprungschanzen im Sommer

1 / 33
Was fürs Auge – die schönsten Skisprungschanzen im Sommer
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Airboarden auf der Skisprungschanze

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

«Ich bin bereit – aber ich mache nur etwas, das mich zu 100 Prozent überzeugt»
Nach seinem vorzeitigen Abschied bei Borussia Dortmund hat Lucien Favre zunächst die Option Rückzug gewählt. Nun will der 64-jährige Romand wieder zurück auf den Trainingsplatz. Nach über einjähriger Sendepause spricht der Favre mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA über sein Timeout und seine Absicht, zeitnah ins Fussball-Business zurückzukehren.

Er fühlt sich gut, seine Batterien sind wieder aufgeladen: «Es geht mir wunderbar.» Vor seinem Haus in Saint-Barthélemy jongliert Favre regelmässig mit dem Ball im Garten. Der frühere Mittelfeldkünstler liebt den Sport nach wie vor. Die frische Luft tue ihm gut. «Ich muss mich bewegen.» Bewegung soll auch in seine Zukunft kommen. Der Coach mit über 300 Bundesliga-Spielen im Palmarès ist offen für ein Comeback in einer europäischen Top-Liga.

Zur Story