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Analyse

Magisches Geld: Hokus-Pokus oder Rettung der Weltwirtschaft?

Die Notenbanken werden weiterhin Geld drucken, die Politiker verlieren die Angst vor Staatsschulden. Rasseln wir in eine Hyperinflation – oder haben wir endlich die Lehren aus der Vergangenheit gezogen?
09.12.2020, 11:3409.12.2020, 12:25

Die Wirtschaftspropheten sind derzeit sehr optimistisch gestimmt. Das grosse Impfen gegen das Coronavirus nimmt Fahrt auf, die Wirtschaft dürfte sich im kommenden Jahr kräftig erholen. Um ein Überhitzen der Wirtschaft zu verhindern, hätten früher vorsichtige Zentralbanker daher begonnen, laut über eine Erhöhung der Leitzinsen nachzudenken. Das ist derzeit nicht der Fall. Mit einer Erhöhung der Zinsen wird frühestens in zwei Jahren gerechnet.

Die Coronakrise hat die Staaten gezwungen, mit massiven Hilfsprogrammen einen Absturz der Wirtschaft zu verhindern. Derzeit denkt jedoch noch niemand daran, diese Programme zu kappen. In den USA wird der Kongress voraussichtlich in den kommenden Tagen ein neues Hilfspaket verabschieden. Weder in Deutschland noch bei uns zweifelt jemand an der Kurzarbeit.

Diese Entwicklung ist noch keineswegs abgeschlossen. So rät etwa BlackRock, mittlerweile der grösste Vermögensverwalter der Welt, seinen Kunden, mehr Risiko einzugehen. Mit Staatsanleihen – lange Garant für Sicherheit in jedem Portfolio – sei derzeit kein Staat mehr zu machen.

Rosige Aussichten an den Finanzmärkten.
Rosige Aussichten an den Finanzmärkten.

Inflation und Staatsschulden scheinen ihren Schrecken verloren zu haben. Wir leben im Zeitalter des «magischen Geldes», in der alte Gesetzmässigkeiten nicht mehr gelten. Oder doch nicht? Nicht alle Ökonomen sind über die jüngsten Entwicklungen erfreut.

Zwei von ihnen, Raphaële Chappe und Mark Blyth, sprechen in der jüngsten Ausgabe von «Foreign Affairs» von einem gefährlichen Hokus-Pokus. Die lockere Geldpolitik der Zentralbanken, allen voran der US-Fed, zeige bereits jetzt schädliche Folgen, so Chappe/Blyth. Sie führen aus:

«Unter dem Strich bleiben – abgesehen von einer turbogeladenen Konzentration der Märkte und wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit – mehr Schulden, welche die systemische Zerbrechlichkeit und die Hebelwirkung noch verstärken wird. Das wird die Fed dazu zwingen, erneut die Trümmer wegzuräumen, wenn die nächste Krise eintritt, was unweigerlich der Fall sein wird.»

Die Geldschwemme der Zentralbanken sei zudem nicht nachhaltig, so Chappe/Blyth. Nur eine schmale reiche Elite profitiere davon, und der ungleich verteilte Wohlstand habe nur einen bescheidenen volkswirtschaftlichen Effekt.

Leithammel der deutschen Ordoliberalen: Hans-Werner Sinn.
Leithammel der deutschen Ordoliberalen: Hans-Werner Sinn.
Bild: EPA/KEYSTONE / EPA FILE

Die Kritik an einer lockeren Geldpolitik der Notenbanken und an Staatsdefiziten ist besonders in Deutschland weit verbreitet. In FDP, AfD und am rechten Flügel der CDU wird bereits sehr hörbar gemurrt, dass die «schwarze Null» der Coronakrise geopfert wurde. In einem Interview mit der NZZ spricht Hans-Werner Sinn, ein Leithammel des deutschen Ordoliberalismus, gar von einem «ausgehebelten System» und gibt dem Unbehagen darüber wie folgt Ausdruck:

«Das Problem ist, dass die Gegenmassnahmen gegen das Virus aus dem Ruder gelaufen sind. Mit der Begründung Corona konnte man all die Dinge realisieren, für die bisher kein Geld da war. Es ist eine Whatever-it-takes-Mentalität entstanden, bei der überhaupt keine Schranken mehr zu bestehen scheinen.»

Sinn beschwört bereits das ultimative Schreckgespenst der Deutschen, die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg, herauf und warnt:

«Nicht nur der Geldadel, auch der kleine Mittelstand verarmte dabei, weil er zu arm war, um Aktien und Häuser zu besitzen. Diese Menschen hatten Sparguthaben und Lebensversicherungen, die dann nichts mehr wert waren. Zehn Jahre später haben sie Adolf Hitler zum Reichskanzler gewählt.»

Eine radikal andere Position vertritt der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman. In seiner Kolumne in der «New York Times» spricht er von einem «Paradigmenwechsel», der sich in den letzten Jahren ereignet habe und stellt fest:

«Und das neue Paradigma legt nahe, dass Staatsschulden kein gravierendes Problem sind und dass es richtig ist, Kapital aufzunehmen, wenn das Geld für sinnvolle Dinge verwendet wird.»

Die teils hysterisch vorgetragene Angst vor einem angeblichen Staatsbankrott sei im Zeitalter von Leitzinsen bei null Prozent völlig fehl am Platz, stellt Krugman weiter fest und folgert daraus: «Wenn die Regierung derzeit Geld aufnimmt, sind die Kosten sehr gering, und das wird mit grosser Wahrscheinlichkeit noch lange so bleiben.»

Fordert uns auf, Schulden zu lieben: Paul Krugman.
Fordert uns auf, Schulden zu lieben: Paul Krugman.
Bild: EPA/EPA POOL

Wenn sich der Staat in der aktuellen Situation verschuldet, so sei dies alles andere als verantwortungslos, führt Krugman weiter aus. Im Gegenteil: «Das ist ein Akt der Verantwortung, und wir sollten aufhören, uns Sorgen zu machen und stattdessen lernen, die Schulden zu lieben.»

Zu diesem Schluss kommt auch Sebastian Mallaby in «Foreign Affairs». Seinen Kritikern Chappe und Blyth entgegnet er, dass eine neue Austeritätspolitik das Dümmste sei, das man derzeit machen könne. Auch die Geldschwemme der Zentralbanken sei notwendig, um eine Depression zu vermeiden, wie dies in der Dreissigerjahren der Fall war.

In einem Punkt gibt Mallaby seinen Kritikern Recht. Das «magische Geld» kann in der Tat zu einer Vermögensinflation führen, von der hauptsächlich diejenigen profitieren, die bereits Vermögen haben. Um das zu verhindern, muss der Staat regulierend eingreifen. Deshalb stellt Mallaby fest:

«Das Zeitalter des magischen Geldes braucht eine regulatorische Aufsicht, denn wenn Kapital billig ist, wird es oft sorglos verschwendet. Das Zeitalter des magischen Geldes bietet jedoch die Gelegenheit, in Ausbildung, Klimapolitik und Wissenschaft zu investieren. Es muss keine grimmige Zeit sein. Es kann eine Zeit sein, in der sich neue Gelegenheiten öffnen.»
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