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Matthias Lötscher

Reisen wie eine nach Japan zeigen Matthias Lötscher, dass nichts unmöglich ist. Bild: zvg

Erst dachte Matthias Lötscher: «Schwein gehabt» – bis er in den Beinen nichts mehr spürte

Am 17. Juni 2005 geschah in Kandersteg der schlimmste Unfall auf einer Schweizer Sprungschanze. Doch der seither gelähmte Matthias Lötscher ist längst kein Opfer mehr.

Rainer Sommerhalder / CH Media



Mitleid? Fehl am Platz. Matthias Lötscher sitzt zwar im Rollstuhl, aber er steht auch mitten im Leben. 15 Jahre nach einem folgenschweren Sturz von der Kandersteger Sprungschanze sagt der ehemalige Nordisch Kombinierer und heutige Rechtsanwalt: «Mir gefällt mein Leben, so wie es ist. Heute weiss ich oft gar nicht mehr, wie es früher war, als ich noch gehen konnte.»

Mitleid? Es spielte eine wichtige Rolle beim Verarbeitungsprozess des damals 18-Jährigen. Lötschers Weg, über den ehemalige Gefährten mit allergrösster Bewunderung sprechen. Wie er die unumkehrbaren Folgen seines Sturzes sehr schnell akzeptiert und seine Zuversicht wieder gefunden hat. Bei den ersten Besuchen seiner Familie, seiner Schulkollegen, seiner Sportkameraden im Paraplegikerzentrum Nottwil spürte der Nachwuchsathlet aus Marbach, wie alle vor Mitleid bedrückt waren. «Da realisierte ich, dass ich es in der Hand hatte, diese Wechselwirkung zu ändern. Wenn es allen gut geht, dann geht es auch mir besser.»

Die Angst vor dem Öffnen der Spitaltüre

Auch Nordisch Kombinierer Tim Hug, Lötschers grösster Freund im Sport und Zimmerkollege auf Reisen an internationale Wettkämpfe, sagt: «Ich ging mit einem extrem mulmigen Gefühl nach Nottwil. Als ich vor seiner Zimmertüre stand, hatte ich riesigen Respekt, wenn nicht sogar Angst davor, was mich erwarten würde. Als ich Matthias dann mit seinem Strahlen im Gesicht sah, war es fast wie immer.» Hug ist tief beeindruckt, wie sein Weggefährte das Schicksal mental gemeistert hat.

Hier begann Matthias Lötschers neues Leben: die Schanzen von Kandersteg.

Auf Knopfdruck kam diese Einstellung nicht. «Zuerst war ich von den Emotionen total überwältigt. Die Konsequenzen meines Sturzes waren mir klar. Ich habe in der ersten Woche stark gelitten», sagt Lötscher. Der fünfte und sechste Halswirbel waren gebrochen. Dies bedeutete eine Querschnittlähmung, bei der alle vier Gliedmassen betroffen waren. So sind Beine, Hände sowie Teile der Arm- und Schultermuskulatur eingeschränkt. Er habe sich hilflos wie ein kleines Kind gefühlt, lag nächtelang wach im Bett.

Geholfen haben ihm die Gespräche mit seinen Geschwistern. Sein älterer Bruder, ein angehender Arzt, sagte ihm: «Du kannst jetzt nicht mehr hoffen. Du musst akzeptieren». Matthias Lötscher wollte nichtsdestotrotz darum kämpfen, das Beste aus seiner Situation zu machen. «Ich habe etwa eine Woche nach dem Unfall für mich diesen Entschluss gefasst».

Matthias Lötscher

Unterwegs in Japan: Auch auf Pfaden, die nicht für Rollstuhlfahrer erfunden wurden. Bild: zvg

Der einzige Rückschlag beim Blick aus dem Fenster

Ein einziges Mal, wenige Monate später an einem Wintertag, gab es einen mentalen Rückfall. Matthias Lötscher schaute zuhause in Marbach aus dem Küchenfenster in die Schneelandschaft und wünschte sich, wie früher auf die Langlaufskis zu stehen und loszurennen. «Doch mein unglaublich gutes Umfeld stützt mich bis heute auf meinem Weg», sagt er.

