Wirtschaft
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Marvin Schulze – oder warum Autisten die besseren Mitarbeiter sind

Marvin Schulze ist ein IT-Crack. Bild: watson 

Menschen mit Autismus sind oft äusserst intelligent und analytisch – aber arbeitslos. Der deutsche IT-Dienstleister Auticon lässt Software von Asperger-Autisten testen und entwickeln. Seit dem Frühjahr hat das Unternehmen auch eine Filiale in Zürich. Ein Besuch bei einer Firma mit Pioniergeist. 



Marvin Schulze spricht druckreif. Präzise, grammatikalisch korrekt, fliessend. Sprache liegt ihm. In seiner Freizeit entwickelt er eine neue Sprache, die er «Axoru» getauft hat. Es handelt sich um einen Mix mehrerer Sprachen, nur eben, laut Schulze, besser durchdacht, effizienter. Effizienz treibt den 28-jährigen Deutschen auch in seinem Job an. «Denn ich bin faul und automatisiere Abläufe lieber, anstatt die Arbeit von Hand zu machen», sagt er. 

Brutal ehrlich 

In einem Sitzungszimmer des Impact Hubs in Zürich erzählt Schulze von seinem Asperger-Autismus. «Ich weiss es, seit ich 15 bin. Im Radio lief eines Tages eine Sendung zum Thema und meine Eltern und ich waren uns einig, dass ziemlich viel davon auf mich zutrifft.» Das war noch keine Diagnose, aber für Schulze und seine Familie der Anstoss, einen Spezialisten aufzusuchen. 

Das Asperger-Syndrom ist eine Kontakt- und Kommunikationsstörung, die als abgeschwächte Form des Autismus angesehen wird. So hat Schulze Mühe, Signale wie Gestik, Mimik, Tonfall und Blickkontakt seines Gegenübers einzuordnen und auch die dahinter stehenden Gefühle nachzuempfinden. Ironie und Sprichwörter kann er schlecht deuten, wie es für Autisten typisch ist. Es kann vorkommen, dass jemand im Autismus-Spektrum zu seinem Kühlschrank eilt, wenn er gebeten wird, «seinen Senf dazuzugeben» – denn anders als andere Menschen hat er den bildhaften Charakter dieser Redewendung wörtlich genommen.

Autisten sind aber oft sehr intelligent, exakt, gewissenhaft und ehrlich. Allerdings sind sie auch häufig arbeitslos. Schulze arbeitet nun als IT-Berater bei Auticon, einer Firma, die ausschliesslich Autisten als Consultants anstellt.

«Positive Querdenker»

«Er ist ein sehr wertvoller Mitarbeiter», sagt Markus Weber, Geschäftsführer der Auticon Swiss AG. Die Firma beschäftigt in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und den USA über 150 Personen im Autismus-Spektrum und vermittelt sie an namhafte Kunden wie die Allianz, CNBC oder Fox News für zeitlich begrenzte Projekte. 

Im April hat Auticon eine Filiale in Zürich eröffnet. Der Rest der Deutschschweiz und die Romandie sollen 2019 dazukommen, wie Weber sagt. Als Standort dient momentan das Innovationszentrum Impact Hub. Dort trifft man Marvin Schulze momentan jedoch nicht oft an. Er prüft derzeit in einer grossen Schweizer Versicherungsgesellschaft Datenbankinhalte auf Fehler.

«Ein Autist sieht ein Problem oder einen Prozess anders als wir – und kann so in der Arbeitswelt gute Inputs auf den Tisch bringen, an die vorher noch niemand gedacht hat, oder alte Prozesse hinterfragen.»

Markus Weber, Geschäftsführer Auticon Swiss AG

Menschen im Autismus-Spektrum sehen nehmen die Welt anders wahr. Weber: «Ein Autist sieht ein Problem oder einen Prozess anders als wir – und kann so in der Arbeitswelt gute Inputs auf den Tisch bringen, an die vorher noch niemand gedacht hat, oder alte Prozesse hinterfragen. Ein positiver Querdenker also.»

Autisten können oft mit besonderen Begabungen in Logik, Detailtreue und Mustererkennung aufwarten. Fähigkeiten, die im Bereich IT und Data Analytics besonders wichtig sind. In Zeiten, wo alle HR-Manager das Wort Soft Skills grossschreiben, haben Autisten dennoch einen schweren Stand auf dem Arbeitsmarkt. 

