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Sparschwein

Mit dem Sparsäuli ist man auf der Bank nicht mehr gerne gesehen. Bild: Shutterstock

Banken im Zins-Notstand: Reine Sparer sind nicht mehr willkommen

Die Hoffnungen auf eine Zinswende haben sich zerschlagen. Das schlägt bei den Schweizer Banken aufs Gemüt. Eine Weitergabe von Negativzinsen an die Sparer wird wahrscheinlicher.



Gross war vor einem Jahr die Hoffnung bei den Banken, dass die Anomalie der Null- und Negativzinsen zu Ende gehen würde. Doch dann erhöhte die US-Notenbank FED als wichtigste Taktgeberin 2019 die Zinsen nicht etwa, sie senkte sie zweimal. Für die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizerische Nationalbank (SNB) war eine Zinserhöhung damit ebenfalls vom Tisch.

Daran wird sich so bald nichts ändern. «Die erhoffte Zinswende ist Geschichte, eine Normalisierung ist in weite Ferne gerückt», sagte Patrick Schwaller vom Beratungsunternehmen EY am Donnerstag bei der Vorstellung des Bankenbarometers 2020. Dieses wird jährlich erstellt und erfasst die Stimmungslage bei 100 Schweizer Privatbanken, Auslandsbanken, Regionalbanken und Kantonalbanken.

Federal Reserve Chair Jerome Powell gestures while speaking during a news conference after the Federal Open Market Committee meeting, Wednesday, Dec. 11, 2019, in Washington. (AP Photo/Jacquelyn Martin)
Jerome Powell

FED-Chef Jerome Powell verkündete 2019 keine Erhöhung, sondern eine erneute Senkung der Zinsen. Bild: AP

Sie hat sich innerhalb eines Jahres deutlich verdüstert. «Ein Drittel der Banken ist mit dem Geschäftsgang nicht zufrieden», sagte Schwaller. 2018 waren es etwas mehr als ein Fünftel. Denn die Aussicht auf eine lange Phase mit Negativzinsen und ausserordentlich flachen Zinskurven lässt die Margen im wichtigen Zinsdifferenzgeschäft weiter schmelzen und drückt auf die Erträge.

Defensive Anleger trotz Börsenboom

«Die Tiefzinspolitik hat das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch bewahrt, aber die Nebenwirkungen werden immer stärker spürbar», sagte Patrick Schwaller vor den Medien. Tiefe Zinsen sorgten für grosse Unsicherheit und eine tiefe Volatilität. Trotz des Booms an den Börsen verhielten sich die Anleger defensiv. Sie horten ihr Geld, obwohl sie dafür keinen Zins erhalten.

Auf diesen Zustand hat die Branche bislang keine Antwort gefunden. Ausser dass sie am liebsten keine Sparer mehr will. Bei 68 Prozent der befragten Banken seien reine Sparkunden nicht mehr willkommen, heisst es im Bankenbarometer. Dies betreffe besonders «opportunistische Neukunden», die nur einen sicheren Ort für ihr Erspartes suchen.

Die Zeiten, in denen solche Kunden nach der Finanzkrise ihr Geld bei den Grossbanken abhoben und von den Regional- und Kantonalbanken mit offenen Armen willkommen geheissen wurden, sind vorbei. Tatsächlich haben auch diese Institute laut der Befragung mehrheitlich kein Interesse mehr an einer Kundschaft, die ihr Geld einfach auf dem Sparkonto «parkiert».

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2015 schlossen 70 Prozent der Banken eine Abwälzung der Negativzinsen auf Sparer aus. 2019 waren es noch 21 Prozent. grafik: ey-Bankenbarometer

Gleichzeitig wächst bei den Banken die Bereitschaft, Negativzinsen auf die Sparkunden abzuwälzen. Als die Nationalbank diese Massnahmen 2015 einführte, schlossen dies noch 70 Prozent der befragten Banken kategorisch aus. 2019 waren es nur noch 21 Prozent. Kunden mit einem Nettovermögen unter 100'000 Franken dürften allerdings vorerst verschont bleiben.

Negative Hypozinsen?

Dafür rückt ein anderes Szenario in den Fokus: Hypotheken mit Minuszinsen. Es sind paradiesische Aussichten. Man nimmt einen Kredit auf für den Kauf von Wohneigentum und erhält auch noch Geld dafür. Und tatsächlich: Die Jyske Bank, das drittgrösste Bankinstitut Dänemarks, vergab letztes Jahr den weltweit ersten Hypothekarkredit mit negativem Zinssatz.

In der Schweiz dürfte dies allerdings «Wunschdenken» bleiben, so Timo D'Ambrosio von EY. Im Bankenbarometer bezeichneten 83 Prozent der Institute negative Hypozinsen als nicht realistisch. Einzig bei den Regionalbanken können sich immerhin 41 Prozent eine solche Massnahme in Einzelfällen vorstellen. Nur eine Bank aber zieht dies ernsthaft in Betracht.

Nachhaltigkeit ist kein Hype, aber ...

Womit aber wollen die Banken Geld verdienen, wenn das Zinsgeschäft nichts mehr hergibt? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Banken wollen ihre Sparkunden vermehrt motivieren, ihr Geld in Fonds und Wertschriften anzulegen. 54 Prozent orten hier ein Wachstumspotenzial. Die Frage ist für die EY-Experten, ob das Potenzial des Schweizer Marktes dafür genügend gross ist.

Polizisten stehen vor den Klimaaktivisten der Organisation Clima Justice welche den Eingang der Schweizer Bank Credit Suisse blockieren, aufgenommen am Montag, 8. Juli 2019 auf dem Paradeplatz in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Klimaprotest vor dem Hauptsitz der Credit Suisse in Zürich. Bild: KEYSTONE

Irritierend wirkt deshalb die Einstellung der Banken gegenüber dem Geschäft mit nachhaltigen Anlagen, das in den letzten Jahren enorme Wachstumsraten aufwies. Laut dem Verband Swiss Sustainable Finance (SSF) waren per Ende 2018 in der Schweiz bereits 716,6 Milliarden Franken nachhaltig angelegt. Das entspricht einer Zunahme von 83 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Grundsätzlich anerkennen dies die Banken. Eine klare Mehrheit von 81 Prozent ist überzeugt, dass es sich nicht um einen Hype handelt. Dennoch planen 55 Prozent der Regionalbanken eher oder gar nicht, ihr Angebot an nachhaltigen Anlagen auszuweiten. Und nicht einmal zehn Prozent aller Banken informiert die Kunden regelmässig über die Nachhaltigkeit ihres Anlageportfolios.

Auch bei der Kreditvergabe an kommerzielle Kunden spielt das Thema eine geringe Rolle. Dies mag sich angesichts der Klimaproteste, die auch die (Gross-)Banken ins Visier nehmen, mit der Zeit ändern. Dennoch erstaunt die Zurückhaltung angesichts des grassierenden Pessimismus in der Branche. Patrick Schwaller von EY ortet bei den Banken «Ratlosigkeit und mangelnde Kreativität».

Eine andere Stimme formulierte es am Rande der Medienkonferenz deutlich: «Die Banken waren lange verwöhnt.» Sie vertrauten auf das lukrative Geschäft mit der Steuerflucht. Branchen-Doyen Hans J. Bär hatte 2004 gemahnt, das Bankgeheimnis mache träge. Damals erntete er dafür Schimpf und Schande. In den heutigen Zeiten der Negativzinsen zeigt sich, wie recht er hatte.

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