Es gibt Bilder, die kann man nicht mehr löschen. Matthias Lötscher sagt, er erinnere sich noch immer genau an alles. Wie er kopfvoran in die Tiefe stürzt. Wie er im Auslauf denkt: «Schwein gehabt». Wie er dann aber nicht mehr aufstehen kann und er nichts spürt, als ihn ein Teamkollege ins Bein kneift. «Niemand hat nur annähernd daran gedacht, dass etwas in diesem Ausmass passieren könnte. Man sah beim Skispringen immer wieder Stürze. Und irgendwie standen alle wieder auf», sagt er.

Auch Tim Hug sagt, er erinnere sich an den Tag des Unfalls, «als sei es gestern gewesen». Ein Schock, als Matthias Lötscher dort im Auslauf liegt, Betreuer um ihn herum. Und als später der Helikopter kommt. Man sich als Athlet auch bewusst wird, «dass Skispringen eine Sportart ist, bei der man zwar vieles selber im Griff hat, aber halt doch nicht alles beeinflussen kann».

Tim Hug of Switzerland poses during a media conference of the Swiss Nordic Combined team in the House of Switzerland at the XXIII Winter Olympics 2018 in Pyeongchang, South Korea, on Monday, February 12, 2018. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Weggefährte: Tim Hug an den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang. Bild: KEYSTONE

Auch bei Hippolyt Kempf hat sich ein Bild tief ins Gedächtnis eingebrannt. Der Olympiasieger in der Nordischen Kombination kannte Matthias Lötscher seit Kindesbeinen an, begleitete ihn sporadisch auch als Trainer. In der Zeit des Unfalls war er Disziplinenchef der Kombinierer. Er wollte seinen Athleten wenige Tage nach dem Unfall im Spital besuchen, doch für Lötscher war das zu früh. «Als ich Matthias damals aus einiger Entfernung in seinem Bett auf der Intensivstation liegen sah, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Diese Erinnerung bleibt mir ein Leben lang.»

«Unglaublich eindrücklich und inspirierend»

Kempf sagt, dass für die sportlichen Bezugspersonen die Klärung der Schuldfrage ein zentraler Punkt im Verarbeitungsprozess war. «Man hat einen direkt betroffenen Trainer, man kennt die Eltern, man nimmt diese jungen Athleten als Verband in seine Obhut – man steht in der Verantwortung». Deshalb sei die Feststellung eine Riesenerleichterung gewesen, dass niemand einen Fehler gemacht habe, der zum Unfall führte.

Berni Schoedler, Disziplinenchef Skispringen und Nordische Kombination und Hippolyt Kempf, Disziplinenchef Langlauf, von links, von Swiss Ski, orientieren an einer Medienkonferenz ueber die bevorstehenden Saisonziele, am Freitag, 28. Oktober 2016 in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Weggefährten: «Mister Skispringen» Bernie Schödler (links) und Olympiasieger Hippoly Kempf. Bild: KEYSTONE

Dennoch blieb dieses Ereignis für den Schweizer Skisprung prägend, wie der damalige Nationaltrainer und heute Disziplinenchef Berni Schödler erklärt. Der Unfall habe eine ganze Generation von Trainern geprägt. Und einiges ausgelöst, etwa bei Fragen der Versicherung, der Freigabe der Schanze oder der bestmöglichen Reaktion auf einen Sturz.

Matthias Lötscher habe später im Rahmen einer Trainerweiterbildung auch ein Referat über seinen Weg gehalten. «Das war unglaublich eindrücklich und inspirierend. Einer der besten Vorträge, die ich je miterlebt habe», sagt Schödler.

Lötscher kennt sich heute selber besser

Matthias Lötscher gefällt das Leben, das er heute lebt. Sein Motto lautet: «Man darf Chancen nicht einfach vorübergehen lassen». Er ist Anwalt in einer Kanzlei in Zürich und hat vor einem Jahr ein Nachdiplomstudium in Austin (Texas) absolviert. Er hat Länder wie die USA oder Japan bereist, er hat im Rollstuhl-Rugby seinen sportlichen Hunger gestillt. Er hat Kochen als Hobby entdeckt.

Und vor allem: Er hat gelernt, dankbar und demütig zu sein – zu schätzen, wenn er auch nur einen Finger bewegen kann. «Man unterschätzt, was ein solches Ereignis mit deiner Persönlichkeit macht. Als Spitzensportler ist man ein Stück weit Egoist und ordnet dem Sport alles unter. Ich habe mich durch den Unfall selber auf eine ganz andere Art kennengelernt. Nicht nur ich bin wichtig, sondern auch die Leute in meinem Umfeld.» Matthias Lötschers Botschaft kommt an: Glück hat nichts damit zu tun, ob man gehen kann.

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