Die Hälfte ist arbeitslos 

Viele Menschen mit Autismus könnten beruflich tätig sein – scheitern aber an sozialen Hürden. Studien gehen davon aus, dass weltweit nur zwischen fünf und 20 Prozent aller Autisten auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt sind. Einige finden geschützte Arbeitsplätze, rund die Hälfte bleibt jedoch arbeitslos. Dabei kann die berufliche Integration gelingen, wie ein Bericht des Bundesrats aus dem Jahr 2012 zeigt. 

Anstellungsquote für Menschen mit Beeinträchtigung

Die Jungen Grünen bereiten einen parlamentarischen Vorstoss vor, der verbindliche Quoten für die Anstellung von Menschen mit Behinderung fordert. In Unternehmen ab einer Grösse von 100 Mitarbeitenden soll mindestens ein Prozent der Belegschaft aus Menschen mit Beeinträchtigung bestehen – «Menschen mit Autismus eingeschlossen», sagt Co-Präsident Luzian Franzini auf Anfrage. Einreichen wird das Postulat ein Mitglied der Fraktion der Grünen. 

«Autisten sind zu ehrlich für Bewerbungsgespräche»

Markus Weber, Geschäftsführer Auticon Swiss AG über Autisten

Markus Weber: «Oft bewerben sich Autisten schon gar nicht auf Stellenangebote, weil dort beispielsweise steht ‹Teamkompetenz und Flexibilität erwünscht.› Dann denken sie sich: ‹Nee, hab' ich nicht.›» Spätestens nach dem ersten Treffen würden sich die Türen sowieso wieder schliessen, weil sie sich nicht «verkaufen» könnten. «Autisten sind zu ehrlich für Bewerbungsgespräche», so Weber. 

Auticon führt deshalb auch keine Bewerbungsgespräche durch. Interessierte durchlaufen ein Assessment mit verschiedenen Tests, die ihre analytischen Fähigkeiten prüfen.

Test-Beispiele 

Marvin Schulze ist studierter Informatiker. Erfahrung im IT-Bereich sind bei Auticon aber nicht zwingend. Weber: «Gewisse unserer Mitarbeiter erkennen Fehler in einem Code einfach, ohne danach zu suchen. Da braucht es kein Studium.» Ihm ist jedoch wichtig, festzuhalten: «Wir sind ein gewinnorientiertes Unternehmen und keine Behinderten-Werkstatt.»

Angepasster Arbeitsplatz 

Um Schwachstellen der IT-Spezialisten in den sozialen Kompetenzen abzufedern, gibt es bei Auticon Job-Coaches. Das sind Psychologen oder Pädagogen, die sich auf Personen im Autismus-Spektrum spezialisiert haben. 

Lejla Rahmanovic geht vor den jeweiligen Einsätzen in der Firma des Kunden vorbei und bereitet den Arbeitsplatz vor. «Das geht vom Kopfhörerhinlegen über das Entfernen von Pflanzen bis hin zum Verhandeln für ein Einzelbüro.»

Dann klärt sie die Teammitglieder über die Besonderheiten des jeweiligen Consultants auf. «Ich mache sie darauf aufmerksam, dass unser Mitarbeiter beispielsweise nicht gerne Hände schüttelt, sich durch penetrante Parfums gestört fühlt oder sehr direkt sagen kann, wenn ihm etwas nicht passt.»

Bild

Lejla Rahmanovic, Marvin Schulze und Markus Weber vor dem Impact Hub in Zürich.  bild: watson 

Letzteres sei besonders wichtig, um Konflikte zu vermeiden. Rahmanovic schmunzelt: «Sagt einer unserer Consultants in der Sitzung, die Programme seien schlecht geschrieben, ist das etwas unangenehm – besonders, wenn die Programmierer mit im Raum sitzen.» 

Auch in der Art und Weise wie man mit Autisten kommuniziert, sei ein Briefing wichtig. Rahmanovic: «Wir drücken uns oft unklar aus – ‹treffen wir uns nachher zum Essen› etwa ist ein schwieriger Satz. Man sollte sagen: ‹Ich würde gerne mit dir essen gehen, treffen wir uns um zwölf in der Kantine›. Sonst verwirrt man viele unserer Mitarbeiter.»

«Es gibt die, die sich durchwurschteln. Das sind dann die seltsamen Käuze.»

Autismus-Expertin Ursula Franke

In der Schweiz geht man von rund 80'000 Betroffenen aus. Experten vermuten jedoch, dass viele ohne entsprechende Diagnose durch das Leben gehen. «Das sind Leute, die sich in sozialen Situationen unwohl fühlen, sich aber nie auf Autismus haben testen lassen», sagt Nadja Kehrli der Stiftung Autismuslink. So würden gewisse Personen 20 oder gar 30 Jahre leiden, bevor sie mit der Diagnose endlich eine Erklärung dafür erhalten, warum sie ihr Leben lang angeeckt sind. Autismus-Expertin Ursula Franke sagte kürzlich provokativ zu Zeit Online: «Es gibt die, die sich durchwurschteln. Das sind dann die seltsamen Käuze.»

Die Popkultur rückte Autismus in den letzten Jahren mit Filmen wie «Rain Man» oder Sheldon in der Serie «The Big Bang Theory» in den Fokus. Die Protagonisten auf den Kinoleinwänden können sich sämtliche Nummern eines Telefonbuches in einer Nacht einprägen oder kennen alle Flugunfälle mit Flugnummern und Anzahl der Todesopfer auswendig.

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Rain Man – US-Filmdrama mit Dustin Hoffman (links) und Tom Cruise. bild: wikipedia 

Doch dabei handelt es sich um ein romantisiertes Bild des Autismus. Denn während bei weitem nicht alle Autisten Savants sind, kämpfen gewisse Betroffene ihr Leben lang mit schwersten Beeinträchtigungen. 

Bei Auticon arbeiten Asperger-Autisten mit durchschnittlichem bis hohem Intelligenzquotienten. Die Firma plant, im Raum Zürich in den nächsten Monaten 25 Consultants anzustellen, und ist derzeit auf der Suche nach neuen Talenten.  

World of watson: Diese Kollegen-Typen gibt es 

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Video: watson

55 Perfektionisten bei der Arbeit: Besser geht nicht

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    Alle Leser-Kommentare
  • ralck 03.08.2018 16:24
    Highlight Highlight Auch wenn für mich Rain Man (1988) nicht als Film der letzten Jahre zählt, wuchs in den letzten Jahren sicher die Aufmerksamkeit. Kinder, die im Kindergarten nicht mit anderen Kindern spielen wollen, werden bereits mit dem Asperger in Verbindung gebracht. Wohl ein Gegentrend zum ADHS.


    Die Zusammenarbeit mit einem Autisten kann sehr schön, aber auch sehr anstrengend sein. Sie machen zwar ihre Arbeit perfekt, sehen dafür aber nicht unbedingt zu erledigende Aufgaben von selbst.

    Andere Frage: Wie viel verdienen diese Menschen? Es wäre eine Schande, diese Menschen wirtschaftlich auszunutzen!
  • Pingus 03.08.2018 12:38
    Highlight Highlight Danke für den Artikel. Was mir noch fehlt ist der Hinweis, dass Autisten meistens (immer?) eine andere Sinneswarnehmung haben und z.B. Geräusche nicht ausblenden können. Berührungen können sehr unangenehmem sein oder optische Reize lenken sehr ab (z.B. vollgestopftes Zimmer) uvm.
  • El Schnee 03.08.2018 11:29
    Highlight Highlight «Ein Autist sieht ein Problem oder einen Prozess anders als wir ...“
    Dieser Satz bringt ein wesentliches Problem psychiatrischer Diagnosen auf den Punkt: von welchem WIR wird hier geredet? Wieso gibt es die irrige Meinung, dass Menschen meistens alles gleich sehen, das umgekehrte ist der Fall: niemand sieht die Welt genau so wie ein anderer. Auch wenn Diagnosen ‚gut gemeint‘ sind und manchmal einen Schutzraum bieten, können sie zur Falle werden und fixieren Menschen. Im schlimmsten Fall wird man dann nicht nur sprachlich ausgegrenzt, sondern auch noch medikamentös misshandelt.
  • Jazzdaughter 03.08.2018 10:29
    Highlight Highlight Guter Artikel, klärt weiter über die Situation von Menschen mit Autismus auf - danke Watson.
    Ich möchte nur anmerken, dass es zwar lobenswert ist, wenn man Autisten in den Arbeitsmarkt integriert, aber: Wir dürfen nicht vergessen, dass die Würde dieser Menschen nicht davon abhängig ist, ob sie "von Nutzen" in der Wirtschaft und/oder Gesellschaft sind. (Selbstverständlich gilt Letzteres für alle Menschen)
    • Money Matter 03.08.2018 21:38
      Highlight Highlight Danke für deinen Kommentar. Auf den Punkt gebracht.
  • Bluespicker 03.08.2018 09:54
    Highlight Highlight Die Firma Rafisa in Erlenbach hat seit Jahren ähnliche Zielsetzungen und engagiert sich auch stark in der Ausbildung von IT-Lernenden
    • endera 03.08.2018 11:04
      Highlight Highlight Die Asperger AG wurde ebenfalls diesem Zweck gegründet. 😊

«Google kann heute schon erkennen, ob ein Mensch depressiv ist»

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